„In den Gängen“ bei Horizonte 2019 Thomas Stuber und Franz Rogowski im Interview: „Liebe und Tod im Großmarkt“

Franz Rogowski und Thomas Stuber im Interview
© Yohta Kataoka

Regisseur Thomas Stuber und Schauspieler Franz Rogowski begleiteten ihren Film „In den Gängen“ zum „Festival des deutschen Films - Horizonte 2019“ nach Tokyo. Dort stellten sie sich nicht nur den Fragen des Kinopublikums bei mehreren Q&As, sondern sprachen auch mit der Online-Redaktion des Goethe-Instituts Tokyo über ihren Film im neuen kulturellen Kontext.

Goethe-Institut Tokyo: "In den Gängen" war einer der Publikumslieblinge 2019 beim Filmfestival Horizonte - was ist euer Eindruck: Warum gefällt der Film dem japanischen Publikum so gut?
 
Rogowksi: Ich kann sagen, dass wir sehr warmherzig aufgenommen wurden, und das ist schön, weil man so einen Film auch für sich und fürs Kino macht. Aber wir sind beide keine Filmschaffenden, die kalkuliert Filme fürs Publikum entwerfen - uns geht es um den Film als solchen. Nichstdestotrotz existiert er am Ende aber nur in der Betrachtung, also ist es sehr schön, dass er hier so interessiert aufgenommen wird.

Interview Horizonte 2019 Stuber & Rogowski © Yohta Kataoka Ich habe auch mit Toshiki Okada über den Film gesprochen - Toshiki Okada ist ein Theatermacher, der aus Japan kommt und in München mit uns das Stück „No Sex“ gemacht hat - und er sagte, dass er die Einsamkeit, die der Film erzählt, und dieses Gemeinsam-Einsam-Sein, dass er das sehr gut nachempfinden kann und dass er das eigentlich aus deutschen Filmen nicht gewohnt sei. Er hatte dadurch das Gefühl, dass ihm der Film sehr nah ist als Japaner, obwohl es ein deutscher Film ist. Ich weiß aber nicht, ob das exemplarisch ist oder ein Einzelfall.
Es war aber sehr interessant für mich, dass ein Film, der ja Ost-West thematisiert, in so einer ganz großen globalen Ost-West-Betrachtung dann auch funktioniert.

Stuber: Um das wirklich gut beantworten zu können, müssten wir mal bei einer Vorstellung dabei sein. Das haben wir jetzt noch nicht gemacht. Wir sind jetzt schon eine ganze Weile mit dem Film unterwegs, und da kriegt man die direkten Reaktionen zum Film natürlich mit: Wo wird in welchem Land gelacht, welcher Witz kommt an und wie wird mit einer traurigen Szene umgegangen? Vielleicht setze ich mich morgen mal mit in den Saal.

Rogowksi: Manchmal gibt’s auch ein leises Publikum, das sich total freut, aber man fühlt das gar nicht…

Franz Rogowski und Thomas Stuber beantworten die Fragen des Publikums beim Q&A nach einer Aufführung von "In den Gängen" bei Horizonte 2019 in Tokyo. Franz Rogowski und Thomas Stuber beantworten die Fragen des Publikums beim Q&A nach einer Aufführung von "In den Gängen" bei Horizonte 2019 in Tokyo. | © Goethe-Institut Tokyo Stuber: Man hat hier gerade nach der Aufführung aber schon gemerkt: Alle konnten was damit anfangen und sind zum Q&A geblieben. Das ist natürlich toll. Ich hab auch das Gefühl, dass das Publikum in Japan grundsätzlich an Kino, an Filmen, an Arthouse interessiert ist. Ich meine damit jetzt gar nicht, dass sich das in Zahlen wiederspiegelt, aber die Leute, die da sind, wissen schon ziemlich viel und sind sehr wissbegierig.
Eine andere Anekdote, und das ist schon fast ein Klischee, ist das Kinoplakat: Da hat man für Japan ein ganz anderes Motiv ausgewählt. Überall anders auf der Welt wird ein romantisches Motiv gewählt - Christian, Marion und die Kerze - und hier ist es das Motiv von Christian, wie er morgens, nachdem er beim Bruno war, einsam - darauf liegt die Betonung! - die Straße entlangläuft. Daran merkt man schon: Es gibt in Japan keine Angst vor Schwere, vor Melancholie, vor Einsamkeit, sondern vielmehr ein Interesse dafür. Das finde ich persönlich total interessant.

