Körper wie meiner

Eine Gruppe von Menschen unterschiedlicher Nationalität steigen im Dunklen in einen Bus ein.
Eine Gruppe von Menschen gemischter Nationalität steigt nach ihrer Ankunft an der polnischen Grenze in einen von den örtlichen Behörden bereitgestellten Bus ein, der sie in die nächstgelegene Stadt bringen soll. Die Geflüchteten gemischter Herkunft, die hauptsächlich aus Afrika und Zentralasien stammen, berichten, dass sie tagelang an der ukrainischen Grenze unter extrem schlechten Bedingungen festgehalten wurden. | Foto (Detail): Dominika Zarzycka © picture alliance / ZUMAPRESS.com

Mit wem haben wir in Kriegszeiten Mitleid? Wie kann die Hautfarbe die Erfahrungen von Geflüchteten prägen? In diesem Tagebucheintrag sinnt Joshua Muyiwa darüber nach, wie Schwarze Menschen zu Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs behandelt wurden.

Von Joshua Muyiwa

In einem großen Badezimmer, umrandet von Bougainvillea und lumineszierendem Licht – weit, weit entfernt von meiner Wohnung in der Stadt, machte ich ein freizügiges Foto von mir selbst. Und schickte es dann an einen der zahlreichen Männer, mit denen ich in letzter Zeit immer mal wieder geflirtet habe. Das ist das allererste Mal, dass ich so etwas tue. Er hingegen schickt mir jede Menge davon und mir fallen absolut keine neuen Arten mehr ein, auf seine Fotos mit einem verlegenen „Scharf“ zu reagieren. So entschied ich mich, ihm diesmal stattdessen ebenfalls eines zu schicken.

Es ist nicht so, als sei mein Körper – bekleidet und unbekleidet – ein permanenter Teil meiner künstlerischen Praxis gewesen. Aber Versuche, meinen eigenen Körper zu fotografieren, hatten immer zum Ziel, ihn besser aussehen zu lassen, ihn zur Schau zu stellen, oder waren eine Übung darin, mich in dieser Aufnahme selbst zu finden.

Schwarzsein ist brutal schön, und es ist zudem belastend. Es ist, als könne man seinem Äußeren niemals entkommen. Ich war immer davon ausgegangen, dass die Reaktion auf meinen Körper nicht die richtige sein würde. Ich glaubte, dass ich immer an den Mythen gemessen würde, die sich um unsere Körper ranken, und dass ich ihnen nicht genügen würde. Die zahlreichen Annahmen über mich, die vom ersten Blick an gemacht werden, sind Dinge, von denen ich merke, dass ich in jeder Interaktion von Anfang an gegen sie ankämpfe.

„Die richtige Hautfarbe“

Und aus dieser Position der Verunsicherung heraus scheint es so gar nicht zu mir zu passen, ein Foto an jemanden zu senden, der Interesse zeigt. Heute muss ein besonderer Tag sein. Heute ist außerdem der Tag, an dem ein Mann einem anderen souveränen Land den Krieg erklärt hat. Es ist auch der Tag, der mich daran erinnert hat, dass deine Hautfarbe tatsächlich der global am meisten anerkannte Pass ist. Die richtige Hautfarbe zu haben durchbricht Grenzen, über Schönheit hinweg, auch über Länder hinweg. Führende Politiker*innen und Nachrichtensprecher*innen erinnern mich unablässig daran, dass das Leid dieser Menschen so viel größer ist als alles, was ich in meinem Leben erlebt haben kann. Der Grund: Die Menschen, die unter Beschuss stehen, sind „zivilisiert“, haben „blaue Augen und blonde Haare“, „sind Europäer*innen“, „wählen in freien Wahlen“ und so weiter. Angesichts dieser Bilder von Zerstörung und von Bewohner*innen, die ihr ganzes Leben in überquellende Taschen gepackt haben, sind alle untröstlich und haben Tränen in den Augen.

Wer zählt?

Währenddessen wurden Körper wie meiner an Grenzübergängen als Geiseln gehalten. Körper wie meiner wurden mit Prügeln und der Androhung von Kugeln durch Grenzschutzbeamte der überfallenen Nation daran gehindert, ihr Leben zu retten. Körper wie meiner zählen gar nichts. Sind Körper wie meiner nicht gut genug für Eure Tränen, frage ich mich? Warum lasse ich die junge Malayali-Frau nicht aus den Augen, die uns von der ukrainisch-polnischen Grenze über die Ereignisse auf dem Laufenden hält? Haben es diese ugandischen Studierenden in die Türkei geschafft? – Der Twitter-Account dieses jungen Mannes scheint suspendiert worden zu sein. – Haben alle mit einem Körper wie meinem etwas zu essen erhalten, bekamen sie Wasser zu trinken und irgendwann ein warmes Bett? Oder verdienen sie es zu sterben, weil Körper wie meiner womöglich nicht Netflix gucken und keinen Instagram-Account haben und aus verarmten, weit entfernten Ländern kommen? Körper wie meiner sind es gewohnt zu kämpfen, aber an den Krieg sind wir nicht gewöhnt.

Heute: machte ich ein freizügiges Foto von meinem schwarzen Körper.
Heute: erklärte Russland der Ukraine den Krieg.
Heute: wurden schwarze Körper geschlagen und als Erinnerung an ihren Platz in der Welt von den Grenzen vertrieben, wieder einmal.

All das ist heute passiert. All das ist wahr.

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