30 Jahre Transmediale Alien Matter

Kitty AI by Pinar Yoldas
Kitty AI by Pinar Yoldas | ©Luca Girardini, CC NC-SA 4.0

Anlässlich des 30. Jubiläums des Medienfestivals Transmediale zeigte das Haus der Kulturen der Welt die neuesten technischen Entwicklungen einmal in einem ganz anderen Licht, namentlich: als  eine von Menschen erschaffene „Fremde Materie“.  

30 Jahre transmediale – und immer noch ist das Berliner Medienfestival „ever elusive“, so schwer zu greifen wie sein Motto 2017. Dieses Mal wurde ab Februar sogar einen ganzen Monat lang das Ineinandergreifen von physisch und digital erkundet: Wie immer mit einem bunten Programm aus akademisch gehaltenen Diskussionen, Workshops und künstlerischen Aktivitäten und u.a. einem eindrucksvollen Auftritt der Performance-Künstlerin Laurie Anderson. Auch das angeschlossene CTM-Festival erstreckte sich mit seiner Ausstellung zur elektronischen Musikszene in Mexico bis Ende März.

Das CTM (ehemals: club transmediale) machte mit einem Schwerpunkt auf ganz unterschiedlichen musikalischen Ausdrucksformen seine eigene Katharsis durch. „Fear Anger Love“ war das emotionale Motto. Ganz so, als wollte es die Besucher durch die Konzerte, Performances und Talks auf eine Reise zu sich selbst bringen. So organisierte das iranische Kunst-Event SET etwa eine persische Nacht mit Ambient und Noise aus dem Teheran. Dabei wurden Techno und traditionelle iranische Instrumenten, wie die Setar, eine Laute, und die trapezförmige Santur zusammengeführt und visuell mit hypnotischen experimentellen Mustern akzentuiert. Ein akustisches Debakel? Keineswegs, vielmehr ein zeitgemäßes Update, schließlich nannte sich die Darbietung nicht umsonst „persische Techno-Apokalypse“.

Das vertraute Unvertraute

Die transmediale fokussierte besonders auf die Implikationen von Künstlicher Intelligenz. In einer speziellen Ausstellung zum 30. Jubiläum zeigte sie technische Entwicklungen als „Fremde Materie“ – von Menschenhand entwickelt, aber dennoch fremd.  Der Gedanke dahinter: Autonome Einheiten, wie etwa Sensoren, handeln heute aktiv, wenn auch noch nicht selbstbestimmt. Es scheint, als bekommen die Dinge ein Eigenleben. Zumindest behandeln wir sie schon wie unsere Gegenüber. So geschehen etwa bei Amazons intelligentem Assistenten Echo, der dem Nutzer das Leben erleichtern soll, indem er ständig zuhört.

„Durch die Technologie veränderte Umgebungen resultieren in neuen Beziehungen zwischen Mensch und Maschine“, erklärt Kuratorin Inke Arns. Die 30 Exponate in der Ausstellung „Alien Matter“ im Haus der Kulturen der Welt (HKW) zeigten eine Annäherung an diese neue Beziehungen, manchmal ironisch, manchmal wollten sie irritieren, manchmal auch einfach auf das Offensichtliche hindeuten. Dass nämlich das Internet, so digital unsichtbar es für unser Auge ist, sich doch eigentlich in einem Wirrwarr an Kabeln und Servern manifestiert.
 

  • XXXX.XXX by Addie Wagenknecht © Addie Wagenknecht
    XXXX.XXX by Addie Wagenknecht
  • Video Palace #44 ÔÇô The Hidden Universe by Joep van Liefland
    Video Palace #44 ÔÇô The Hidden Universe
  • Protekto.x.x. 5.5.5.1.pcp by Johannes Paul Raether
    Protekto.x.x. 5.5.5.1.pcp
  • Protekto.x.x. 5.5.5.1.pcp by Johannes Paul Raether
    Protekto.x.x. 5.5.5.1.pcp
  • Evan Roth_Burial Ceremony by Luca Girardini, CC NC-SA 4.0
    Evan Roth_Burial Ceremony
  • An Internet by Jeroen van Loon Foto: Luca Girardini, CC NC-SA 4.0
    An Internet by Jeroen van Loon

Evan Roth,  Gründer des Kunst-Kollektivs F. A. T. Lab demonstrierte dies imposant in seiner Installation „Burial Ceremony“. Darin  bahrte er ein Glasfaserkabel von zwei Kilometer Länge in Form einer Acht bzw. gleich einem Unendlichkeitszeichen auf. Ein Monument, aber tatsächlich auch gängige Praxis beim Transport dieser Kabel, denn so verknoten sie nicht. Dann erst werden sie im Boden versenkt, damit sie die das Internet über den Kontinent bringen.  
Das ist dann also alles, was das Internet symbolisiert: ein wie ein Ornament zurechtgelegtes Kabel. Es hat etwas Poetisches – würde man nicht gleichzeitig daran erinnert, wie Geheimdienste doch genau diese Übersee-Kabel anzapfen und aushorchen.

Im Reich der Internet-Hexen

Wie sehr wir der digitalen Technik – und vor allem ihren physischen Produkten – bereits hörig sind, das vermittelte Johannes Paul Raether mit seiner Installation „Protekto.x.x. 5.5.5.1.pcp“. Weniger als Techno-Guru denn Internet-Hexe, mit roten Zöpfen verkleidet, beschwört er unsere Abhängigkeit am Beispiel der Produkte von Apple. Mit seiner Performance letztes Jahr im Berliner Apple Store, der „iPhone-Kathedrale“, wie er ihn nennt, wollte er ein Zeichen setzen. Das hatte allerdings einen Großeinsatz der Polizei zufolge und er schaffte auf die Titel der Berliner Boulevard-Zeitungen. Mit dem für Menschen ungefährlichen chemischen Element Gallium zersetzt er kunstvoll Außenhaut und Innereien des iPhones zum filigranen Tropfen-Objekt. In der Ausstellung bahrte er es auf einem Altar auf.

Auf die Besucher im HKW schien diese Zerstörung dieser geliebten Gadgets am meisten Faszination auszuüben. Vielleicht erreichte sie dieses Erlebnis viel unmittelbarer als die kritischen Diskussionen. Denn wenn alles gesagt ist, beginnt in der Tat das sinnliche Erlebnis. Das demonstrierte auch „SOL“ in einer der Hallen des Berghains anschaulich. Die Installation des österreichischen Künstlers Kurt Hentschläger thematisierte Kontrollverlust, Bewusstseinsveränderung und ein Gefühl von Desorientierung und Zeitlosigkeit. Von einer pechschwarzen Finsternis ging es ins gleißende Licht, das die Besucher mit einem Stroboskop-Effekt einzusaugen schien. Spätestens hier war auch der Körper bei den Themen der beiden Festivals angekommen. Ausweichen folgte auf Schock und auf langsames Herantasten: „Fear Anger Love“. Vielleicht ist es nicht Liebe am Ende der Installation, aber doch immerhin das Annehmen und Akzeptieren des Anderen.