Sex (los) Sex-Outsourcing

Sex-Outsourcing
© CC 2.0 flickr

Einschlägige Untersuchungen haben ergeben, dass Ehepaare und Jugendliche in Japan seit dem Jahr 2000 immer weniger Sex haben. Zugleich erleben die Sexindustrie, Pornos und sexuelle Darstellungen in den Medien einen großen Aufschwung. Wie erklärt sich diese „Auslagerung der Sexualität“ und was bedeutet sie für Japan?

Dass japanische Ehen sich durch Sexlosigkeit auszeichnen, ist nichts Neues. Eine Umfrage der Japan Family Planning Association zeigte bereits 2004, dass 31,9% der unter 50-Jährigen einen Monat lang keinen Sex gehabt hatten. Allerdings stieg diese Zahl bis auf 47,2% im Jahr 2016 an. Bekräftigt wurde das Ergebnis durch Erhebungen der Japan Society of Sexual Science. Laut ihren Untersuchungen lebten im Jahr 2000 24% der unter 40-jährigen Männer und 30% der Frauen in einer sexlosen Ehe und im Jahr 2012 bereits 59%  der Männer und 54% der Frauen. Bei den über 50-jährigen waren es sogar 86% der Männer und 79% der Frauen -  also rund 80% der Befragten. 
 
Sexless © Japan Family Planning Association
 
Auch bei jungen Japanern zeichnet sich ein Trend zur Sexlosigkeit ab und noch mehr: ein Trend zur Beziehungslosigkeit. Laut einer Erhebung des National Institute of Population and Social Security Research   lebten 2015 nur 20% der Männer und 30% der Frauen unter den unverheirateten 18- bis 34-Jährigen in einer Beziehung und davon gerademal 1,8% in einer gemeinsamen Wohnung. Mit dem Fehlen eines festen Partners gingen auch die sexuellen Erfahrungen gravierend zurück: 47% der Männer und Frauen unter 25 Jahren hatten laut der Erhebung 2015 noch nie Sex. Ein drastischer Zuwachs von der vorherigen Umfrage 2002, bei der es 34% der Männer und 36% der Frauen waren. Und die Anzahl nimmt im Alter nicht ab: Bei den 18- bis 34- Jährigen beträgt die Anzahl laut der Umfrage des National Institute of Population and Social Security Research    inzwischen 42% bei den unverheirateten Männern und 46% bei den unverheirateten Frauen.

Auch bei den 12- bis 18-Jährigen gehen die sexuellen Erfahrungen zurück: 2005 gaben  in einer Umfrage der Japan Association of Sexual Education 26,6% der Männer und 30,3% der Frauen sexuelle Erfahrungen an, 2011 nur noch 14,6% der Männern und 22,5% der Frauen.

Vom liebsten Hobby zur lästigen Pflichtübung 

Ähnlich wie im Westen hatten japanische Ehepaare zwischen 1945 bis 1950 im Durchschnitt mehr als vier Kinder. Dazu führten das niedrige Heiratsalter und ein aktives Sexualleben bei verheirateten Frauen zu zahllosen Abreibungen. Noch bis 1960 war jede verheirate Frau durchschnittlich sechs Mal schwanger, so dass die Regierung schließlich versuchte den rasanten Bevölkerungsanstieg mit der Verbreitung von Verhütungsmitteln einzugrenzen.

Über die Gründe warum sich dieser Trend zu Beginn des 21. Jahrhunderts ins Gegenteil verkehrt hat, gibt es viele Theorien: Von „Junge Menschen haben kein Verlangen nach Liebe und Sex“, über „Sie halten Beziehungen für unökonomisch“ und „sie glauben nicht an die Liebe“, bis hin zu „Sie wagen nichts aus Angst vor Ablehnung“. Für die Sexlosigkeit in Ehen werden dagegen oft die langen Arbeitszeiten verantwortlich gemacht.

In meinen Augen ist die Hauptursache jedoch eine andere: nämlich der Umstand, dass Liebespaaren und Eheleuten Sex „mendokusai („lästig“) geworden ist. Bei einer Umfrage des  Kabinettbüros im Jahr 2015 war der Hauptgrund (46.1%), warum die Befragten keine Beziehung eingehen wollten, weil sie diese  als „mendokusai“ ansahen. Für das Schlüsselwort „mendokusai“ gibt es keine ideale englische oder deutsche Übersetzung. „Troublesome“ oder „Difficult“ wie es im Japanisch-Englischen Wörterbuch heißt, vermittelt den spezifischen Bedeutungskontext nur bedingt. Das Wort „medokusai“ bedeutet sinngemäß: „Ich will es nicht machen, wenn es nicht nötig ist.“ 

Bei Sex mit einem Liebespartner geht es nicht allein um die eigene Befriedigung. Man muss Rücksicht auf den Anderen nehmen, auf einander eingehen, ein Gespür für die Wünsche des Anderen entwickeln. Für Singles steht dazu vor dem Sex eine Phase des Kennenlernens und es ist immer möglich abgelehnt zu werden. Mit anderen Worten sind also erhebliche Anstrengungen nötig, um Sex mit einem Liebespartner zu haben. Trotzdem  hat der Großteil der Japaner diese Anstrengungen bis Ende des 20. Jahrhunderts gerne in Kauf genommen. Warum hat sich das zu Beginn des 21. Jahrhunderts geändert?

Eine Frage des Preis-Leistungs-Verhältnisses   


Man könnte meinen, dass die Menschen zu dem Schluss kamen, dass die Befriedigung, die sie von Sex erhalten können geringer ist, als der erforderliche Aufwand. Im Zeitalter der sexuellen Unterdrückung, hatte das Liebesspiel einen verruchten Charme. Die hohe Verbreitung der Pornographie hat den Sex banalisiert und beiden Geschlechtern aktivere Rollen auferlegt – „lästige“ Pflichten, die sie in „Virtuellen/ Pseudo- Beziehungen“ umgehen können. 
In Kabakura und Maid Cafés kann man sich gegen Geld mit einem Mädchen amüsieren, das einem gefällt. Bei Meet & Greets kann man sich mit seinem Idol unterhalten, wenn man eine CD für 1000 Yen ersteht. Männer können sich Sex kaufen, bei dem sie nicht auf ihr Gegenüber eingehen müssen und Frauen, die sich nach männlicher Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen sehnen, können den Service eines „Rental-Boyfriends“ in Anspruch nehmen. Durch das Internet ist für Männer der Zugriff auf Pornos sehr viel leichter geworden und eine zunehmende Anzahl von Frauen flüchtet in Fantasiewelten mit BL (BOYLOVE) Comics.

Einen ähnlichen Trend kann man bei verheirateten Paaren beobachten. Die eingangs erwähnte Umfrage der Japan Family Planning Association 2016 ergab nämlich auch, dass der Anteil von außerehelichen Beziehungen bei verheirateten Männern und Frauen drastisch gestiegen ist. In meinen Augen zeigt das, dass diese Beziehungen als weniger „mendokusai“ (lästig) angesehen werden. Die Ehe wird in erster Linie als ökonomische Zweckgemeinschaft zur Erziehung von Kindern wahrgenommen. Wenn man feststellt, dass  der Partner sich nicht als „Geschäftspartner“ eignet, sieht man von einer Ehe ab und führt auch die Beziehung nicht weiter. Romanzen und sexuelles Vergnügen dagegen, kann man „stressfrei“ außerhalb der Ehe genießen. Dahin bewegt sich augenscheinlich die japanische Gesellschaft.

 

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