Schauspielerin, Performerin, Butoh-Tänzerin, Sängerin, Übersetzerin, Friedenaktivistin
Sachiko Hara – Schauspielerin und Kulturmittlerin zwischen Deutschland und Japan

Sachiko Hara
© Sachiko Hara

Sachiko Hara, Schauspielerin, Performerin, Butoh-Tänzerin, Sängerin, Übersetzerin, Friedenaktivistin im Interview mit Makiko Yamaguchi, Goethe-Institut Tokyo

Projekte in der Städtepartnerschaft zwischen Hannover und Hiroshima

Yamaguchi (MY): Sachiko, Du bist 2001 nach Deutschland gegangen. Du wurdest zunächst am Wiener Burgtheater fest engagiert, danach am Schauspielhaus Hannover, Schauspiel Köln und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und hast in vielen Rollen das Profil dieser Häuser mitgeprägt. Im September 2019 bist Du ans Schauspielhaus Zürich gewechselt. Seit dieser Spielzeit bist Du wieder zurück am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Du hast bislang in Inszenierungen bekannter Regisseure mitgewirkt, unter anderem Christoph Schlingensief, Nicolas Stemann, René Pollesch und Christoph Marthaler. Parallel dazu hast du den „Hiroshima Salon“ ins Leben gerufen, der in Hannover, der deutschen Partnerstadt von Hiroshima begann und inzwischen auch an vielen weiteren Orten veranstaltet wurde.

Hara (SH): Ich veranstalte den „Hiroshima Salon“ seit 2011, habe aber aufgrund der Corona-Pandemie eine Weile pausiert. Da es aber durchaus sein kann, dass die jetzige Situation noch länger andauert, plane ich derzeit, den Salon - soweit möglich - online zu veranstalten. Als ich darüber mit dem Kulturbüro der Stadt Hannover sprach, bestärkte man mich, diese Idee unbedingt umzusetzen. Daraufhin habe ich nochmals sieben Schlüsselfiguren der insgesamt 100 Gäste besucht, die bis dahin am „Hiroshima Salon“ teilgenommen hatten und sie einzeln interviewt. Einer meiner Gesprächspartner war der frühere Oberbürgermeister von Hannover, Herbert Schmalstieg - eine wirklich herausragende Persönlichkeit. Die Hälfte meiner Gesprächspartner war seit 1970 am Jugendaustausch zwischen Hiroshima und Hannover beteiligt. Ich möchte diese Interviews redaktionell bearbeiten, mit englischen und japanischen Untertiteln versehen und dann ins Internet stellen, damit Menschen auf der ganzen Welt sich diese Videos ansehen können Ich habe den Salon bereits in verschiedenen Städten in u.a. Deutschland, Japan, Polen, der Schweiz veranstaltet. Das Projekt soll dazu beitragen, die Kriegserinnerungen - und zwar nicht nur von Hiroshima und Hannover, sondern von allen betroffenen Städten - zu teilen und immer wieder die Frage zu stellen, was wir über Unterschiede zwischen Ländern und über Grenzen hinweg gemeinsam für den Frieden in der Welt tun können. Von Weltfrieden zu sprechen, mag vielleicht übertrieben klingen, aber es gibt kein anderes Wort dafür, darum benutze ich diesen Begriff. Der Austausch zwischen Ländern beruht auf dem gegenseitigen Kennenlernen von Individuen, und ich denke ein gutes Beispiel hierfür ist der Jugendaustausch zwischen den Partnerstädten Hiroshima und Hannover. Es ist wichtig, dass wir die Geschehnisse von vor 50 Jahren direkt von den Zeitzeugen hören und dokumentieren. Ich bin überzeugt, dass das ein gutes Projekt wird, Du darfst schon gespannt darauf sein.

MY: Du hast mit dem „Hiroshima Salon“ begonnen als du 2011 am Schauspielhaus Hannover engagiert warst?

SH: Ja, im Januar 2011. Im Oktober 2010 war die Premiere von Little Boy - Big Typhoon (Hisashi Inoue) am Schauspielhaus Hannover. Bei dieser Inszenierung waren allerdings die Videos der Interviews, die ich zuvor in Hiroshima aufgenommen hatte, nicht zum Einsatz gekommen. Hinzu kam, dass Toshihiko Hayashi, dessen Ausführungen mich am tiefsten bewegt hatten und der auch Initiator des Jugendaustauschs zwischen Hannover und Hiroshima gewesen war, im Oktober jenes Jahres kurz vor der Premiere verstorben war. Ich wollte unbedingt, dass die Bürger*innen von Hannover das Video mit seinem Interview sehen und sprach darüber mit der Dramaturgin des Theaters, Judith Gerstenberg. Daraufhin begann ich im Januar 2011 mit dem „Hiroshima Salon“ als Begleitprogramm zur Aufführung von Little Boy - Big Typhoon. Im März ereignete sich dann die Dreifachkatastrophe [Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe] in Ostjapan. Das Interesse des Publikums in Deutschland galt damals ausschließlich Fukushima, und ich habe hin- und herüberlegt, ob es angesichts dieser Lage angemessen ist, nur über Hiroshima zu sprechen. Ich selbst war auch in Sorge um meine Familie in Japan und wusste nicht, was ich dem Publikum mitzuteilen hatte. Ich beriet mich mit Judith und setzte dann einmal mit dem Salon aus. Im Sommer desselben Jahres reiste ich nach Japan und führte weitere Interviews. Durch diese Interviews mit Menschen in meinem Umfeld in Japan wollte ich ein aktuelles Bild von Japan vermitteln, ich habe aber auch Personen in Hannover interviewt, die die Betroffenen der Katastrophe unterstützten. Auf dieser Grundlage startete ich dann in der folgenden Saison eine neue Reihe des „Hiroshima Salon“, der die Bande zwischen Japan und Deutschland zum Thema hat.

