Uninvited Guest Wenn die Unerwünschten Mitmachen

Metoo und Blackbox
© Shiori Ito/pexels

„Mitmachen“, das hat einen schönen Klang, eine positive Note. Es erinnert an Sportsgeists, an „Dabei sein ist Alles“ – doch nicht von allen ist das Mitmachen erwünscht.

In meinem Spezialgebiet, der Medien- und Journalismusforschung, ist Mitmachen als Teil des Oberbegriffs „Partizipation“ gerade ein heißes Thema. Besonders der Siegeszug der neuen Medien hat dazu beigetragen, dass die Tragweite von Partizipation heute völlig neue Ausmaße annimmt. Alles, was man braucht, ist ein Smartphone, das heutzutage jeder hat, und schon kann man Videos aufnehmen und auf eine Website hochladen. Twitter, Facebook, Line, WeChat, WhatsApp – eine nicht enden wollende Zahl verschiedenster Internetplattformen, auf denen man mit genug „Freunden“ oder „Followern“ im Nu seine eigenen Beiträge in der gesamten Welt verbreiten kann; oft sogar schneller und mit größerem Effekt als die traditionellen Massenmedien.

Die Sprache und Ausdrucksweise in solchen Formen von „Partizipation“ erfahren dabei drastische Veränderungen. „Partizipation“ an sich ist jedoch schon seit geraumer Zeit ein erklärtes Ideal und Ziel von Medien.

Schon 1923 schrieb Bertolt Brecht in seiner Rede „Der Rundfunk als Kommunikationsapparat“:
 

„Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens […] das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen. […] Deshalb sind alle Bestrebungen des Rundfunks, öffentlichen Angelegenheiten auch wirklich den Charakter der Öffentlichkeit zu verleihen, absolut positiv.“

Das Brechtsche Ideal

Brecht zufolge wäre also ein Apparat, mit dem der in nur eine Richtung funktionierende Rundfunk in ein Medium der Zwei-Wege-Kommunikation verwandelt werden könnte, die Verwirklichung einer idealen Gesellschaft. Dieses Brechtsche Ideal von Partizipation war bis in die 1990er Jahre ein wesentliches intellektuelles Leitparadigma der Medienforschung.

Medienbasierte Partizipation ist inzwischen einfacher denn je – doch wie weit hat das unsere Gesellschaft auch wirklich verbessert? Unzählige neue Kommunikationswege und die Verbreitung des Internets helfen in der Tat jedem, kinderleicht seine Nachrichten an eine enorme Zahl von Menschen zu verschicken. Dennoch scheinen viele der Inhalte, die über das Internet verfügbar gemacht werden, nur eine Neuauflage althergebrachter Medienformen zu sein. Ganz zu schweigen davon, dass sich in den Weiten des Internets auch extreme Ansichten tummeln – bis hin zu Diffamierungen und Hassreden.

Auch wenn jedem theoretisch die Möglichkeit einer partizipatorischen Kommunikation offen steht, ist es noch ein weiter Schritt bis zu tatsächlichen Veränderungen in der Gesellschaft. Oder sind diese Veränderungen vielleicht schon näher als wir glauben? Man denke nur an Technologiegiganten wie Google oder Facebook, deren Macht über Kommunikationswege und -plattformen sich mittlerweile als ernstzunehmender politischer Einfluss manifestiert.

#ME TOO ALS HERAUSFORDERUNG FÜR MÄNNLICHE REGELN

Me too © pixabay Die technischen Möglichkeiten für Partizipation sind nun zwar gegeben, doch allein damit ist es nicht getan. Es geht nämlich nicht nur um die „Postings“ und die „Performance“ auf Plattformen, sondern auch darum, welche Sprache, welche Ausdrucksweise, welche Werte hinter diesen aufkeimenden Subkulturen stehen – und wer an deren Gestaltung beteiligt ist. In diesem Kontext ist die Idee von „Partizipation“ also noch ein weiteres Mal zu überdenken, denn es ist diese Art der Partizipation  - vielleicht mehr als jede andere - , die das Brechtsche Ideal realisiert, den Menschen „sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren“.
 
Denken wir also einmal zurück, wo und auf welche Weise wir bisher in den Medien „partizipiert“ haben. Im Jahr 2017 sticht hierbei besonders der Fall der sexuellen Belästigungen von Frauen und Minderheiten (vor allem in Hollywood) heraus, im Zuge derer nun mehr und mehr Opfer die Stimme erheben. Von einflussreichen Filmproduzenten bis hin zu berühmten Nachrichtensprechern nehmen die Anklagen und Vorwürfe gegen Persönlichkeiten der Medienwelt -  auch nach diversen Rücktritten, Entlassungen und Schmähungen -  scheinbar kein Ende. Inzwischen beschränkt sich das Ausmaß der Berichte von sexuellen Übergriffen längst nicht mehr auf die Film- und Medienwelt. In der Internetindustrie, in politischen Kreisen und in der Wirtschaftswelt gleichermaßen sprechen Frauen nun über Übergriffe, vereint unter dem Twitter-Hashtag #metoo.

