Diskurse des Zusammenlebens Skulptur Projekte Münster

Skulptur Projekte Münster
Das diesjährige Logo der Skulptur Projekte Münster, das in Anlehnung an Georg Rickey wahrscheinlich nicht ganz zufällig "rotiert" | Skulptur Projekte Münster

Von Juni bis Oktober 2017 lädt die Stadt Münster nach zehn Jahren erneut zur Großausstellung „Skulptur Projekte“. 35 internationale Künstler zeigen darin unterschiedlichste Aspekte des Körperlichen in Zeiten der Digitalisierung.

Wohl kaum ein Münsteraner hätte sich je träumen lassen, dass das Projekt „Skulptur Projekte“ einmal als Musterbeispiel für einen demokratischen Austausch zwischen Stadt und Bürgern gilt und auch 40 Jahre nach seiner Gründung noch immer Fragen nach Formen und Kriterien von Kunst im öffentlichen Raum behandelt. Ganz im Gegenteil! Ihren Ursprung hat die Ausstellung nämlich in einem öffentlichen Streit um George Rickeys kinetische Skulptur Drei rotierende Quadrate 1974.

Die Bürger Münsters verwehrten sich in verärgerten Leserbriefen und offenen Protesten gegen den Beschluss des damals neu ins Leben gerufenen städtischen Kunstrats zum Ankauf und zur Aufstellung der Skulptur. Auch nach der Schenkung der Skulptur und der Positionierung durch den Künstler persönlich ebbten die öffentlichen Proteste nur langsam ab. Ein damaliger Zeitungsbericht schilderte die Situation anschaulich:  

„Wo ist denn der Künstler? fragte gestern ein Passant und war höchst erstaunt, ihn beim Putzen zu finden: George Rickey (67) scheuerte seine 'rotierenden Quadrate' mit Ata auf Hochglanz. Und wenig später drehten sie sich in viereinhalb Metern Höhe im leichten Wind und blinkten in der Sonne. Münsters erste kinetische Plastik und erste moderne Freiplastik überhaupt hatte ihre Premiere in der Engelenschanze hinter sich."

George Rickey: Drei Rotierende Quadrate Variation II,  1973 (Rasenfläche auf der Engelenschanze gegenüber dem Museum für Lackkunst) George Rickey: Drei Rotierende Quadrate Variation II, 1973 (Rasenfläche auf der Engelenschanze gegenüber dem Museum für Lackkunst) | Stadt Münster Um diesgearteten Streitereien fortan vorzubeugen und den Stadtbewohnern eine nähere Auseinandersetzung mit moderner Kunst zu ermöglichen, wurde „Skulptur Projekte“ ins Leben gerufen. Seit 1977 werden für die Ausstellung im 10-Jahres-Rhythmus ausgewählte Projekte internationaler Künstler realisiert. Die eigens für die Ausstellung kreierten Werke behandeln über den gesamten Stadtraum verteilt aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen und sind jeweils drei Monate lang kostenlos zugänglich. Die letzte „Skulptur Projekte“ im Jahr 2007 zog nach Schätzungen rund 500.000 Kunstinteressierte aus aller Welt an. 

Öffentlicher vs. Privater Raum 

In seiner fünften Ausgabe 2017 reflektiert Skulptur Projekte zum einen das Körperliche in Zeiten der Digitalisierung und zum anderen das Verhältnis von öffentlichem und privatem Raum in der Post-Snowden Ära. Stärker als in den vorangegangenen Ausstellungen ziehen die drei Kuratoren Kasper König, Marianne Wagner und Britta Peters dafür auch die darstellenden Künste mit ein. Sie dienen in gewissem Sinn als Bindeglied zwischen traditionellen Skulpturen, dem Körperlosen-Dasein im digitalen Raum und sollen eine objektive Auseinandersetzung mit dem Thema „Verkörpern und Verschwinden“ ermöglichen.

Neben öffentlichen Performances werden unter anderem Gintersdorfer/Klaßen mit der Theatergruppe Kabuki Noir Münster ein neues Stück entwickeln und der Künstler Aram Bartholl soll laut Presseerklärung eine Feuer-Installation präsentieren, an der sich mittels einer „Stockbrot-Technik“  Handys aufladen lassen. Man darf gespannt sein!

 Alle Künstler im Überblick

Ei Arakawa "Tryst", Taka Ishii Gallery Tokyo 2017 Ei Arakawa "Tryst", Taka Ishii Gallery Tokyo 2017 | Ei Arakawa "Tryst", Taka Ishii Gallery Tokyo 2017 Mit dem Performance Künstler Ei Arakawa (* 1977, Fukushima) und dem Videokünstler Koki Tanaka (* 1975 Tochigi) befinden sich unter den 35 geladenen Künstlern 2017 zudem auch zwei Künstler aus Japan. Der Wahl- Berliner Ei Arakawa wird, ähnlich wie in seiner Ausstellung „Tryst“ (Taka Ishii Gallery Tokyo, 2017), im Rahmen der Skulptur Projekte die Beziehung zwischen Kunstwerk und Performance näher beleuchten. In einer Musikinstallation transferiert er zeitgenössische Gemälde auf eine Gruppe LED-Wände auf einer Grünfläche am hinteren Teil des Aasees und entwickelt mit Musikstücken zwischen den Wänden eine eigene Geschichte. 

Koki Tanaka, der in seinen Arbeiten immer wieder anschaulich die Möglichkeiten von Krisen und Katastrophen aufzeigt, beschäftigt sich dagegen in Münster mit der Frage: „How to live together?“ Für das Projekt erarbeitete er vorab in einem Workshop mit acht Teilnehmern Filme, die unterschiedlichste Reaktionen auf die Flüchtlingskrise zeigen. Die aufgenommenen Aktionen und Gespräche transferieren das zentrale Thema, das die Großausstellung seit ihrer Gründung bewegt in einen ganz konkreten zeitgenössischen Kontext und unterstreichen die Bedeutung eines offenen Diskurses für das Zusammenleben von Gruppen und Gesellschaften.
 
Vom 10. Juni bis zum 1. Oktober 2017 sind im Rahmen der Skulptur Projekte 35 Kunstwerke internationaler Künstler an verschiedenen Orten im Stadtraum von Münster öffentlich ausgestellt und kostenfrei zugänglich.