Goethe-Institut Tokyo: Franz, du sagtest gerade, der Film existiert letztendlich nur durch die Betrachtung - wie verändert sich denn euer Blick auf den Film, wenn er hier gezeigt wird, wenn er so weit reist?

Rogowski: Das Fremde, das Andersartige, die Neugier darauf sind ja Grundvoraussetzungen für Interesse - oder auch für Kommunikation. Wenn man sich wirklich perfekt verstehen würde, auch in einer Beziehung, einer Freundschaft, dann gäbe es ja gar keinen Grund, eine Form für irgendetwas zu finden. Vielleicht verstärkt sich das, wenn man in einer anderen Kultur unterwegs ist.
Ansonsten ist das wirklich gerade schwer zu beantworten, weil ich erst ein paar Tage hier bin - ich habe die kulturellen Unterschiede noch gar nicht richtig konzeptualisiert, sondern reagiere erstmal nur.
Gestern in der Kletterhalle zum Beispiel habe ich die Nummer für mein Schließfach vergessen - und dann war kurz nicht klar, wie wir dieses Schloss wieder aufbekommen. Natürlich kann man das einfach aufmachen, da gibt es auch einen Generalschlüssel, aber die Sorge war, dass wir das falsche Schließfach öffnen und damit in die Privatsphäre von jemandem eingreifen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis alle die Information verstanden hatten, dass mein Ausweis da drin liegt, mit Lichtbild, und wir eindeutig feststellen können, dass das Schließfach auch tatsächlich meins ist. Da hat es dann tatsächlich eine dritte Person gebraucht, die Englisch und Japanisch konnte, damit wir uns höflich und sachlich, aber auch sehr ausführlich über das Problem austauschen konnten.

Franz Rogowski Interview Tokyo © Yohta Kataoka Goethe-Institut Tokyo: Also ist man menschlich miteinander verbunden, aber für die kulturellen Unterschiede ist es dann doch von Vorteil, einen Mittler zu haben, der mit je einem Bein in beiden Kulturen steht?

Rogowski: Ich glaube, der Film ist hier unser Mittler. Aber „In den Gängen“ hat keine politische Aufgabe, sondern er ist wirklich dafür gemacht, ein Film zu sein. Er wird hier betrachtet und wir müssen ihn verantworten.

Stuber: Das Spannende, mit dem Film um die Welt zu reisen, ist der jeweils immer andere Blick darauf. Das gilt für Japan und das gilt für alle anderen Länder, die in dieser Betrachtung ihre Besonderheiten zeigen. Für mich selbst verändert das den Film aber nicht. Genauso interessiert mich, was universell funktioniert. Das kann genauso überraschend sein - dass du denkst: Das kommt jetzt hier an?!
Es überraschte mich hier in Japan schon, wie sehr dieser deutsche Ost-West-Aspekt wahrgenommen wird, obwohl er im Dialog kaum eine Rolle spielt, sondern mitschwingt. Da habe ich mir immer sehr große Mühe gegeben, dass das nicht Teil der Story ist, sondern dass diese Ebene drunterliegt. Deshalb hatte ich damit gerechnet, dass darüber hinweggegangen würde. Das hätte ich auch total verstanden - aber nein, das wird sehr oft sehr stark wahrgenommen.
Plus, und das freut mich natürlich besonders, weil ich mich in dieser Tradition sehe: Dass der Film mit großem Interesse als Arbeiterfilm wahrgenommen wird. Dieses „Oh, ein Arbeiterfilm, wie schön“, im besten Harun Farocki-Sinne, das finde ich toll.

Horizonte 2019 Eröffnung Eröffnungszeremonie von Horizonte 2019 mit allen Gästen | © Yohta Kataoka Goethe-Institut Tokyo: Welche Bedeutung hat die Teilnahme an weltweiten Filmfestivals wie hier bei Horizonte in Tokyo für euch?

Stuber: Als Independant-Filmemacher fürs Kino spielen solche Festivals und Veranstalter wie das Goethe-Institut oder German Films eine sehr große Rolle für mich. Ich war ja schon an einigen Goethe-Instituten mit meinen Filmen. Es bedeutet für mich ein riesiges Privileg, einerseits aus einem Grund eingeladen zu werden - du kannst etwas geben, du kommst mit deinem Film - ich bin ja kein Star wie der Franz, bei mir ist das an einen Film gebunden - und andererseits bekomme ich als Filmemacher auch ganz viel. Daran muss ich mich beim Dreh immer wieder erinnern, dass diese Phase irgendwann wiederkommt. „In den Gängen“ haben wir vor zwei Jahren fertiggedreht und nun endlich sitze ich hier und darf den Film zeigen!

