Sex (los) Lieben wir wirklich frei? Warum wir die sexuelle Revolution 2.0 brauchen.

Lieben wir wirklich frei? Warum wir die sexuelle Revolution 2.0 brauchen.
© Revolution Love Graffiti

Die Monogamie ist ein Desaster. Fast jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden, Tendenz steigend. Die durchschnittliche Dauer einer Beziehung beträgt vier Jahre. Rund die Hälfte der erwachsenen Deutschen ist schon einmal fremdgegangen. Affären sind der häufigste Grund für Scheidungen. Kein Wunder: Ihre sexuellen Wünsche sehen über die Hälfte in ihrer Partnerschaft nicht erfüllt.

Woran auch immer das genau liegt: Es ist eine Katastrophe, ein Desaster. Wenn man bedenkt, dass 99% von uns so leben wollen, obwohl 99% unserer Vorbilder, Großeltern, Eltern, Lehrer uns so erziehen. Obwohl 99% unserer Narrative, Geschichten, Bücher, Filme, Serien, Comics so gestrickt sind und schon ewig waren. Von Shakespeare über Walt Disney bis Game of Thrones. Vom Minensang über die Rolling Stones  - was auch immer die geistig total verwahrloste Jugend heute leider so hört.
 
Immer heißt es: 1+1=Love.
 
Das ist die nicht ganz grade Gleichung unseres monogamen Beziehungsideals. Das wird uns ja anerzogen, dieses Heilsversprechen, diese Quasi-Religion namens Liebe: „Ich muss den einen Menschen finden. Die große Liebe. Dann wird alles gut.“ Aber es funktioniert nur so mittelmäßig. Und wir nehmen das hin.
 
Die Autorin Anne Waak schreibt: „Die Scheidungsraten in dieser Welt hätten, angewendet auf die kommerzielle Luftfahrt, schon lange zur Abschaffung derselben geführt.“ Weil niemand, der noch ganz bei Trost ist, in ein fast zu 50% dem Tod geweihten Flugzeug steigt. „Aber in unserem Intimleben“, so Anne Waak weiter, „gilt ein solches vermeintlich individuelles Scheitern als menschliches Versagen. Und als ganz normale Sache, wegen der nichtsdestotrotz nicht wenige die furchtbarsten Schmerzen erleiden.“
 
Und das spüren wir. Dass das nicht richtig ist. Dass das ungerecht ist. Aber wir wissen nicht warum. Weil wir grundsätzlich immer noch zu wenig wissen. Weil Sex immer noch ein schambehaftetes Thema ist. Weil zwar viel darüber geredet wird, aber nicht wirklich davon erzählt. Und wenn doch, dann schlägt den Abweichlern der Hass entgegen. 
 
„Mir würde ja schon ein Mann reichen“


 
Für mein Buch Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie (2017) habe ich viele Menschen getroffen, die auf irgendeine Art frei lieben. Ihre Liebesgeschichten jenseits klassischer Beziehungsmodelle habe ich aufgeschrieben. Und von Anfang an habe ich gemerkt: Der monogame Mainstream reagiert allergisch auf diese Befreiung der Liebe. Die Menschen aus dem Buch und ich wurden als krank, als dumm und als Lügner beschimpft. Nach jedem Interview kommen die gleichen Reaktionen: Interesse und Neugierde. Oder Ablehnung und Hass. Mein Lieblingskommentar aber ist und bleibt der von einer Tanja. Sie schrieb: „Mir würde ja schon ein Mann reichen."
 
So lustig das klingt: Darin könnte die Antwort liegen. Denn die wichtige Frage ist doch: Woher der Hass? Warum kümmern sich die Leute nicht um ihr eigenes Bett? Warum sind sie nicht glücklich mit ihrer konventionellen Beziehung und fertig? Die Antwort könnte lauten: Weil sie eben oft nicht glücklich sind. Vielleicht hängt dieser Mangel und Hass und Intoleranz, mehr oder weniger direkt zusammen. Vielleicht kommt der Mangel an Toleranz vielleicht einfach vom Mangel an Glück mit Sex und Liebe? 
 
Denn: Hier wiederholt sich eine traurige Geschichte sexueller Diskriminierung. Auf der einen Seite steht mit den Polygamen und Polyamoren hier wieder die nächste Minderheit, die um Verständnis kämpft, für die ein `Coming Out´ schwierig ist, weil ihre Liebe sozial geächtet wird. Und auf der anderen Seite mal wieder ein Mainstream, der die eigenen Probleme auf die Minderheit projiziert. Vielleicht ist es also an der Zeit, dass sich grundsätzlich etwas ändert. Vielleicht ist es an der Zeit für eine zweite sexuelle Revolution. 
 
Sexuelle Revolution Zero
 

Auf dem Weg zur Sesshaftigkeit © pixabay CC0 Die erste sexuelle Revolution kennen wir alle. Nachdem vor allem Frauen seit Menschengedenken in ihrer Sexualität fremdbestimmt waren, sollten nun alle gleich lieben dürfen – also: ihre Wahl, wen sie wie lieben, selbst treffen dürfen. Seitdem leben wir die serielle Monogamie, auf einem freien Markt für Liebe und Sex. Das war aber gar nicht die erste sexuelle Revolution. 
 