MY: Als Teil des Programms des Staatstheaters Hannover?

SH: Genau. Im Sommer 2012 wechselte ich dann ans Schauspiel Köln, und auch dort gab es wieder einen Bezug zur Großen Erdbebenkatastrophe von Ostjapan. Karin Beier inszenierte dort die Welturaufführung von Elfriede Jelineks Kein Licht und lud mich ein mitzuwirken. Bei diesem Stück wollte ich unbedingt mitspielen. Also bat ich das Schauspielhaus Hannover um Erlaubnis, in Köln spielen zu dürfen, auch wenn das eigentlich eine unzumutbare Bitte war. Letztendlich wechselte ich dann ans Schauspiel Köln. Es ist sehr schwierig für ein Ensemblemitglied eines Stadttheaters an anderen Theatern aufzutreten. Aus diesem Grund konnte auch der „Hiroshima Salon“ nicht länger am Staatstheater Hannover stattfinden. Ich habe ihn aber in verschiedenen Sälen der Stadt Hannover veranstaltet, mit voller Unterstützung des Nihonjinkai (Japaner*innenkreis) Hannover und des Deutsch-Japanischen Freundschaftskreises Hannover-Hiroshima-Yukokai e.V. Ab 2015 war es wieder möglich, den Salon am Staatstheater Hannover durchzuführen, im Sommer 2019 gab es in Hannover dann einen Intendantenwechsel und während ich noch versuchte mit dem Theater zu verhandeln, kam es zum Lockdown. Das Kulturbüro der Stadt Hannover hat mich in der Vergangenheit enorm unterstützt und tut dies auch jetzt noch. Ab 2012 fand der Hiroshima Salon auch in Berlin, Hamburg, Japan und Warschau und anderen Städten statt. In letzter Zeit werden wir auch von ICAN (Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen) Deutschland unterstützt, so dass wir die Aktivitäten noch ausweiten konnten. Im Februar dieses Jahres [2020] traf ich bei einer Performance von Hiroshima Monster Girl anlässlich des ICAN International Forum in Paris Setsuko Thurlow [japanisch-kanadische Aktivistin für nukleare Abrüstung und Hibakusha] und wenn es keinen Lockdown gegeben hätte, wäre ich auch nach Frankreich und in die USA eingeladen worden.

Onlineversion des Hiroshima Salons mit Dokumentation des 50 Jahre andauernden Jugendaustausches zwischen Hannover und Hiroshima

MY: Worum ging es bei den Interviews mit den Mitwirkenden des Hiroshima Salons inhaltlich?

SH: Meine Interviewpartner*innen waren hauptsächlich langjährige Mitglieder des „Hiroshima Salon“ in Hannover. Den früheren Oberbürgermeister Schmalstieg habe ich zur Anbahnung der Partnerschaft zwischen Hannover und Hiroshima, zu den Eindrücken seiner Besuche in Hiroshima sowie über die Rolle von Partnerstädten in der heutigen Situation befragt. Das ist auch ein Thema, mit dem ich mich intensiv beschäftige. Birgit Merkel, die eine Schlüsselfigur des Jugendaustausches war, habe ich ebenfalls interviewt. Bei dem Jugendaustausch zwischen beiden Städten wohnten die Jugendlichen im Gastland jeweils in Gastfamilien, woraus sich ein sehr substantieller Austausch entwickelt hat. Es ist bedauerlich, dass dieses Programm um 2000 herum eingestellt wurde. Inzwischen wissen viele Hannoveraner*innen gar nicht mehr, dass es diesen Austausch einmal gab. Ich möchte, dass die Menschen in Hannover etwas über diesen Austausch erfahren, und ich will die Welt auf die „Gesichter“ dieser Menschen aus Hannover, die sich für den Austausch eingesetzt haben, aufmerksam machen. Ein solcher Austausch braucht die Sichtbarkeit der Menschen, die daran beteiligt sind.

