CTM Festival 2018
Chaos und Krawall
Das CTM Festival in Berlin geht bis April 2018 an die Grenzen der Wahrnehmung: Es bildet zeitgenössische elektronische Musik visuell ab und lotet Genres aus, die sich in unkonventionellen Zwischenräumen abspielen.
„Turmoil“ ist das Motto des 17. Berliner CTM-Festivals „for adventurous music and related arts“, dass sich als Spiegel der aktuellen politischen Lage versteht: Unruhe, Krawall oder auch Chaos stehen im Fokus. Dabei zeigt es audiovisuelle Experimente, die buchstäblich durch den Körper gehen: So erlebte beispielsweise Gabber, eine härtere Spielart des Hardcore Techno vom Ende der 1980er-Jahre zum Auftakt des CTM ein Revival. Bei einer generationsübergreifenden Nacht erschütterte ein 200 beats per minute-Stakkato und Stroboskop-Licht, Mark und Bein eines jeden Tänzers.
Auch die Installation „Physical Rhythm Machine_Boem BOem“ des Niederländers Philip Vermeulen in der Halle des Clubs Berghain ging an die Eingeweide: Zwei Maschinen feuerten Tennisball-Salven mit bis zu 150 km/h auf zwei turmhohe Resonanz-Körper aus Holz. Dafür komponierten die Künstler Lakuti und Sam Barker eigens rhythmische Stücke. Wer sich zwischen die zwei Schusslinien der Maschinen stellte, an dem sausten die angeleuchteten Bälle schnell wie Blitze vorbei und donnerten als martialische Paukenschläge auf die Körper.
Synästhesie im Kraftwerk
Daneben durchdringen zwei Großraum-Installationen die Sinne der Besucher ganz eindrücklich. Im Kraftwerk versucht die kinetische Installation „SKALAR“ eine Synästhesie im Raum zu erzeugen. Bis Ende Februar bewegen sich dort an der Decke 65 angestrahlte Spiegel zur Sound-Komposition von der Decke und tauchen die große Halle mit ihren scharfen Strahlen in geometrische Muster.
Zwei Jahre nach der außergewöhnlichen Kinetik-Installation „Deep Web“ zur CTM hat Visual-Artist Christopher Bauder diesmal zusammen mit dem Musiker Kangding Ray eine ganz eigene audiovisuelle Komposition geschaffen. Idee und Ausgangspunkt war, das Rad der Gefühle, von Furcht über Freude oder Erwartung, darzustellen. Er erklärt:
4-D Sound im Funkhaus
Neben der synästhetischen Umsetzung im Kraftwerk nähert sich der MONOM-Space im Funkhaus Nalepastraße dem Thema des CTM beinahe von entgegengesetzter Richtung an: mit mehreren Performances in einer rein akustischen Sound-Installation. Hier durchfährt der Sound den Körper wortwörtlich von allen Seiten. In der Halle ist ein Multi-Channel-System installiert, deren 60 Rundum-Lautsprecher mit einer Software kontrolliert werden. Selbst unter dem Boden befinden sich 9 Sub-Lautsprecher unter einem Gitternetz, das nicht vibriert. 4DSOUND heißt das System, mit dem der Sound von allen Seiten wiedergegeben werden kann, fast als befände man sich in Mitten eines Orchesters.
William Russel, Creative Director von MONOM und Gründungsmitglied, möchte in einer zunehmend visuellen Kultur unseren Hörsinn wiederbeleben. Er erklärt:
In MONOM nimmt der Zuhörer Sounds einer Performance räumlich wahr. ‚Phantom-Sounds’ heißt das, wenn Geräusche wie Objekte im Raum auf den Besucher buchstäblich zurasen und durch ihn hindurch. Realisiert wird das durch eine Software, mit der der Performer arbeitet: Sie visualisiert Audio etwa als Quader in einem Gitterraster im Raum. So kann der Künstler dann die Position des Sounds einfach mit der Maus verändern. Sounds können sich in verschiedenen Richtungen auf die Zuhörer zu- und wegbewegen. Eine Stimme kann in mehrere aufgeteilt zu einem im Raum verteilten Chor werden.
Abwechslungsreiche Konzerte ergänzten die durchdachten Installationen im CTM-Programm: vom flächigen Sound-Design zur rohen sinnlichen Erfahrung bis zum Geräusch-Gesang der Künstlerin Pan Daijing, die die Grenze zwischen Angenehm und Unangenehm auslotete. Sie schienen das CTM-Motto noch einmal zu unterstreichen: Denn wer den Krawall hinter sich lässt, der kommt eben doch am Ende bei Stille und Besinnlichkeit an.
Noch bis 2. April 2018 im Kunstraum Bethanien zu sehen.
Installation: „SKALAR“
Noch bis 25. Februar 2018 im Kraftwerk Berlin zu sehen