43. Tage der deutschsprachigen Literatur Bachmann-Wettbewerb 2019: „Ich werde zu oft zitiert“

Bachmann-Preis 2019 groß
© Tino Schlench / @literaturpalast

Der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ist einer der wichtigsten der deutschsprachigen Literatur. 2019 wurde er eröffnet von Clemens J. Setz, der sich mit einer gar nicht so krummen Wrestling-Analogie über den Zustand eben dieser äußerte.

Im österreichischen Klagenfurt sind gerade die 43. Tage der deutschsprachigen Literatur zu Ende gegangen. Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2019 ist die Salzburger Schriftstellerin Birgit Birnbacher, deren Erzählung „Der Schrank“ die siebenköpfige Jury am meisten zu überzeugen wusste. Eröffnet wurde der Wettbewerb mit einer Rede von Clemens J. Setz, der im vergangenen Jahr in Japan mit dem Merck-Kakehashi-Literaturpreis des Goethe-Instituts Tokyo und der Firma Merck ausgezeichnet worden war.
 
43. Bachmann-Preis in Klagenfurt 2019 © Tino Schlench / @literaturpalast Vierzehn zumeist eher unbekannte Autorinnen und Autoren lasen in der Kärntnerischen Landeshauptstadt aus ihren Texten und stellten sich dem Urteil der Jury. Diese fächerte sich ob der hohen Temperaturen zwar unablässig frische Luft zu, doch wirklich hitzig wurden die Diskussionen nach den Lesungen nur selten. Sicher auch deshalb, weil es ein insgesamt starker Jahrgang war, der durch sehr unterschiedliche inhaltliche und erzählerische Zugänge von sich reden machte.
 
Auffällig jedoch war die Abwesenheit politischer Texte - nur Ronya Othmanns reportagenhafte Erzählung „Vierundsiebzig“ bildete eine Ausnahme. Ihr Text, in dem sie sich mit dem Genozid an den Jesiden durch den IS auseinandersetzt, erhielt am Ende den Publikumspreis.
 
Der Beitrag mit der größten politischen Schlagkraft aber war außerhalb des Wettbewerbs zu vernehmen. Er kam vom österreichischen Schriftsteller Clemens J. Setz, der in diesem Jahr die Eröffnungsrede hielt. In seiner begeistert aufgenommenen Klagenfurter Rede zur Literatur mit dem Titel „Kayfabe und Literatur“ beschäftigte er sich mit dem Show-Wrestling, dessen zentrales Konzept der „Kayfabe“ er gekonnt auf die Literatur, den Literaturbetrieb, die Politik und unser Leben im Allgemeinen übertrug.
 
Der Begriff bedeutet so viel wie „Wahrung der vierten Wand“ oder die Einhaltung einer vorgegebenen Dramaturgie, da Wrestler zu keiner Zeit aus ihrer Rolle fallen dürfen. So werden beispielsweise reale Freundschaften mit fiktiv verfeindeten Kollegen untersagt oder streng reglementiert. Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen, die Realität wird „scripted“. Eine Tendenz, die Setz auch in den Storylines der Rechtspopulisten beobachtet. Sie würden längst nicht mehr erkennen, von welchen Fiktionen sie sich leiten ließen. Dies aber, so die Hoffnung, würde über kurz oder lang zum Verschwinden dieser Gruppierungen führen: „Man sieht euch bereits an den Rändern flackern. Euer System ist ein geschlossenes, und wie alle geschlossenen Systeme erstickt es irgendwann an sich selbst.“
 
Auf die Rede von Setz und das Konzept der „Kayfabe“ wurde im Verlauf des Wettbewerbs immer wieder Bezug genommen. Einzelne Jury-Mitglieder kamen so oft darauf zu sprechen, dass sich Setz, der die Veranstaltung seit vielen Jahren munter auf Twitter kommentiert, zu einem ironischen Seitenhieb hinreißen ließ: „Ich werde zu oft zitiert.“

Als Gewinnerin des mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreises ging die in Salzburg lebende Birgit Birnbacher hervor, die von Stefan Gmünder zu der Veranstaltung eingeladen worden war. In ihrer feingliedrigen Erzählung „Der Schrank“ beschäftigt sich die Autorin mit den prekären Arbeitsverhältnissen ihrer eigenen Generation. Die Erzählerin des Textes ist eine hochgebildete Frau Ende 30, die sich als „Neue Selbstständige“ von Job zu Job hangeln muss, ohne je eine sichere Anstellung zu erhalten. In der Laudatio wurde die Erzählung als „knisternd“ und „aufrührend“ gelobt.