Saskia Raer, eine führende Persönlichkeit der Cosplay-Szene in Hannover, ist seit den Anfängen des „Hiroshima Salons“ dabei. Unter der Woche arbeitet sie in Business-Kleidung bei einer Versicherungsfirma, an den Wochenenden jedoch schlüpft sie ins Kostüm einer Anime-Figur und trifft sich mit Gleichgesinnten auf Cosplay-Veranstaltungen. Es ist eine große Bereicherung, dass jemand wie Saskia sich über Jahre hinweg mit engagiert und dadurch viele junge Menschen zum „Hiroshima Salon“ gekommen sind. Ich schätze den „Hiroshima Salon“, weil dort nicht nur Menschen mit einem ausgeprägten Bewusstsein für politische Themen, wie Atomwaffen etc. zusammenkommen, sondern Menschen mit den unterschiedlichsten Interessen aus allen Generationen sich über verschiedene Themen austauschen. Maria, die ich für die Online-Version des "Hiroshima Salon" zum ersten Mal interviewt habe, hat 2019 ein Jahr lang als Freiwillige in einem Pflegeheim in Hiroshima gearbeitet. Ihre Erzählungen über den Austausch mit den alten Menschen in dem Pflegeheim haben mich zu Tränen gerührt und mir nochmals deutlich gemacht, dass es letztendlich der direkte Kontakt zwischen Menschen ist, auf den es ankommt.

MY: Viele Menschen haben sich also sehr intensiv in dieser Städtepartnerschaft engagiert

SH: Der Jugendaustausch zwischen Hiroshima und Hannover begann 1970, und die Städtepartnerschaft besteht seit 1983. In Deutschland gibt es etwa 50 Städtepartnerschaften mit Japan. Oft sind dies von der Industrie oder der Wirtschaft getragene Kooperationen. Die Partnerschaft zwischen Hiroshima und Hannover ist das einzige Beispiel einer Partnerschaft, die sich aus dem Austausch auf Bürgerebene heraus entwickelt hat. Hamburg, wo ich derzeit lebe, unterhält eine Städtepartnerschaft mit Osaka, aber der Austausch ist nicht besonders rege. Darum habe ich am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, dessen Ensemble ich angehöre, 2015 den „Osaka Salon“ ins Leben gerufen, der erfreulicherweise auch immer bis auf den letzten Platz ausverkauft ist. Die Zuschauer*innen erzählen immer, dass sie bis dahin nichts von der Städtepartnerschaft wussten. Ich finde es einfach schade, dass man nichts voneinander weiß. Insbesondere für Japan sind Städtepartnerschaften meiner Meinung nach wichtig, denn dadurch kommen junge Japaner*innen ins Ausland, hören und sehen, wie die Menschen dort leben und wie sie denken. Ich denke, dass diese Erfahrung ihnen auch einen Anstoß gibt, Japan mit neuen Augen zu betrachten. Für die Vorbereitungen des „Osaka Salon“ habe ich zahlreiche in Hamburg ansässige Japaner*innen getroffen. Darunter auch ältere Menschen, die in den 1950er und 1960er Jahren mit dem Schiff nach Hamburg kamen. Menschen, die mutig und entschlossen waren, ins Ausland zu gehen und etwas Neues zu lernen. Ich selbst habe mich als Teenagerin auch sehr nach fremden Ländern gesehnt. Da ich derzeit nicht fest in Japan wohne, kann ich es zwar nicht richtig beurteilen, aber wenn ich nach Japan reise, habe ich oft das Gefühl, dass die jüngere Generation wenig Interesse daran hat, ins Ausland zu gehen. Ich sehe darin ein Risiko für Japan. Es gibt so viele Dinge, die man erst versteht, wenn man ein Land selbst besucht und die Dinge mit eigenen Augen sieht. Es wäre meiner Meinung nach gut, wenn es Angebote für Reisen in die Partnerstadt des eigenen Heimatortes gäbe, die dann als Sprungbrett für einen Auslandsbesuch dienen. Am besten wäre es natürlich, wenn dies z.B. von der Stadt unterstützt würde.

MY: Du engagierst dich da wirklich für eine wichtige Sache.

SH: Der Austausch zwischen Hannover und Hiroshima ist auch über den Jugendaustausch und Universitätskooperationen hinaus sehr vielfältig. So hat z.B. jemand aus Hiroshima [das Geschicklichkeitsspiel] Kendama nach Hannover gebracht, und es war auch eine Hannoveranerin, die das Buch über Sadako und die Kraniche zum ersten Mal ins Deutsche übersetzte und veröffentlichte. Die Geschichte von Sadako verbreitete sich von Hannover aus im gesamten deutschsprachigen Raum und wurde berühmt. Es ist schade, wenn solche Dinge in Vergessenheit geraten, darum habe ich diese Themen auch in den Interviews aufgegriffen. Trotzdem denken viele Menschen allein aufgrund des Wortes „Hiroshima“ im Titel, dass es sich um ein politisches Programm handelt und schrecken zurück. In Deutschland sind sowohl Schauspieler*innen als auch das Theater ziemlich politisch, ich selbst bin aber mehr an Menschen interessiert als an Politik Deshalb besteht mein Ansatz darin, die Lebens- und Denkweisen verschiedener Menschen vorzustellen und mit allen gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir in Frieden leben können. Ich würde mich freuen, wenn auch das Goethe Institut dieses Projekt unterstützen würde.

