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Gastbeitrag von Staatsministerin Monika Grütters
Warum Kunst gerade in der Krise unverzichtbar ist

Monika Grütters
© Elke A. Jung-Wolff

„Kunst ist unverzichtbar in der Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen des Menschseins - auch und gerade in Zeiten, in denen Gewissheiten brüchig werden und gesellschaftliche Fundamente sich als fragil erweisen.“

Von Prof. Monika Grütters, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Kürzlich kam mir Christian Petzolds Film „Transit“ wieder in den Sinn. Ich habe die Premiere bei der Berlinale 2019 miterlebt, mit Hunderten anderer Menschen, Kinosessel an Kinosessel, vereint in der wunderbaren Weltentrücktheit eines dunklen Kinosaals - was nicht weiter erwähnenswert wäre, dächte man heute nicht mit Wehmut an solche gemeinschaftlichen Kunst- und Kulturerlebnisse zurück. Petzolds Film beruht auf Anna Seghers‘ gleichnamigem Exilroman. Schauplatz ist das Marseille der Gegenwart, doch erzählt er Geschichten des Jahres 1942, als nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht Tausende versuchten, an eine der begehrten Schiffspassagen ins rettende Exil zu kommen. Mit der irritierenden Gleichzeitigkeit des Vergangenen und des Gegenwärtigen weitete Petzolds Film den Blick auf das zeitlose Flüchtlingsschicksal und auf das Leben im Transit, jenen Ort des Übergangs zwischen dem Altbekannten, das man zurückgelassen hat, und dem noch Unbekannten hinter dem Horizont. Im Transit ist alles flüchtig und ungewiss, und niemand weiß, so heißt es im Buch und im Film, „ob dieser Zustand bis morgen dauern würde oder noch ein paar Wochen oder Jahre oder gar unser ganzes Leben.“

Vieles erinnert gerade an dieses Lebensgefühl im Transit, das heraufzubeschwören noch vor einem Jahr der Vorstellungs- und Darstellungskraft herausragender Künstlerinnen und Künstler vorbehalten war. Natürlich ist die Situation heute eine völlig andere. Wir leben mit Maßnahmen, die zur Eindämmung einer Pandemie unverzichtbar waren und sind. Doch lähmende Ungewissheit bestimmt den Alltag. Kontaktbeschränkungen entfernen Menschen voneinander. Existentielle Sorgen, massive berufliche Einschränkungen, das Getrenntsein von geliebten Menschen und die Sorge um ihr Wohlergehen zermürben. „Ich will mein altes Leben zurück“, ist ein Satz, den man jetzt öfter hört. Ja, zuhause bleiben und auf vieles verzichten zu müssen, was bis vor kurzem von Bedeutung war, kann sich anfühlen, wie aus dem eigenen Leben vertrieben worden zu sein. Gleichzeitig gibt es im Moment kein Entkommen aus der Enge der persönlichen Lebenswelt – und sei es auch nur ins Kino, ins Theater, in einen Konzertsaal. Die Grenzen zu anderen Welten sind geschlossen.

Wie lange noch? Diese Frage wird nun mit jedem Tag lauter. Heimweh und Fernweh quälen die Menschen im Transit gleichermaßen. Im Film sieht man sie drängelnd im Konsulat, Tag für Tag aufs Neue auf Visa und Bescheinigungen für ihre Schiffspassage wartend. Gedränge herrscht auch in den Debatten, welche Branchen ihren Passierschein für den Weg aus dem Stillstand in jene „neue Normalität“ des Lebens mit Corona bekommen, das sich am Horizont abzuzeichnen beginnt. Dabei treten Zielkonflikte zutage, die sich – darauf hat der Soziologe Armin Nassehi unlängst in einem Gastbeitrag für diese Zeitung hingewiesen – nicht werden auflösen lassen. Wir müssen davon ausgehen, dass einzig „öffentliche Abwägungsprozesse am Ende (…) zu politischen Lösungen führen können, die sowohl medizinisch als auch ökonomisch und lebensweltlich funktionieren können.“

Dieses Abwägen einer behutsamen, schrittweisen Lockerung und ihrer Konsequenzen findet mittlerweile statt, und das ist gut so. Nachdem Museen und Gedenkstätten wie auch Bibliotheken und Buchhandlungen nun deutschlandweit ihre Tore wieder öffnen können, müssen weitere Kultureinrichtungen in die Debatte miteinbezogen werden. Schon wirtschaftlich gesehen ist der Kultur- und Kreativsektor eine bedeutende Branche. Doch erst recht für unsere Demokratie ist die Schließung von Theatern, Kinos, Opern und anderen Kulturorten auf Dauer schwer zu verkraften. Denn Kunst ist nicht nur wohltuende Zerstreuung und Ablenkung, ein Lichtblick im Lockdown, auch wenn sie in dieser Rolle die häusliche Isolation für viele Menschen erträglicher macht.

Kunst ist unverzichtbar in der Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen des Menschseins - auch und gerade in Zeiten, in denen Gewissheiten brüchig werden und gesellschaftliche Fundamente sich als fragil erweisen. So waren es nicht zuletzt Kunst und Kultur, die unsere Demokratie in jüngster Vergangenheit durch schwere See zu navigieren halfen. Die weltweiten Erschütterungen durch die Terroranschläge des 11. September 2001, die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen im Zuge der Finanzkrise 2008, der Eurokrise ab 2009 oder auch der Flüchtlingskrise 2015/2016 stellten das demokratische Selbstverständnis, die europäische Solidarität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf harte Bewährungsproben. Dabei eröffnete Literatur Räume des Austauschs und der Verständigung, waren Bühnen Orte, an denen gesellschaftliche Konflikte verhandelt wurden, boten Musik und Tanz Möglichkeiten, jenseits von Sprache und Argumenten Verbindung zu stiften, erwiesen Kultureinrichtungen sich als Brückenbauer, die mit der Diplomatie der Kunst experimentierten, wo die Kunst der Diplomatie an Grenzen stieß.

