Fokus: Kunst und Technik Post-digitale Konversationen

Transmediale 2016 / Conversation Piece
Conversation Piece © transmediale / design akademie berlin www.design-akademie-berlin.de | © transmediale / design akademie berlin www.design-akademie-berlin.de

Nach dem Schwerpunkt der digitalen Kunst konzentrierten sich transmediale und CTM Festival  2016 auf den direkten Austausch und begaben sich auf die Suche nach neuen Sound-Kontinenten und Klanglandschaften.

Seit mehreren Jahrzehnten gibt es sie, und mittlerweile verbinden sich die beiden Berliner Festivals transmediale und CTM, so dass sie aneinander und ineinander stattfinden und doch jeweils für sich autark funktionieren. Bei keinen zwei Events sonst vermengen sich die Schwerpunkte so vortrefflich, nämlich auf der einen Seite Internet- und Digital-Kultur mit -Musik auf der anderen. So war es auch Anfang Februar 2016, als zur gleichen Zeit sowohl die transmediale und auch CTM – Festival for Adventurous Music and Art die wichtigen kulturellen Veranstaltungsorte und einige Clubs der Stadt für sich beanspruchten.
 
Die transmediale verzichtete diesmal ganz auf eine eigene Digitalkunst-Ausstellung und verlegte ihren Schwerpunkt neben Vorträgen und Gesprächsrunden stattdessen auf Workshops. „Conversationpiece“, Gesprächsgegenstand, war das Motto des 28. Medienfestivals, das sich nach Jahrzehnten der Auslotung von Digital- und Internet-Kunst nun als ein „post-digitales Kultur-Event“ versteht: Zurück zum Menschen und dem gegenseitigen Austausch „Face to Face“, sowohl in Gesprächen wie auch in anschaulichen Workshops. Die vielen spannenden, teils überlappenden Konversationen waren manchmal ziemlich ausdauernd und wurden von den Moderatoren strukturiert und nach Themenblöcken immer wieder rekapituliert. In einer dieser Marathonsitzungen ging es etwa vier Stunden um Geld – unter anderem um die digitale Währung Bitcoin und die daraus hervorgegangene neue Technologie Blockchain.

Privatsphäre und kinetisches Ballett

Bitcoin erregte die letzten Jahre immer mehr Aufsehen, der Name steht für das dezentrale Zahlungssystem wie auch die Geldeinheit, die ohne eine zentrale Abwicklung – also eine Bank – auskommt. Blockchain nun ist eine Art dezentralisiertes Buchungssystem, um Transaktionen nachverfolgen zu können. Wie auch die Währung kommt es ganz ohne Mittelmänner, sprich Banken, aus. Und diese Neuerung bedeutet nun, sie könnte weitgreifende Entwicklungen nicht nur für jede Art von Geldtransaktion haben, sondern auch das Finanzsystem ändern. Nur, wie soll das dann aussehen, damit wir als Normal-Nutzer auch konkret damit umgehen können? Der niederländische Internet-Theoretiker Geert Lovink saß im Publikumsbereich der Runde, die Stuhlreihen nahtlos ins Publikum überging, und bemerkte: „Das Geld ist technisch geworden, es ist vernetzt. Der nächste Schritt ist die Frage seines Designs.“
 
Nebenan in der Aula des HKW stellte der amerikanische Investigativ-Journalist und Sicherheits-Experte Jacob Appelbaum sein neues Kunstprojekt „Autonomy Cube“ vor, das im bis Januar im Oldenburger Edith-Russ-Haus zu sehen war.
Dabei handelt es sich um eine Skulptur bestehend aus Computern, die ein offenes W-LAN herstellen. Die Verbindung zum Internet geschieht dabei über die Software Tor. Diese arbeitet mit einem weltweiten offenen Netzwerk an Servern, das die Daten der User verschlüsselt und als dessen Knotenpunkt die Skulptur fungiert. Wer nun über das W-LAN im Ausstellungsraum im Netz surft, tut dies vollkommen anonym. Und, wo immer diese Skulptur aufgestellt und in Betrieb genommen wird, werden auch ihr Ausstellungsort und die User Teil dieser anonymisierten Infrastruktur des Internets – um so ihre Privatsphäre vor der Überwachung staatlicher Organe zu schützen.
 