Onlineversion von Hiroshima Salon:


Zurück nach Hamburg

MY: Woran arbeitest du derzeit in Deinem Beruf als Schauspielerin?
Die Wehleider Die Wehleider | © Matthias Horn SH: Im August 2019 bin ich von Hamburg, wo ich sechs Jahre lang Mitglied des Theaterensembles war, ans Schauspielhaus Zürich gewechselt. Nach dem Wechsel hatte ich ständig Heimweh nach Hamburg und es war tatsächlich so, dass es mir körperlich und seelisch immer dann gut ging, wenn ich nach Hamburg zurückkehrte, um in Stücken des Deutschen Schauspielhauses mitzuspielen. Als ich Ende Januar 2020 nach Hamburg kam, um in Christoph Marthalers Die Wehleider aufzutreten, beschloss ich plötzlich auf der Bühne: „Ich will zurück nach Hamburg!". Am nächsten Tag rief ich die Sekretärin der Intendantin Karin Beier an und sagte: "Ich möchte gern zurückkommen, aber würdet ihr mich denn auch wieder nehmen?". Sie brach in schallendes Gelächter aus und sagte: "Siehst Du, ich habe es doch gesagt“. Auch Rita Thiele, die Chefdramaturgin, sagte, sie würde sich freuen, wenn ich zurückkäme und machte mir so die Rückkehr relativ einfach. Im Januar dieses Jahres [2020] war die Corona-Pandemie noch ein Problem in einem fernen Land. Einen Monat später wäre es vielleicht nicht mehr so glatt gelaufen. Anfang Februar sprach ich dann die Intendanten des Schauspielhauses Zürich, Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg, an und bat sie um die Auflösung meines Vertrags.

MY: Die beiden waren sicher überrascht. Du hattest doch einen Dreijahresvertrag!?

SH: Die neue Struktur des Schauspielhauses Zürich unter der Doppelintendanz der beiden hatte erst im August 2019 begonnen. Deshalb fragt man sich sicher, wie es jemandem einfallen könnte, gleich wieder aufzuhören. Aber ich wollte unbedingt wieder nach Hamburg zurück, Nicolas ist selbst in Hamburg aufgewachsen und verstand, warum ich mich in Hamburg wohlfühle. In Hamburg herrscht eine Bereitschaft, jeden zu akzeptieren, und eine Toleranz, die jedem ein halbwegs glückliches Leben ermöglicht. Auch wenn die Menschen eine sehr direkte Art haben mögen, findet man hier einen starken Gerechtigkeitssinn, Menschenliebe sowie ein ausgeprägtes Menschenrechtsbewusstsein. Hamburg ist eine Hafenstadt und eine Hansestadt mit einem starken Unabhängigkeitsgefühl. Nachdem ich Hamburg einmal verlassen hatte, wurde mir klar, wie angenehm all diese Eigenschaften mir das Leben in Hamburg gemacht hatten. Natürlich kommt noch hinzu, dass mein Sohn in Hamburg lebt und ich dort Freunde habe und dass all die Erfahrungen, die ich in den sechs Jahren gesammelt habe, mich mit Hamburg verbinden. Mehr als alles andere liebe ich aber den Raum des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, das als schönstes Theater in Deutschland gilt. Natürlich haben Nicolas und die anderen versucht mich zurückzuhalten, aber da bereits feststand, dass das Theater in Hamburg mich wieder aufnimmt, waren sie schließlich einverstanden.

Unmittelbar nachdem wir die Formalitäten für die Vertragsauflösung eingeleitet hatten, begann auch in der Schweiz die Zahl der Coronafälle zu steigen. Zu dieser Zeit probte ich gerade für ein Stück, das auf dem Bestseller Mein Jahr der Ruhe und Spannung [Ottessa Moshfegh] basiert und New York bis 11. September 2001 beschreibt. Die Proben hatten Anfang Februar begonnen, und die Premiere war für April angesetzt - es wäre mein letzter Auftritt in Zürich gewesen. Am 17. März erfuhr ich während der Probe, dass ab dem nächsten Tag eine Ausgangssperre verhängt werden sollte. Danach herrschte die ganze Zeit Lockdown, und ich blieb zu Hause. Die Premiere wurde auf Oktober verschoben und es wurde beschlossen, dass ich nicht mitspielen würde. Letztendlich blieb mir nichts anderes übrig als auf die Rolle zu verzichten - nicht nur wegen der Corona-Pandemie, sondern auch weil bereits für den 6. November mein erster Auftritt in Hamburg bei der Premiere eines neuen Stückes in der Inszenierung Bonn Park geplant war. Der Lockdown in Zürich verschaffte mir zwar so etwas wie eine Entspannungspause im Leben, aber andererseits war ich ständig in größter Sorge, da ich nicht wusste, wann ich meinen Sohn in Deutschland und meine Eltern in Japan wiedersehen würde. Während des derzeitigen zweiten Lockdowns seit November [2020] kann ich proben, und ich bin in Hamburg, das heißt mein Sohn ist auch da und ich kann Freunde treffen. Darum ist die Situation weniger belastend als im Frühjahr.

Arbeiten mit René Pollesch und Bonn Park

MY: Was war das erste Stück in dem Du nach Deiner Rückkehr ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg aufgetreten bist?

