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Kunst und DIY statt Kommerz
Worum ging es den “Genialen Dilletanten”?

Geniale Dilletanten
© Wolfgang Müller: Geniale Dilletanten. Merve, Berlin 1982

Instrumente aus Schrott, Defilees als Performance - in den 80ern sprengte ein neuer künstlerischer Ansatz die Genre-Grenzen. Ein Überblick über die Ideale dieser Epoche und ihre Akteure wie die Bands Einstürzende Neubauten oder Der Plan.

Von Mathilde Weh

„Geniale Dilletanten“ war der absichtlich falsch geschriebene Titel eines Festivals, das am 4. September 1981 im Berliner Tempodrom stattfand und daraufhin zum Synonym einer kurzen Epoche künstlerischen Aufbruchs in Deutschland werden sollte. Vor allem im Umfeld von Kunsthochschulen entwickelte sich eine künstlerische Vehemenz, die durch genreübergreifendes Experimentieren und den Einsatz neuer elektronischer Geräte geprägt war.

Maler spielten in Bands oder gründeten Clubs, Musiker drehten Super-8-Filme. Dada und Fluxus wurden revitalisiert. Auf Virtuosität wurde häufig bewusst verzichtet. Das Nicht-Können, der Widerstand gegen Konventionen, die Kunst des Vergessens und des Verlernens sollten den Weg öffnen zu einer ungebremsten Kraft des Ausdrucks, einer neuen Expressivität. Die Gründung von Labels, Magazinen, Galerien und Clubs, das eigenständige Produzieren von Platten, Kassetten und Fanzines sowie das Organisieren von Konzerten an ungewöhnlichen Orten und Treffpunkten zeigten das Bemühen, abseits der ausgetretenen Pfade, des Kommerzes und des massenkompatiblen Geschmacks kulturellen Produktionen neues Terrain zu erschließen. Mainstream und Stadionrock wurden zu Feindbildern. Und statt des Englischen etablierte sich die deutsche Sprache in Bandnamen und Songtexten.

Die Tödliche Doris (c) Die Tödliche Doris Die Tödliche Doris aus Berlin (im Bild) oder Der Plan aus Düsseldorf experimentierten mit verschiedenen künstlerischen Formen wie Musik, Film, Objektkunst und Malerei und traten mit surrealen Kostümen und ironisch-sarkastischen Texten auf. In München wurde von Redaktionsmitgliedern des Underground-Magazins Mode & Verzweiflung, die sich vor allem für kulturelle Brüche interessierten, die Band Freiwillige Selbstkontrolle (F. S. K.) gegründet. Ihre bekannteste Losung lautet: ≫Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie. Dies nennen wir Freiwillige Selbstkontrolle.≪

Einstürzende Neubauten aus Berlin erforschten mit einem aus Schrott und Alltagsgegenständen zusammengestellten Instrumentarium die Grenzen zwischen Musik, Geräusch und Lärm. Das Düsseldorfer Duo Deutsch Amerikanische Freundschaft (D. A. F.) kombinierte in seinen Songs harte Schlagzeug-Beats mit minimalistischen Synthesizer-Effekten und provokativen Texten, so in Tanz den Mussolini oder Der Räuber und der Prinz. Die Musik von Palais Schaumburg aus Hamburg gewann ihren besonderen Charakter durch die Mischung von Synthesizern, Sample-Geräten, Trompete und skurril-atonal vorgetragenem Gesang. Trotz erschwerter Umstände engagierten sich auch in Ostdeutschland Künstler und Musiker in avantgardistischen Bandprojekten wie Ornament und Verbrechen, das durch Jazz, Industrial und elektronische Musik beeinflusst war.
 

via Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Experimentelle Filme von Ramona Welsh, Brigitte Bühler und Dieter Hormel, Christoph Döring, Norbert Meissner, Yana Yo und Helge Leiberg geben noch heute einen Blick frei auf das weite Feld künstlerischen Arbeitens mit Super-8 und Video im damals geteilten Deutschland. Werke der Neuen Wilden, auch als ≫Heftige Malerei≪ oder neo-expressive Kunst bezeichnet, eroberten die Galerien und Museen. Mit dem Neuen Deutschen Design veränderte sich zugleich die Herangehensweise an die Formgestaltung radikal. Auch die Mode war beeinflusst von den subkulturellen Strömungen, vor allem der Musik und der Kunst. Modenschauen, wie die der Berliner Modemacherin Claudia Skoda, wurden zu Performances.

Die Protagonisten dieser Subkultur wollten einen radikalen Bruch herbeiführen und erlangten auch international Aufsehen und Anerkennung. Die Entgrenzung der Künste, produktives Nichtkönnen und der Do-it-yourself-Gedanke sind nicht nur in Deutschland relevante Themen. Anfang der 1980er-Jahre kamen Künstler, wie David Bowie, Nick Cave, Lou Reed und Iggy Pop aus dem Ausland nach West-Berlin, um hier zu leben und mit deutschen Künstlerinnen und Künstlern zusammenzuarbeiten.

Der Katalog erscheint anlässlich der Ausstellung Geniale Dilletanten – Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland. Er präsentiert Protagonisten und Treffpunkte der Szenen in verschiedenen Regionen Deutschlands und bietet Einblicke in die vielfältigen Netzwerke sowie die zeitgleichen Entwicklungen in Musik, Kunst, Film, Mode und Design. Anhand einer Auswahl von sieben Bands und Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen impulsgebenden Städten wird die große Bandbreite an unterschiedlichen künstlerischen Konzepten der Subkultur der damaligen Zeit sichtbar.

Dieser Text erschien ursprünglich im Katalog zur Ausstellung „Geniale Dilletanten – Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland“, die 2015 im Haus der Kunst in München gezeigt wurde. Für die Veröffentlichung im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Telexplosion“ im Goethe-Institut Tokyo vom 19. bis 23. Februar 2020 wurde er nachbearbeitet.

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