Rogowski: Ich muss sagen, bei diesem Aufenthalt zu Horizonte ist die Wirkung für mich noch nicht klar definiert, meine Gedanken dazu sind eher verkuddelt und verwurschtelt. Vielmehr sind es allgemeine Erfahrungen von Fremdsein, auch selbst mal der Ausländer zu sein, die Minderheit zu sein. Das ist, völlig unabhängig von Japan, eine sehr wichtige Erfahrung. Und dann ist es so, dass ich mich sehr für japanische Ästhetik, Essen, Popkultur interessiere - wieviele andere Kunstschaffende meiner Generation auch, die da fast schon einen Fetisch haben. Und dem so nahe zu sein - da kann man sich als Japaner wahrscheinlich gar kein richtiges Bild von machen, wie atemberaubend das für mich ist, hier nur durch den Supermarkt zu laufen - das ist einfach mindblowing!
Das Goethe-Institut bringt deutsche Kultur nach Japan, es gibt eine lange japanisch-deutsche Freundschaft und ein tiefes Interesse für die Kultur des anderen, und für uns ist es so, dass die Berührung mit Tokyo, den Leuten hier, auch abseits von den Q&As, uns verändert als Menschen. Das nehmen wir mit und kommen wahrscheinlich wieder her. Thomas wird hier einen Film drehen, ich selber kann mir sehr gut vorstellen, in dieser Stadt auch mal was zu machen.
Das ist einfach eine inspirierende Atmosphäre, die nur in diesem Austausch möglich ist. Und dafür ist das Filmfestival für uns im besten Sinne da und stellt diesen Austausch für uns her. Ich kann da auf keinen Fall sagen, „Das und das läuft am besten“, es gibt ja in jedem Land Dinge, die gut und schlecht laufen, aber alleine dass wir hier Gäste sein können, das ist sehr schön. Wir dürfen hier vom Hotel auf die große Kreuzung in Shibuya schauen - da habe ich bestimmt anderthalb Stunden am Fenster gestanden. Allein das wird mich mein Leben lang begleiten.

Thomas Stuber im Interview © Yohta Kataoka Goethe-Institut Tokyo: Das ist ja eine fast mikroskopische Perspektive, von dort oben auf die Kreuzung zu blicken. Thomas, wie war das bei „In den Gängen“? Das ist ja auch ein ganz eigenes kleines Biotop mit vielen Details, die du filmisch sehr gründlich herausarbeitest. Welche Bedeutung hatte es für dich, dich mit einem Universum auseinanderzusetzen, das du vorher so nicht kanntest?

Stuber: Der Großmarkt? Ja, ich suche immer etwas, das irgendwie neu ist als Sujet. Eigentlich sind ja alle Geschichten schon in irgendeiner Form erzählt worden, gerade solche Liebesgeschichten boy-meets-girl, was „In den Gängen“ auf seine eigene Art ja auch ist, zusammen mit der Gemeinschaftsgeschichte. Klar, was Bestehendes zu bearbeiten, aber auch mit etwas völlig neuem, diesem unbekannten Raum, um die Ecke zu kommen - das war’s natürlich!
„Schaut mal, wir machen jetzt Liebe und Tod im Großmarkt!“, das haben Clemens Meyer, der die Kurzgeschichte dazu geschrieben hat, und ich immer gesagt. Mikrokosmos an sich ist nicht unbedingt ein Genre, aber schon typisch für Filme. Mal ist’s ein kleines Dorf, mal gibt’s andere Grenzen, in denen man ganz wunderbar etwas erzählen kann, das über sich selbst hinausweist, und das ist bei „In den Gängen“ auch so.

Goethe-Institut Tokyo: Ich möchte gerne auch noch auf eine globale Einordnung des Films im Zeitgenössischen und Visionären kommen. Wo sehr ihr das Symptomatische und Überdauernde von „In den Gängen“ in Zeiten einer ständigen Forderung nach politischer Wirkung von Kunst?

Stuber: Die Frage ist, wie man das ausdrückt. „Nein, ich bin - und Schriftsteller, Filmemacher und so weiter sind - nicht per se Politiker.“ Genauso kann man es aber auch umdrehen und sagen: „Jede Kunst ist politisch“. Diesen Satz glaube ich ja auch. Die Frage ist für einen persönlich, wo man die Aufgabe des Films oder des Geschichtenerzählens sieht. Mir ist das schon wichtig, der Gedanke, was würden die Arbeiter von „In den Gängen“ wählen - ohne, dass ich das in den Dialogen thematisieren würde, aber die Frage treibt mich um, einfach, um die Charaktere zu verstehen. Das Entscheidende ist aber nicht, so etwas laut und im Dialog zu besprechen und da eine Botschaft zu haben.