SH: Es war eine Aufführung von Probleme, Probleme, Probleme am 4.Oktober 2020, ein Stück, das Rene Pollesch zwei Spielzeiten zuvor inszeniert hatte. Es war mein erster Auftritt nach langer Zeit und es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.

Probleme, Probleme, Probleme Probleme, Probleme, Probleme | © Thomas Aurin MY: Als Pollesch 2006 in Tokyo Soylent Green ist Menschenfleisch, sagt es allen weiter inszenierte, hat man gesehen, wie sehr er darum bemüht ist, dass die Schauspieler auf der Bühne keinen Druck verspüren. Ist das immer noch so?

SH: Ja. Man muss bei ihm z.B. keinen Text sprechen, den man nicht sprechen möchte. Ich habe das inzwischen so sehr verinnerlicht, dass ich auch bei Proben mit anderen Regisseuren frei heraus sage, wenn ich einen Text nicht sprechen möchte. Das lässt dann die Kollegen um mich herum oft vor Schreck erstarren und erblassen (lacht). Ich werde als sehr starke und durchsetzungsfähige Frau angesehen, aber es ist einfach nur so, dass ich von Natur aus Dinge, die ich nicht machen will, nicht machen kann. Inzwischen ist Pollesch der Regisseur, mit dem ich am längsten zusammengearbeitet habe - 15 Jahre, seit 2005. Drei Inszenierungen am Burgtheater, drei in Hamburg, und auch dazwischen habe ich in meiner Zeit in Hannover neue Texte von ihm gelesen, zwei seiner Stück sind ins Japanische übersetzt und wurden im Rahmen von (szenischen?) Lesungen vorgestellt. Das Theaterverständnis, das ich durch meine Arbeit mit ihm erlangt habe, ist zu meinem Maßstab geworden.

MY: Ich meine mich zu erinnern, dass (bei Pollesch) auch der Souffleur/die Souffleuse mit auf der Bühne steht, um die Schauspieler*innen von der Angst zu befreien, ihren Text zu vergessen.

SH: Am Theater gibt es mehrere Souffleure und Souffleusen. Bei Pollesch stehen diese aus eben diesem Grund mit auf der Bühne, d.h. sie werden geschminkt und tragen manchmal Kostüme. In meiner Zeit am Burgtheater spielte ich in drei Inszenierungen (von Pollesch) mit und zwischendurch gab es einen Wechsel bei den Souffleusen. Sicher hatten da hinter den Kulissen einige Kämpfe stattgefunden (lacht).

Probleme, Probleme, Probleme Probleme, Probleme, Probleme | © Thomas Aurin MY: Nächste Woche beginnen die Proben für Polleschs neue Inszenierung.

SH: Ja, Aufführungen im Theater sind zwar noch nicht wieder möglich, aber Karins Strategie ist es, die Proben wie geplant fortzusetzen, die Inszenierung „einzufrieren“ und zu lagern, um sie dann, wenn eine Premiere wieder möglich ist, wieder „aufzutauen“ und aufzuführen. Bereits beim ersten Lockdown im Frühjahr wurden drei Inszenierungen „eingefroren“, zwei weitere Arbeiten sollen im November ebenfalls in den Gefrierschrank wandern. Wenn der jetzige Lockdown anhält, werden wir also mit den zwei Inszenierungen, deren Premiere für Dezember 2020 geplant ist, insgesamt sieben Werke im Gefrierschrank haben. Es bereitet mir zwar etwas Kopfschmerzen, wenn ich daran denke, wie wir innerhalb dieser Saison die sieben Premieren realisieren sollen, aber an anderen Theatern ist die Situation bestimmt nicht anders.

MY: Bis vor kurzem hast du mit Bonn Park geprobt. Erzähle uns doch bitte etwas über ihn.

SH: Bonn ist jetzt 33 Jahre alt. Er ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Seine Mutter stammt aus Südkorea und man sieht ihm die asiatische Abstammung an, Seine Mutter kam als Studentin nach Berlin, wo sie dann blieb, arbeitete und ihn aufzog. Bonn ist seit seiner Kindheit ein begeisterter Fernsehgucker und ein großer Fan von japanischen Animes. Er liebt Japan so sehr, dass er als er dann älter war, viele Male nach Japan reiste und sogar versucht hat, Japanisch zu lernen. Als ich mit ihm zusammenarbeitete, habe ich erfreut festgestellt, dass jetzt endlich diese Generation hier angekommen ist, d.h. dass es jetzt auch in Deutschland in der Theaterwelt jemanden aus einer Generation gibt, die auf ganz natürliche Weise einen Sinn für japanische Animes entwickelt hat.