Die „nullte“ sexuelle Revolution war quasi die Sesshaftigkeit. Der Evolutionsbiologe Jared M. Diamond nannte sie auch „den schlimmste Fehler der Menschheit“. Vermutlich entstand damals die Monogamie, wie wir sie heute kennen. Dieser Übergang vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter stellt die dramatischste Verhaltensänderung einer Tierart auf diesem Planeten dar, die je beobachtet wurde. Alles – Ernährung, Sozialleben, Gesellschaftsstruktur, sogar die Anatomie – änderte sich grundlegend. Wahrscheinlich also auch die Sexualität. Mann und Frau zogen im wahrsten Sinne des Wortes gemeinsam den Pflug und bildeten eine korporative Einheit, um überleben zu können.

Als wir uns niederließen brauchten wir starke wirtschaftliche Einheiten, sprich: Familien. Gemeinsame Schicksalsgemeinschaft musste zusammenhalten. Eine Trennung konnte für die Familie lebensbedrohlich sein. Es gab natürlich auch polygame Gesellschaften, aber was hat sich aus einer westlichen Perspektive letztlich vorerst durchgesetzt? Das beschränkteste, ärmste Modell. Es gibt gute Gründe dafür. Vor allem funktionierten monogame, patriarchalisch organisierte Systeme einfach gut im Sinne von starken Gesellschaften, von Nationalstaaten, die um Ressourcen kämpften. Monogam lebende Menschen waren besser zu knechten, die Frauen waren entrechtet, die Männer an ihre Familien gebunden. Die Monogamie war ein blutiges Modell, aber es hat uns bis zum Mond fliegen lassen. Damit war die Monogamie quasi die Kartoffel unter den Beziehungsmodellen. Mangelhaft, aber praktisch. Alle Indizien sprechen dafür, dass die Jäger und Sammler eher polygam lebten. Niemand geringeres als Scarlett Johansson folgerte deshalb: Monogamie kann nicht natürlich sein, wenn sie so anstrengend ist.
 
Generation Porno und die Suche nach Glück
 
Wie auch immer sich unsere Sexualität ursprünglich konstruierte, eines ist sicher: Heute leben wir also sexuell genau so wenig gemäß unserer ursprünglichen Natur wie wir uns anders ernähren und zu wenig bewegen. Aber da wir wissen, dass unser Körper einmal zum Laufen und Jagen gemacht wurde, gleichen wir dieses Defizit heute mit Sport aus. Und sexuell? 
 
Pornos. Seit ungefähr zehn Jahren in Deutschland quasi frei verfügbar. Schon Teenager kommen relativ einfach an quasi unendlich viel Deep Throatings und Gangbangs. Von zart bis hart, von Missionarsstellung bis Foltersex, inzwischen zum Glück auch feministisch und halbwegs niveauvoll. Wächst also eine verrohte, völlig hypersexualisierte Generation von Pornojunkies heran?
Im Gegenteil. Alle Studien sind sich einig: Jugendliche können sehr gut zwischen echtem Sex und der künstlichen Pornowelt unterscheiden. Das Durchschnittsalter des ersten Mal Sex deutscher Jugendlicher stagniert bei 16 Jahren. Die ersten Erfahrungen sind meistens sogenanntes „Petting“, also langsames Herantasten an den harten Stoff. Von Orgien in Klassenzimmern ist weiterhin nichts bekannt. Für die ersten sexuellen Erfahrungen braucht es den oder die „richtige“. Und wie findet man den? Hat Online-Dating und Tinder uns nicht völlig versaut? 

Sexuelle Revolution! © pixybay, CC0 Die Geschichte des 41-jährigen Alexander Pieter Cirk deutet in andere Richtung. Der Niederländer wurde wegen körperlicher Erschöpfung in ein Krankenhaus eingeliefert, nachdem er zehn Tage am Flughafen in Changsha (China) auf seine Internetliebe Zhang gewartet hatte. Er war 8600 Kilometer von Amsterdam zu ihr geflogen, hatte am Flughafen zehn Tage mit Instantnudeln ausgeharrt, aber sie kam nicht. 
 
Wo war Zhang? Ein Fernsehsender konnte sie schließlich ausfindig machen. Sie habe ein Foto des Flugtickets von Cirk bekommen, allerdings gedacht, es handele sich um einen Scherz, sagte sie. Cirk ist nach Amsterdam zurückgereist – und glaubt noch an ein Happy End. „Ich konnte sie nicht sehen, aber unsere Beziehung ist stärker geworden,“ sagte er einem Fernsehsender. Vielleicht ist der Mann einfach irre und einsam, vielleicht bis über beide Ohren verliebt. Wer weiß. Sein Fall zeigt jedenfalls: Wir wollen alle jemanden finden. Mit oder ohne Online-Dating, hier oder in China.
 
Fast überall auf der Welt können die Menschen leider immer noch nicht so frei leben und lieben wie die meisten von uns in Deutschland. Auch, weil unser Überfluss auf ihre Kosten geht. Daraus folgt die moralische Verpflichtung gegenüber denjenigen, die nicht so frei sind:  Ihnen erstens diese Freiheit auch zugänglich zu machen, zweitens tolerant zu sein und drittens unsere Freiheit verdammt nochmal zu nutzen. Es ist höchste Zeit für eine sexuelle Revolution 2.0.
 

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