Ein Tanz-Theaterstück zwischen Deutschland und Asien THE STRANGERS – Die Fremden lassen Zukunft entstehen

Strangers Titelbild
© Kudaka Tomoaki /ricca ricca*festa 2018

THE STRANGERS, eine Deutsch-Japanische Koproduktion von Leandro Kees, der in Deutschland lebt und arbeitet, aber auch international tätig ist, ist ein Tanz-Theaterstück, in dem vier Darsteller aus verschiedenen asiatischen Ländern wie Südkorea, Thailand, Malaysia und Japan auftreten. Es wurde im Sommer 2018 beim ricca ricca*festa in Okinawa aufgeführt.

Zu Beginn konfrontiert das Stück das Publikum mit verschiedenen Gegensätzen: Ein Wohlhabender und ein Arbeitsloser, Feminin und Maskulin, unterschiedliche Religionen, unterschiedliche Nationalitäten… Das Publikum verfolgt diese Konfrontationen und entdeckt nach und nach, wie  bedrohlich Voreingenommenheit gegenüber Fremden (Strangers) ist und was sie bewirken kann.
 
Selbst wenn in den letzten Jahren die Zahl der ausländischen Touristen und auch Arbeitskräfte in Japan zugenommen hat, sind, verglichen mit Europa oder den USA, die Gelegenheiten, im Alltag mit Mehrsprachigkeit in Berührung zu kommen, bzw. über unterschiedliche Nationalitäten oder Religionen nachzudenken, selten.

The Strangers, Okinawa 2018 © Kudaka Tomoaki /ricca ricca*festa 2018 Dennoch beginnt auch das japanische Publikum schon in den ersten fünf Minuten, während die vier Jugendlichen nach und nach Flipcharts umblättern, unwillkürlich darüber nachzudenken: “Wo gehöre ich eigentlich dazu? Was ist außerhalb dieses Kreises?” Das Besondere an THE STRANGERS ist, dass es gesellschaftliche Themen aufgreift und das Publikum an diese heranführt, gleichzeitig aber unterhaltsam ist. - Ein erfrischendes Stück, das durch seine für die junge Generation typische Unbeholfenheit und ihre bittersüßen Gefühlen sowie das Aufgreifen der Konflikte rum die Entstehung der Produktion selbst die Emotionen des Publikums weckt.

Prägend für Kees Arbeiten sind ein experimenteller Stil: simple Beleuchtung, Darsteller in legerer Kleidung, eine Bühne, die eigentlich nur aus dem Linoleumboden besteht, dezente Popmusik wie etwa “Pilgrim” von Fink, genialer Witz, Nähe zum Publikum …

“TRASHedy” von Performing Group war die erste Inszenierung von Kees, die ich 2015 bei „Augenblick mal!“ , einem Theaterfestival für junges Publikum in Berlin sah, und im Jahr darauf in Osaka beim Festival TACT/FEST 2016. Als ich das Manuskript für diesen Beitrag schrieb, holte ich meine Notizen von meinem ersten Kees-Theatererlebnis von damals wieder hervor. „TRASHedy ist die interessanteste Produktion, die ich bei diesem Festival sah. Auf einen Tanz der Finger folgen eine Mikrofon-Performance und ein cleverer Einsatz von Projektionen. TRASHedy behandelt Fragen der Kommerzialisierung sowie der Umweltzerstörung. Eine ausgewogene Mischung von Humor, Botschaften und Performance.”
 
Die Gemeinsamkeit von THE STRANGERS und TRASHedy liegt darin, dass es beiden Produktionen gelingt, problematische Themen auf unterhaltsame Weise aufzugreifen und unabhängig von der Nationalität die Sympathie des Publikums zu gewinnen. Bei einer Inszenierung hierbei die Mischung zu finden, die gerade richtige ist, ist nicht einfach, doch Kees scheint diese Hürde mit Leichtigkeit zu nehmen. Vermutlich ist es der internationale Werdegang von Kees, der ihm diese Fähigkeit verleiht: Film- und Theaterstudium in Argentinien; später Deutschland als der Ort seiner Tanzausbildung sowie als  Mittelpunkt seines Schaffens.