Seine Arbeiten sind wirklich faszinierend. Er mag noch jung sein und als Regisseur noch nicht ausreichend Erfahrung haben, aber ich bin schon sehr gespannt auf seine weitere Entwicklung. Er hat eine ganz andere Wahrnehmung. Die jungen Leute sehen doch massenweise Animes oder NetFlix usw. Wenn Bonn bei den Proben auf solche Dinge zu sprechen kam, wusste keiner der Schauspieler – ich eingeschlossen – wovon er sprach. Wir sahen uns die Filme im Proberaum dann zusammen an und staunten alle, was es so alles gibt. Ein junger Assistent klärte uns dann auf, dass der und der Film gerade auf Platz 1 der Charts in Deutschland lag. Auch Theatermenschen in Deutschland - wenn sie mal die 40 überschritten haben – können nicht mehr mit den Trends unter den jungen Leuten mithalten. Es ist sehr erfrischend zu erfahren, was die jungen Leute in den Dreißigern sich so ansehen. Bonn ist jemand, der vor den Proben keinen Text schreibt. Wenn die Proben begonnen haben, bringt er verschiedene Themen zur Sprache, über die dann gemeinsam geredet wird. Wir sehen uns gemeinsam Filme an, er hört sich unsere Eindrücke an und schreibt dann auf dieser Grundlage den Text. Er ist äußerst talentiert und vor allem sehr inspirierend. Seit René Pollesch gab es viele Kollegen, bei denen der Text während der Proben entstand, aber bisher gab es kaum jemanden, von dem ich den Eindruck hatte, „Der ist es!“. Die jetzige Inszenierung basiert auf Schillers Die Räuber. Bonn hat das Stück jedoch komplett umgeschrieben. Ich war wirklich überrascht über seine Sicht auf Die Räuber und auf Schiller. Schon viele Regisseure haben das Stück inszeniert, aber diese Inszenierung stellt alles Bisherige völlig auf den Kopf. Wenn die Inszenierung gut beim Publikum ankommt, möchte ich das Stück ins Japanische übersetzen. Vielleicht verstehen Menschen in Japan die Ästhetik von Bonn Park besser.

Die Räuber der Herzen Die Räuber der Herzen | © Thomas Aurin Die Aufgabe der Dramaturgie des Stadttheaters, neue Talente zu entdecken und fördern

MY: Es ist großartig, dass solche talentierten jungen Künstler*innen ins Stadttheater eingeladen werden.

SH: Das liegt an dem hervorragenden Gespür von Rita Thiele. Sie hat zusammen mit Einar Schleef und Claus Peymann legendäre Inszenierungen erarbeitet und zählt zu den namhaften Dramaturg*innen in Deutschland. Künstler*innen, die sie entdeckt und an unser Theater holt, sind ohne Ausnahme herausragend. Die heutzutage sehr gefragte Regisseurin Karin Henkel war während Ritas Zeit am Burgtheater Regieassistentin. Rita hat ihr eine Chance gegeben. Rita genießt auch enormes Vertrauen bei den Verlagen. Wenn jemand ein neues Stück schreibt, gibt der Verlag es zuerst Rita. Viele der neuen Werke von Jelinek kamen auch durch Ritas Initiative in Köln und Hamburg zur Uraufführung. Ich glaube, es gibt keine anderen Dramaturg*innen, die so engagiert für das Theater arbeiten wie sie. Sie ist zwar auch in Bezug auf ihre Erfahrungen und ihr Wissen unübertrefflich, gleichzeitig ist sie aber auch so etwas wie die Mutter des Theaters mit einem Gespür für die Gefühle der Ensemblemitglieder. Lucie Ortmann (derzeit leitende Dramaturgin am Schauspielhaus Wien) hat am Schauspiel Köln als Assistentin von Rita gearbeitet. Sie hat vieles von Rita gelernt und ist eine fantastische Dramaturgin.

MY: Werden die Abstandsregeln bei den Proben im Theater eingehalten?

SH: Die Schauspieler*innen stehen in mindestens 1,5 m Entfernung zueinander, alle 15 Minuten werden die Fenster geöffnet und ein Fenster bleibt die ganze Zeit offen. Wir spielen zwar nicht mit Mundschutz, aber es kommt niemals vor, dass sich die Darsteller gegenseitig berühren. Außerdem wurden wir während der sechswöchigen Proben vier Mal PCR--Tests unterzogen. Die Kosten für die Tests hat das Theater übernommen. Für das Theater ist es eine schwierige Zeit, weil die Einnahmen aus dem Kartenverkauf weggefallen sind. Wir teilen diese Last, indem wir in Kurzarbeit sind. Karin Beier hat das Schauspielhaus Hamburg zu großen Erfolgen geführt. Ich finde, dass sie auch in einer Krise wie dieser eine großartige Intendantin ist. Sie passt sich der sich ständig ändernden Situation an und gibt niemals auf. Sie steht in engem Kontakt zu uns Ensemblemitgliedern und den einzelnen Abteilungen, um uns die Sorgen und Ängste zu nehmen. Ursprünglich war sie skeptisch gegenüber Streaming-Aufführungen, aber auf Wunsch des Regisseurs wurde die Premiere von [Geschichten aus dem] Wiener Wald am 7. November im Livestream gezeigt. Aufgrund der guten Resonanz hat sie ihre Meinung zu Livestream-Aufführungen geändert.

MY: Die Aufführung selbst fand also ohne Publikum statt?