In den Gängen Interview Tokyo © Yohta Kataoka Goethe-Institut Tokyo: Welche Rolle spielt dann die Vorbereitung und Auseinandersetzung mit den Themen der Filme auf der Meta-Ebene für euch? Thomas, du sprichst ja zum Bespiel sehr detailliert über deine Filme - eigentlich ganz ähnlich, wie du auch filmst…

Stuber: Gleichzeitig muss man dabei immer auch einfach sein. Das nicht mitspielen, das nicht mitdrehen - sonst wird es wieder breit, aufdringlich. Diese Balance war ja auch im Q&A vorhin schon Thema: Wie kann ich dem Publikum Freiraum zum eigenen Weiterdenken geben? Das macht den Mehrwert von Arthouse-Film aus. Gleichzeitig hat man aber auch Angst, nicht verstanden zu werden oder zu langweilen, aber manchmal hat man auch die Gewissheit: Das müssen wir jetzt nicht meta spielen, diese Ebene ist sowie so da.

Rogowski: Eigentlich geht es mir schon beim Lesen von Drehbüchern mehr um das, was hinter und zwischen den Texten steht. Beim Drehen hatte ich dann auch immer das Gefühl, dass wir gerade ein Süppchen kochen. Wir haben von Take zu Take Sachen probiert, verfeinert, ich durfte auch mal auf die Kombo gucken, wenn ich wollte. Da war von Anfang an eine geschäftige Tüftelei im besten Sinne im Gange. Thomas hat mit allen Departments geredet, aber ich selbst war eigentlich sehr still während der Dreharbeiten, hab eher was gemacht als was gesagt, zum
Beispiel mit dem Gabelstabler Paletten stapeln geübt. In diesem unausgesprochenen Raum war auch beim Filmen für mich die Meta-Ebene immer mit dabei.

Goethe-Institut Tokyo: Das bringt uns auf die Musikauswahl im Film: Die Musik kann soviel mehr, und wenn man das versprachlichen würde, würde es billig… Also auch hier wieder der Freiraum?

 

Trailer zu In den Gängen

Rogowski: Deshalb haben soviele Filmemacher so großen Respekt vor der Musik. Unbedarfter Einsatz von Musik ist sogar gefährlich.

Stuber: Musik ist noch weiter, noch höher als Film. Sie wird von jedem anders wahrgenommen und hat keine klare… Noten gibt es natürlich schon, aber… nichts ist so direkt konzipierbar als Emotion. Da bleibt der konventionelle Erzählfilm natürlich auf halber Strecke stehen. Musik ist damit das beste Vorbild, dem man mit einem Film nachgehen sollte.
Bei „In den Gängen“ stand der erste Walzer schon im Drehbuch, die Eröffnungsszene war immer das „Gabelstapler-Ballett“, als Einladung, den Film eben nicht als prekäres Sozialdrama zu sehen, sondern gleich die Note zu setzen: „Wir sind hier anders!“ Und dann geht es weiter mit klassischer Musik und dann kommt ein interessanter Punkt, wo Christian zum ersten Mal auf dem Gabelstapler sitzt. Das lag lange im Schnitt, weil ich es da übertrieben hatte mit der klassischen Musik - und dann haben wir da was ganz anderes gemacht und Son Lux eingespielt.

Stuber Rogowski Interview Hochkant © Yohta Kataoka Rogowski: Das hat mich am meisten überrascht.

Stuber: Ja, man denkt erst, schon wieder klassisch, jetzt hab ich’s begriffen - und dann das! Aber auch diese Repetition bei Son Lux oder Timber Timbre, das ist ja alles Bach, das ist alles Fuge.
Auf jeden Fall wollte ich keine untermalende Musik haben, kein Musikfühlen während des Films, sondern ganz oft auch Stille oder einfach nur Geräusche, und wenn Musikstücke, dann wollte ich sie ganz ausspielen. Genial war am Schluss die Idee des Cutters, den Blues einzuspielen. Da geht der Film von meiner kleinen Arbeiterschaft hin nach Louisiana zu den schwarzen Arbeitern. Das, fand ich, war ein ganz toller Kniff.

Goethe-Institut Tokyo: Von Ostdeutschland nach Tokyo nach Louisiana - damit hätten wir dann die ganze Welt umrundet. Vielen Dank für das Interview!