Performing Group Osaka © performing:group / Goethe-Institut Osaka Kyoto Nachdem ich 2015 TRASHedy gesehen hatte, erhielt ich die Gelegenheit, das Tanzhaus NRW* in Düsseldorf, zu besuchen, wo Kees viel produziert. In den Studios des Tanzhauses sind Balletttänzer bei ihren Grundübungen, Hausfrauen beim Yogaunterricht und junge Mädchen, die im Garten Hip Hop tanzen. Als ich den Programmdirektor darauf anspreche, sagt er mir, dass häufig auch Street Dancer aus Japan als Gastdozenten zu den Workshops kommen. Ich fand es erstaunlich, hier keine Spur von “Theater” als einem schwer zugänglichen Ort vorzufinden, sondern vielmehr “Theater” als einen Raum, der sich dem Alltagsleben öffnet und in dem sich Kunst und Pop-Kultur mischen dürfen. Leicht vorstellbar, wie groß die Freiheit für die hier entstehenden Produktionen sein dürfte und wie niedrig die Barriere zwischen Schaffenden und Publikum. 
 

*Das Tanzhaus NRW wurde 1998 in Düsseldorf als eine Basis für zeitgenössischen Tanz errichtet und bietet ein reichhaltiges Angebot von Aufführungen, Tanzkursen, Artist-in-Residence Programmen, Gemeinschaftsproduktionen sowie Workshops, das sich an ein breites Publikum von Anfängern bis Profi-Tänzern und von Kindern bis Senioren richtet.
 

Produktionen wie THE STRANGERS oder TRASHedy, die zwar klein sind, aber einen internationalen und experimentellen Ansatz verfolgen, sind in Japan eher rar. Auch international gesehen muss man leider feststellen, dass Inszenierungen dieser Art häufig eher bei Theaterfestivals für ein junges Publikum gezeigt werden. Ich würde hoffen, dass die Zahl von Theaterhäusern und Produzenten zunimmt, die Interesse an derartigen Inszenierungen zeigen.

performing:group /Anika Freytag © performing:group /Anika Freytag Gerade in Japan, wo polyvalente Sichtweisen in der Regel eher selten sind, könnte die Begegnung mit einem Stück wie THE STRANGERS Kulturschaffenden und Publikum in gleicher Weise Impulse geben und dazu beitragen, dass neuartige Produktionen entstehen, die die japanische Theaterlandschaft positiv verändern. Stücke im Stil von Kees kommen mit einer kleinen Zahl von Personen aus und sind überall auf der Welt aufführbar. Dabei könnten auch typisch japanische Formen der Jugendkultur wie Anime oder Games, die die Grenzen des Bereiches der Performing Arts überschreiten, integriert werden oder neue Formen des Tanzes IT-Technologie mit präziser Choreographie verbinden. Die Möglichkeiten sind unendlich. Unsere heutige Gesellschaft gleicht einem großangelegten Experiment aus Informationsüberfluss und schnellem Konsum. Sie birgt aber auch die Möglichkeit, die Gemüter mittels minimalistischer, problembewusster und experimenteller Stücke zu bewegen. Ich würde mir wünschen, dass Arbeiten wie die von Kees ein Stimulans sind für neue Produktionen, die das leisten.

THE STRANGERS tourt im Sommer 2019 in fünf südostasiatischen Städten (Yangon, Bangkok, Manila, Kuala Lumpur, George Town) in Kooperation zwischen dem Goethe-Institut und dem Japan Foundation Asia Center.
 

Leandro Kees © Leandro Kees Leandro Kees ist ein freiberuflicher Künstler im Bereich Theater, Tanz und Video. Er studierte Film und Theater in Argentinien sowie zeitgenössischen Tanz in Deutschland. Seine Werke wurden - oft in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut - in mehr als 20 Ländern aufgeführt, unter anderem im Sydney Opera House oder dem Sadler’s Wells in London. Kees ist auf nicht-fiktionale Aufführungen spezialisiert, in welchen er philosophische und politische Fragen von globaler Relevanz inszeniert. Er ist Mitgründer der “Performing Group”, deren Stücke in mehr als zehn Sprachen übersetzt wurden und sich häufig an ein junges Publikum richten. Kees beendete sein Aufbaustudium im Bereich Kulturmanagement und arbeitet unter anderem als Gastdozent an verschiedenen Kunsthochschulen weltweit.