SH: Ja, genau. Es war ein Livestream, bei dem viele Kameras eingesetzt wurden. Mehr als 1500 Zuschauer sollen die Aufführung am Bildschirm live mitverfolgt haben. Am meisten haben wir uns über die Reaktionen der Zuschauer*innen gefreut, die uns zahlreiche Nachrichten schickten, wie „ich habe es gesehen", "es war super“, „macht so etwas wieder!“ oder Bilder und Videos von sich, wie sie den Livestream verfolgten. Da war z.B. jemand, der ein Video von sich schickte, wie er sich elegant gekleidet im Wohnzimmer zu Hause die Livestream-Premiere ansieht. Das hat der Intendantin gezeigt, dass man auch mit Livestreams Menschen glücklich machen kann und dass es so viele Menschen gibt, die das Theater unterstützen. Auch den Mitarbeiter*innen und den Schauspieler*innen hat es Freude bereitet, das Stück fertig zu proben und – wenn auch ohne Publikum –zur Premiere zu bringen. Letzte Woche wurde wieder eine Inszenierung von Karin im Livestream gezeigt und nächste Woche soll es einen weiteren Livestream geben.

MY: Das ist auch eine gute Gelegenheit für die Menschen, die physisch nicht ins Theater kommen können. Wenn ein so großes Theater wie das Schauspielhaus Hamburg dazu übergeht, Aufführungen im Livestream zu zeigen, hat das sicher auch einen gewissen Einfluss auf die Theaterwelt insgesamt.

SH: Die Berliner machen es wohl auch, aber es hat seine Vor- und Nachteile. Bei Karin Beier ist das Bewusstsein sehr stark ausgeprägt, dass unser Haus in erster Linie ein Theater für die Hamburger ist. Sie setzt sich mit den Bürger*innen Hamburgs auseinander und denkt zuallererst darüber nach, nach was diese wollen und sehen möchten.

Ich würde mir übrigens wünschen, dass mein Lieblingsstück Lazarus wieder aufgeführt wird. Das ist ein Musical von David Bowie, das weltweit aufgeführt wird. Auch unser Lazarus war ein großer Erfolg, sämtliche Vorstellungen waren bis auf den letzten Platz ausverkauft. Der Schauspieler, der in unserer Inszenierung David Bowie spielte, ist diesem sowohl vom Aussehen als auch von der Stimme her zum Verwechseln ähnlich, und es spielte sogar eine Live-Band. Es war eine Luxusversion des Lazarus, die mit einem Budget von ganz anderer Größenordnung als an anderen Theatern produziert wurde. Zu den Aufführungen kamen wirklich Bowie-Fans aus aller Welt. Ich bin selbst ein großer Fan von David Bowie, darum habe ich mich schon seit dem Moment auf die Aufführung gefreut, als ich erfuhr, dass wir dieses Stück spielen würden. Ich habe jedes Mal vor Glück geweint, wenn wir noch einmal vor den Vorhang traten und in die vielen, vielen Gesichter der Bowie-Fans aus der ganzen Welt im Zuschauerraum blickten. Auch diese Arbeit war eine Idee von Rita.

Die Vielfalt und Toleranz der Stadt Hamburg

MY: Erzähl uns bitte etwas über die Toleranz und die Vielfalt von Hamburg. Spürt man diese Vielfalt auch innerhalb des Theaters?

SH: Am Theater arbeiten neben dem künstlerischen Team (Intendant*in, Schauspieler, Dramaturgie usw.) mehr als 300 Personen in verschiedenen Abteilungen wie Bühnenbild, Requisite, Beleuchtung, Ton und Kostüme. Das Künstlerteam folgt bei einem Intendantenwechsel dem Intendanten meist in die nächste Stadt. Die Mitarbeiter hinter der Bühne sind jedoch meist Menschen, die lange in Hamburg leben. Durch sie habe ich das Wesen der Hamburger kennengelernt.

Ein sehr großes Ereignis war die Ankunft zahlreicher Flüchtlinge ab Oktober 2015. Damals kamen Abend für Abend Tausende von Flüchtlingen in Zügen aus dem Süden am Hamburger Hauptbahnhof an. Dort mussten sie umsteigen und draußen übernachten, während sie auf die Züge warteten, die sie nach Norden bringen sollten. Unser Theater befindet sich direkt gegenüber dem Hamburger Hauptbahnhof. Karin Beier beschloss daraufhin, die Flüchtlinge über Nacht im Theater unterzubringen, auch wenn das gegen die Theatervorschriften verstieß. Wir konnten die Flüchtlinge nicht draußen übernachten lassen. Es waren auch viele Menschen mit kleinen Kindern darunter, und in Hamburg fallen die Temperaturen auch im Oktober nachts unter 10 Grad. Wir legten im Theaterfoyer Matratzen aus und bereiteten den Flüchtlingen eine Schlafstätte. Wir taten uns zu Gruppen von 4-5 Freiwilligen zusammen und kümmerten uns die Nacht hindurch um die Flüchtlinge. Wir verbrachten die ganze Nacht im Team, so dass ich dadurch auch Kolleg*innen gut kennenlernte, mit denen ich normalerweise wenig Kontakt habe, wie z.B. Leute aus der Bühnenausstattung, der Beleuchtung oder der Buchhaltung. Manche der Flüchtlinge waren mit nichts als ihren Kleidern am Leibe geflüchtet, manche waren barfuß, bei anderen waren die Füße auf das Doppelte der normalen Größe angeschwollen, manche Babys hatten einen knallroten, wunden Hintern. Für mich war es das erste Mal, dass ich mit Flüchtlingen in Kontakt kam und manchmal waren die Eindrücke so schockierend, dass ich in Tränen ausbrach. Die Kolleg*innen in meinem Team kümmerten sich jedoch um diese Menschen als sei es das Normalste auf der Welt. Sie nahmen die Kinder auf den Arm oder trugen das Gepäck für die Flüchtlinge. Wenn es jemandem schlecht ging, riefen sie sofort einen Arzt an, bezahlten das Taxi aus eigener Tasche und brachten die Betroffenen zum Arzt. Ich war erstaunt zu sehen, dass sich Menschen so ganz selbstverständlich um andere Menschen kümmern, einfach weil sie sich sagen: „Es sind Menschen wie wir“.

