Netzkunst
Ein Blick in die Berliner Digitalkunstszene
Mitte der 90er kam sie auf, die Netzkunst oder Netart genannt. Diese digitale Kunst war weder besonders haptisch, noch ließ sie sich an die Wand hängen. Ihre elektronischen Mitteilungen erschlossen sich selbstredend auch nicht denjenigen, die damals (wie heute) offline waren. Was diese neue Medienkunst online machte, war keineswegs neu – doch sie nahm das digitale Medium als ihren Canvas verspielt für sich ein.
Die New Media Art arbeitete wie ihre Vorgänger mit Collage, Installation oder auch einem Happening und zerschredderten unter anderem Webseiten. Dies geschah lange, bevor der von Rechtsprofessor Lawrence Lessig geprägte Begriff der Remix-Kultur im Netz salonfähig wurde – das ungezwungene Zitieren und Samplen von Videos, Musik und allen möglichen Autorenwerken als lebendiger Ausdruck der kulturellen Gesellschaft. Heute hat die Digitalisierung langsam aber sicher viele Teile der Gesellschaft durchdrungen und lässt sie nicht mehr los. Wer wollte schon ohne sein Smartphone auskommen? Online und offline vermischen sich zu neugearteten Spielwiesen. Damals wie heute ist das ineinander Fließen der physischen Welt mit der digitalen ein Thema für die Kunst.
Öffentliche Interventionen
Doch erst spätestens seit der damaligen Diskussion um Google Street View und Privatsphäre in Deutschland habe die Gesellschaft verstanden, so Bartholl, welche Veränderungen durch die Digitalisierung passieren. Seine Reaktion: Zusammen mit dem satirischen Künstler- und Hacker-Kollektiv F.A.T. Lab baute er 2010 ein Google Street View Car mitsamt einer Kamera-Attrappe auf dem Dach nach. Es glich einer der Autos mit Panorama-Kameras, mit der Google damals die Straßen vermass und die Umgebungen auskundschaftete. Während des Berliner Medienfestivals Transmediale stellten sie den Bausatz zum Nachbau online und fuhren mit dem Auto als urbane Intervention durch die Stadt.
Im gleichen Jahr begann mit einer anderen Art der öffentlichen Intervention mit seinem internationalen Dead Drop: Jahre vor der Sicherheits-Debatte um Online-Speichermethoden in der so genannten Cloud bot Bartholls Projekt eine ironische Alternative an. 2010 begann er in New York, USB-Sticks an öffentlichen Mauern anzubringen. So sollten Nutzer gegenseitig Daten tauschen, indem sie einfach ihre Laptops an den Stick stöpselten und die Daten hin- und herkopierten.
Auf der Bühne der Digitalkunst
Eine entgegengesetzte Richtung im Informationsstrom des Internets – die der Momenthaftigkeit – schlägt Kim Asendorf ein. Der Berliner Online-Künstler versteht das Internet als Kanal und Leinwand in einem. Es ist eine Bühne, „ein Ort, an dem digitale Kunst performt werden kann“, erklärt Kim. Sein Markenzeichen sind etwa aberwitzige Experimente mit dem sozialen Nachrichten-Netzwerk Twitter, kunstvolle hypnotische GIFs (kurze Animationen in Endlosschleifen) auf seiner tumblr-Bildersammlung oder Aktions-Webseiten zu tagespolitischen Ereignissen, die schon bald wieder veraltet sind. „Meine Werke werden selten langfristig installiert. Sie werden durch die Technik zerschlissen, denn sie sind so abhängig von Services wie Google oder Yahoo. Und diese Dienste werden irgendwann abgeschaltet – dann ist auch die Performance vorbei“, sagt er beim Skype-Interview.
Umgesetzt hat der Künstler die Webseite mit Programmiercode als seinem Werkzeug. Asendorf studierte technische Informatik und landete später an der Kunsthochschule „zufällig“ in der Klasse der Neuen Medien. Heute schiebt er mitunter buchstäblich Pixel hin und her. Besser, er lässt eine Software die Arbeit machen, die daraus etwas kreiert: Stroke Waterfall ist eine subtile Animation eines Wasserfalls auf einem Screen. Die Software sortiert nun jede Bildzeile und räumt sie Stück für Stück nach bestimmten Parametern auf. Dadurch wird das digitale Bild in einem blockhaften Prozess neu aufgebaut, dem der Betrachter in Echtzeit zusehen kann. Das digitale Visual hat Kim Asendorf dieses Jahr in der Gruppenausstellung Illuminating Graphics in der Tokioter Creation Gallery G8 in Ginza gezeigt. Kim Asendorf. Pixel Schieben als Kunst – Kim kommentiert: „Vielleicht macht das denn Kunstbegriff aus: Das man etwas erschafft, was gar nicht so direkt verstanden werden kann.“ Verstehen nicht, doch trotz aller Virtualität fühlen: Es ist äußerst meditativ, dem Programm beim Aufräumen zuzuschauen.