Eine große Anzahl Frauen partizipiert dadurch also nicht nur in den Medien, sondern im öffentlichen Raum generell. Doch zeigt gerade dieser Fall umso deutlicher, inwiefern Frauen in vielen Bereichen konsequent nach „Männerregeln“ spielen müssen und entsprechenden Werten unterliegen. Die Sprache und Ausdrucksweise werden von Männern vorgeschrieben und die Öffentlichkeit ignoriert nur zu gerne die Tatsache, dass sich Frauen und Minderheiten „männlicher“ Autorität unterordnen müssen. Die Rollenverteilung und Rangordnungen unterliegen der Kontrolle durch den männlichen Blick und viel zu viele Frauen und Minderheiten finden sich damit ab, beschwichtigen sich gar selbst mit Mantras, wie „da kann man nichts machen“ oder „es ist ja meine eigene Schuld“. Angesichts der immer lauter werdenden Vorwürfe von sexuellen Belästigungen und Übergriffen in der Medienindustrie stellt sich nun die Frage, wer darin bisher überhaupt wirklich „partizipieren“ konnte.
 
Mir ist klar, dass viele Männer sich dadurch angegriffen fühlen. „Moment mal“, kommt der Widerspruch, „ich kann mich nicht erinnern, solche 'Regeln' aufgestellt zu haben. Wir sind auch nur Rädchen im Getriebe. Es reicht langsam mit dieser Opfermentalität.“
 
Es ist schon richtig, dass die Männer, die jetzt in der Medienindustrie arbeiten, nicht eigenständig alle  Regeln und Verhaltensmuster definiert haben. Und sicher sind nicht alle Männer Bösewichte, die im Geheimen sexuellen Übergriffe planen. Vielmehr geht es um althergebrachte Traditionen, Regeln und Werte, an denen sich diese Industrie orientiert und die eine direkte Folge der langen männlichen Dominanz in diesem Sektor sind. Zu nennen wären beispielsweise die langen Arbeitszeiten, die große physische Belastung, die mit ihnen einhergeht und entsprechende körperliche Voraussetzungen mit sich bringt, sowie die Vermarktung und Objektivierung von Frauen und die Nichtbeachtung und der Ausschluss von Minderheiten. Das eigentliche Problem ist also, dass Männlichkeit so stark in die Strukturen und in die Kultur der Medienindustrie eingebettet ist, dass sich die Frage nach dem Geschlecht wie von selbst über alle anderen Aspekte hinaus in den Vordergrund drängt.

In der Black Box

Auch in Japan kam es in diesem Jahr zu einer Enthüllung. Eine Journalistin fasste den Mut, die von ihr erfahrenen sexuellen Übergriffe und Gewalttaten durch einen berühmten japanischen Journalisten offen zu legen. Ihr 2017 erschienenes Buch Black Box spricht von den psychischen Qualen, mit denen sie zu kämpfen hatte und schildert mit bemerkenswerter Fassung ihre persönlichen Erfahrungen mit der Polizei und dem Rechtssystem im Zuge ihrer Vergewaltigung.
 

Wer Black Box liest, versteht schnell woher dieser Titel kommt. So herrscht in der Welt der japanischen Medien wie der japanischen Gesellschaft allgemein eine Mentalität der Verschlossenheit wenn es um sexuelle Gewalt geht – eine „black box“ im wahrsten Sinne des Wortes also, die es ungeheuer schwierig macht, eine öffentliche Diskussion zum Thema sexueller Gewalt in die Wege zu leiten.

Öffentlich über Vergewaltigung zu reden, war in Japan bisher ein Tabu. Opfer wurden gedrängt, sich mit öffentlichen Äußerungen zurückzuhalten. Doch die Autorin von Black Box durchbricht dieses Schweigen und nennt die Dinge beim Namen. Sie bringt Licht in das Dunkel der „black box“ und beginnt damit, die ihr zustehende Rechte auch einzufordern. Wer solchen Mut zeigt, so finde ich, sollte nie alleine stehen müssen. Es ist an der Zeit, dass die „Unerwünschten“ ihren Platz und ihre Stimme im öffentlichen Raum finden, dass unsere Gesellschaft sich in eine verwandelt, in denen sich die vielen Opfer nicht alleine in den Schlaf weinen müssen, sondern Schutz und Trost finden. Denn das ist es, was eine Idee von öffentlicher Partizipation wirklich bedeutet.

Partizipation als gesamtgesellschaftliches Konzept

Diese „öffentliche Partizipation“ (engl. „public participation“), auch Bürgerbeteiligung genannt, ist eine Bewegung die weit über die Medienindustrie oder Geschlechterfragen hinausgeht. Es geht nicht nur um Frauen, sondern um all diejenigen, deren Rechte im öffentlichen Raum keine Beachtung finden, die vergessen werden, die ausgelassen werden – und darum, ihnen im öffentlichen Raum Anerkennung zu verschaffen. Die Bürgerrechtsbewegung, die Arbeiterbewegung, die Umweltbewegung, der Multikulturalismus – sie alle begannen als Debatten um das Recht auf Teilnahme im öffentlichen Raum. Nur durch öffentliche Partizipation können solche Bewegungen Auslöser sein für Veränderungen, die dann in der gesamten Gesellschaft Wellen schlagen.

„Partizipation“ ist ein politisches Problem und als solches wird es dabei immer zu Kollisionen mit bestehenden Strukturen und System kommen. Das ist kein Zuckerschlecken, denn es geht darum, bestehende Regeln und Werte zu verändern und Machtverhältnisse zu relativieren. In diesem Sinne ist „Partizipation“ erstmals als gesamtgesellschaftliches Konzept zu verstehen.