Damals war ich zwei Jahre in Hamburg, hatte mich aber immer noch nicht ganz in der Stadt und im Theater eingewöhnt. Durch diese Aktionen habe ich jedoch erkannt, dass es diese Menschen sind, die dieses Theater tragen, und das war für mich eine große Beruhigung. Ich war die erste Asiatin im Ensemble, und da ich nicht wusste, wo und was über mich geredet wird, war ich auf alles gefasst und immer auf der Hut. Aber die Erfahrung mit den Helferteams zeigte mir, dass die Menschen an diesem Theater keinerlei Vorurteile haben, was mich sehr erleichterte. Ich erkannte, dass ich hier nicht als jemand aus Japan oder irgendeinem anderen Land wahrgenommen werde, sondern dass man mich hier als ich selbst akzeptiert. Als Karin den anderen mitteilte, dass ich von Zürich wieder nach Hamburg zurückkommen würde, wurde das von allen mit großem Applaus aufgenommen. Als ich das erfuhr, habe ich mich sehr gefreut.

MY: Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg ist wirklich ein großartiges Theater.

SH: Ja. Unser Haus beschäftigt eine gewisse Zahl von Menschen mit Behinderungen, auch in der Kostümabteilung arbeitet z.B. eine Gehörlose. Für diese eine Kollegin haben alle Mitglieder der Kostümabteilung die Gebärdensprache gelernt. Die Stadt Hamburg hat einen Lehrer für Gebärdensprache entsandt, und es wurde während der Arbeitszeit ein Kurs in Gebärdensprache abgehalten, damit die gehörlose Kollegin nicht isoliert ist. Das ist auch ein Zeichen dafür, dass man hier Vielfalt anerkennt. Alle akzeptieren das ganz selbstverständlich. Auch das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Als ich die Kolleg*innen zum ersten Mal als Ensemblemitglied begrüßte, sagte ich „ich bin ja die erste Japanerin hier, oder?“. Das wurde mit dem Satz quittiert: „Ah, ja jetzt wo du es sagst“ – mehr nicht. Das ist kein Zeichen von Desinteresse, sondern eine nüchterne Art, ganz selbstverständlich anzuerkennen, dass jeder Mensch anders ist. Vielleicht ist das ja eine Hamburger Tradition.
Karin Beier hat in den letzten Jahren mehrfach Abwerbungsangebote erhalten, aber sie hat vor kurzem klar und deutlich erklärt, dass sie bis zum Rückzug aus dem Berufsleben an diesem Theater bleiben wird. Ich werde auch mein Bestes geben, damit ich noch lange hier am Deutschen Schauspielhaus Hamburg bleiben kann.

Sachiko Hara

Sie studierte Deutsch an der Sophia-Universität Tokio und war ab 1984 als Schauspielerin tätig, u. a. als Mitglied der Avantgarde-Theatergruppe Romantica. 1999 lernte sie Christoph Schlingensief kennen, der sie für seine »Deutschlandsuche« engagierte und mit dem sie fortan regelmäßig arbeitete. Ihre erste große Rolle in Deutschland war ‘Polly’ in ’Die Dreigroschenoper’ von Nicolas Stemann. Von 2004 bis 2009 war sie Ensemblemitglied am Burgtheater Wien. Hier folgten weitere Arbeiten mit Christoph Schlingensief, Nicolas Stemann, René Pollesch, Sebastian Hartmann, Lars-Ole Walburg usw. 2009 ging sie ans Schauspiel Hannover, 2012 wechselte sie ans Schauspiel Köln. Neben ihrer Arbeit als Schauspielerin ist sie als Übersetzerin tätig (»Little Boy, Big Taifoon« von Hisashi Inoue, »Rocco Darsow« von René Pollesch). Mit ihrem Projekt »Hiroshima-Salon«, in dem sie über ihre Heimat Japan erzählt, gastiert sie regelmäßig in wechselnden Städten. In Japan gibt sie Vorträge sowie Lesungen deutschsprachiger Theaterstücke. Derzeit gehört Sachiko Hara zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses Hamburg und arbeitet weiter mit René Pollesch, Karin Beier und Christoph Marthaler. 

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