Gerade weil Kunst und Kultur Menschen in Fühlung miteinander bringen und Gemeinschaft über Grenzen hinweg stiften, ist diese Branche nun von den notwendigen Infektionsschutzmaßnahmen besonders hart betroffen. Damit fehlt die Kunst als kritisches Korrektiv, als Medium gesellschaftlicher Selbstreflexion und als treibende Kraft demokratischer Streit- und Verständigungskultur – und dies ausgerechnet in einer Zeit, in der demokratische Freiheitsrechte in einem bis vor kurzem noch undenkbar scheinenden Ausmaß vorübergehend eingeschränkt werden mussten und in der die Zukunft so ungewiss ist wie nie zuvor. „So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie“, hat Jürgen Habermas kürzlich in einem Interview festgestellt. Umso bitterer, dass mit der Stilllegung des kulturellen Lebens auch die öffentliche Begegnung und Auseinandersetzung empfindlich beschränkt ist.

Die demokratische Ordnung in Deutschland ist dank eines stabilen parlamentarischen Systems, eines funktionierenden Rechtsstaats und freier, unabhängiger Medien gegen autoritäre Gefahren gewappnet. Und doch wäre es leichtsinnig, sie für immun gegen schwächende Krankheiten zu halten. Demokratie ist kein Besitz, sondern eine Errungenschaft, die jeden Tag verteidigt werden muss. Um es in ein zeitgemäßes Bild zu fassen: Demokratie braucht, auch wenn sie gesund ist, ständige Beatmung. Die Freiheit der Kunst verschafft der Demokratie überlebensnotwendigen Sauerstoff. Deutschland, das sich den Weg zurück zur Demokratie nach 1945 mühsam wieder erarbeiten musste, hat sie aus gutem Grund in einen noblen Verfassungsrang erhoben. Dahinter steht die Überzeugung, dass Künstlerinnen und Künstler mit Fragen und Zweifeln, mit Fantasie und Experimentierfreude, mit Widerspruch und Provokation den öffentlichen Diskurs beleben und die Demokratie damit vor lähmender politischer Lethargie wie auch vor totalitären Anwandlungen schützen.
Künstlerinnen und Künstler wie auch Kultureinrichtungen waren deshalb von Anfang an mit unter dem Rettungsschirm aus Soforthilfen, den die Bundesregierung für Selbstständige und Kleinstunternehmen gespannt hat. Soloselbständigen Kreativen sichert ein milliardenschweres Sozialschutzpaket den persönlichen und familiären Lebensunterhalt. Für Betriebskosten, insbesondere Mietkosten, wurden Soforthilfen bereitgestellt, von denen Kino- und Musikclubbetreiber genauso profitieren wie Künstler mit eigenem Atelier. Existenzen sichert auch eine gerade beschlossene Regelung, die es erlaubt, Ausfallhonorare als Kompensation für entgangene Gagen zu zahlen. Weitere Hilfsprogramme unterstützen gezielt freie Orchester und Kinos oder fördern coronabedingt notwendige Umbauten in Museen. Für ein weiteres, umfassendes Unterstützungspaket zum Erhalt der kulturellen Vielfalt bin ich gerade in intensiven Gesprächen insbesondere mit dem Bundesfinanzminister.

Darüber hinaus sind nun Ideen und Konzepte gefragt, die zumindest einen eingeschränkten Kulturbetrieb ermöglichen, wie er in einzelnen Bundesländern nun bereits diskutiert wird. Kinos zum Beispiel könnten mit der Vergabe einer limitierten Zahl von Sitzplätzen den nötigen Mindestabstand sicherstellen. An Theatern und Opernhäusern denkt man über Möglichkeiten nach, mit welchem Repertoire die Bretter, die die Welt bedeuten, ohne Infektionsrisiko bespielt werden könnten. Auch kleinformatige Konzerte sind möglich. Über solche Optionen müssen wir diskutieren, damit das Kulturleben – wenn auch unter strengen Auflagen – wieder anspringen kann. Großveranstaltungen und körperliche Nähe auf der Bühne oder im Zuschauerraum wird es so schnell nicht wieder geben können. Doch was es in einer Demokratie geben muss, sind Orte öffentlichen Nachdenkens und sich Einlassens auf die Sprache der Kunst. Wie sehr diese Orte uns fehlen, zeigt sich spätestens dann, wenn das Reden über Corona das Schweigen über zu vieles andere einschließt: das Schweigen über das Elend der Flüchtlinge beispielsweise, die unter unwürdigsten Bedingungen in griechischen Flüchtlingslagern gefangen sind, ohne zu wissen, „ob dieser Zustand bis morgen dauern würde oder noch ein paar Wochen oder Jahre oder gar unser ganzes Leben“.

Das Kino selbst sei ein Transitraum, hat der Regisseur Christian Petzold in einem Interview gesagt, ein Zwischenort, an dem wir die Routinen unseres Denkens und Wahrnehmens hinter uns lassen – eine Erfahrung, die das Denken und Wahrnehmen bisweilen dauerhaft verändert. Das gilt für alle Kulturorte. Es wird Zeit, darüber zu diskutieren, wie diese Orte wieder einen angemessenen Platz in unserer Demokratie bekommen können.

Samstag, 9. Mai 2020

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