Robert Henke/ Christopher Bauder: „Deep Web“ Robert Henke/ Christopher Bauder: „Deep Web“

 
Um den Gegenstand der Vernetzung ging es auch bei der kinetischen Installation „Deep Web“ von Robert Henke, auch bekannt unter seinem Musikernamen Monolake, und Licht-Künstler Christopher Bauder. Deep Web, die Tiefen des Internets, wenn man so lesen will, mit seinen Vernetzungen und Knotenpunkten sichtbar und greifbar zu machen. 175 Kugeln bewegten hydraulisch angetrieben von einem Gitternetz an der Decke des Eventorts Kraftwerk in Formationen nach einer musikalischen Komposition von Henke. Angestrahlt durch verschiedenfarbige Laser generierten die Künstler ein eindrucksvolles kinetisches Ballett als audiovisuelles Erlebnis, das in den Weiten der ehemaligen Generatoren-Halle erst zur Geltung kam.

Erkundung von Klanglandschaften 

Das CTM Festival definiert sich durch übergreifende visuelle Experimente wie diese und rundet die Konzerte und Talks mit einer Musik-thematischen Ausstellung ab: Verortungen, neue Sound-Kontinente und Klanglandschaften war das Thema der CTM und so geht ihre Ausstellung unter dem Titel „Seismographic Sounds“ im Kunsthaus Kreuzberg/Bethanien noch bis zum 20. März auf musikalische Entdeckungstour an die Nischen der Musikproduktion sowohl im fernen Pakistan wie nebenan in England.
 
Kuratiert und produziert von dem schweizerischen Team Norient, bestehend aus Theresa Beyer, Thomas Burkhalter und Hannes Liechti, wird das Thema der Wanderausstellung durch ein Buch/Katalog sowie ein Film-Festival ergänzt.  Die Aus-stellung spricht vor allem durch ihre Medien: Video-Clips, Podcasts und Medien-Installationen. Im gleichnamigen Buch be-schreiben 250 Blogger, Wissenschaftler und Journalisten aus 50 Ländern die globalisierte Musikproduktion und ihre Fragen und Diskurse, von Bolivien über Pakistan bis nach Ghana. „Es sind Visionen einer anderen Welt, die nicht einfach nur kommerziell ist oder Propaganda. Es sind Künstler, die versuchen, neue künstlerische Positionen durchzusetzen und die ihre Heimatländer anders verarbeiten, als dass es der Mainstream vielleicht kennt“, erklärt Herausgeber und Kurator Thomas Burkhalter die Herangehensweise.

Pedro Reyes “Disarm (Mechanized) und Raed Yassin Pedro Reyes „Disarm" (© 2013, Courtesy of the artist and Lisson gallery) und Raed Yassin „The Stinky Singer / The Sultan of Tarab" ( 2015, Courtesy of the artist and Kalfayan Galleries)

 
So findet sich dort etwa ein ausgestopftes Stinktier des libanesischen Künstlers Raed Yassin ("The Stinky Singer / The Sultan of Tarab"), der als Allegorie das Verschwinden eines ehemals ruhmreichen arabischen Star-Sängers in der Versenkung der Pop-Geschichte beklagt. Daneben stellt der Mexikaner Pedro Reyes sein Werk “Disarm (Mechanized)” als sozio-politische Kritik an der beiderseitigen Gewalt im mexikanischen Drogenkrieg aus, das extra für die Berliner Ausstellung kommissioniert wurde. Reyes nahm die von Bürgern in einer großen Anti-Gewalt-Kampagne an den Staat abgegebene Waffen auseinander. Aus den Revolvern, Schusswaffen und Maschinengewehren bastelte er sechs wunderliche wie monströs anzusehende Musikinstrumente und wollte damit auch auf die gesellschaftliche Verantwortung hinweisen. Denn es ist nicht nur der schuldig, der die Waffe gebraucht, sondern ebenso die Waffenfirmen wie auch die politischen Organe, die sie verkaufen und verbreiten.
 
Der Musik-Journalist hat seine Dissertation über subkulturelle und experimentelle Musik in Beirut gefertigt und länger dort gelebt. Dass die Bilder auch einfach für sich sprechen, indem man die Vielfalt auf sich wirken lassen kann, zeigt etwa eine Video-Wand: 2.000 Videos wurden kuratiert und von einem Künstler zum Gesamtkunstwerk zusammen gestellt. Mit Hilfe eines Algorithmus wurden die Musik-Clips thematisch nach Schlagwörtern sortiert und danach ineinander vermischt. So entstehen stundenlange Konstellationen aus weltweit übergreifenden Thematiken, Strömen und Trends, denen man fasziniert zusehen kann. So unterschiedlich die Kulturen und Gesellschaften und so vielfältig die Clips auch sind, sie alle beherrschen dieselben Themen Geld, Einsamkeit, Krieg, Zugehörigkeit, Wunsch oder Verlangen. Die Globalisierung und YouTube ermöglichen Künstlern wie nie zuvor, an zeitgenössischen Strömungen teilzunehmen. Doch auch dafür benötigt man die ausreichende Infrastruktur – einen guten Internet-Anschluss.