12.07.2016 Büchner-Preis für Marcel Beyer

  © Goethe-Institut Tokyo

Büchner-Preis für Marcel Beyer

Leben ist Schreiben. Im November erhält Marcel Beyer den Georg-Büchner-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland.  Noch im April war Marcel Beyer zu Gast im Goethe-Institut Tokyo. Er begeisterte das Publikum mit seinem Wissen und vielfältigen Wortspielen.
 
"Ob Gedicht oder Roman, zeitdiagnostischer Essay oder Opernlibretto, für Marcel Beyer ist Sprache immer auch Erkundung", teilte die Akademie für Sprache und Dichtung mit. "Er widmet sich der Vergegenwärtigung deutscher Vergangenheit mit derselben präzisen Hingabe, mit der er die Welten der Tiere und Pflanzen erforscht" - heisst es weiter in der Begründung der Akademie.
 
 
Marcel Beyer, Beobachten ist Schreiben

 
Geboren 1965 in Tailfingen (Baden-Württemberg), wuchs Marcel Beyer in Kiel und Neuss auf. Ab 1987 studierte er Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen. 1992 absolvierte Marcel Beyer sein Magister Artium mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker.
 
Einer breiten, auch internationalen Öffentlichkeit wurde er 1995 mit seinem Roman Flughunde bekannt. Darin erzählt er vom Zweiten Weltkrieg, von der Instrumentalisierung der Sprache durch die Propaganda. 1996 hat Marcel Beyer Dresden zu seiner Wahlheimat gemacht und seinen Blick in die Nachkriegsgeschichte Ostdeutschlands und Osteuropas erweitert. Der Roman Kaltenburg von 2008 erzählt die Biografie des Zoologen Ludwig Kaltenburg. In 25 Jahren schrieb Marcel Beyer vier Romane. Er gilt als Meister von Panorama und MiKroskopie. Vor allem in den Gedichten kommt sein Hang zum Detail zum Vorschein. Beyers Gedichtpublikationen, vom Debüt Walkmännin (1990) bis zu Graphit (2014), und auch seine vielfältige theoretische Auseinandersetzung mit Lyrik zeigen das vielfältige Wortmaterial, aus dem er schöpft, und wie er es zu arrangieren versteht: assoziativ, witzig, doppeldeutig, bissig.
 
Begegnungen mit Marcel Beyer in Tokyo

 
Bisher wurde Marcel Beyer zweimal nach Japan eingeladen, 2001 und 2005. Im April 2016 folgte der Dichter einer erneuten Einladung des Goethe-Instituts Tokyo. Es fanden zwei Begegnungen Marcel Beyers mit japanischen Studenten, Theaterleuten, Musikern, Komponisten und Übersetzern statt. In einem Workshop über Marcel Beyers Roman "Kaltenburg" erlebten die Teilnehmer den Dichter als besonderen Kenner deutscher Geschichte. Mit einer überwältigend klangvollen Stimme trug er Gedichte vor, die im Zusammenhang mit dem Roman standen. Das anschließende Gespräch tangierte die Grenzen der Kommunikation zwischen Tier- und Menschenwelt. Vor allem prangerte Marcel Beyer die offizielle Geschichtsschreibung als falsche Erinnerung an und markierte sein Interesse an prekären historischen Situationen, sogenannten Umbruchszeiten. Sicher bietet die gegenwärtige entfesselte Zeit dem Dichter noch genügend Erzählstoff.
 
Die zweite Begegnung Marcel Beyers mit einem begeisterten Publikum fokussierte seine in 12 Jahren angewachsene Gedichtsammlung "Graphit". Marcel Beyer trat mit seiner Lebenspartnerin, Jacqueline Merz, auf. Die multimediale Lesung brachte Zuschauern und Zuhörern die Erfahrung des Zusammenspiels von Sprache, Klang und Bild näher. Zeichnungen von Jacqueline Merz und Kompositionen von Anno Schreier begleiteten Marcel Beyers Vorlesung der Gedichte aus dem Zyklus Graphit, der die 200 Seiten umfassende Gedichtsammlung eröffnet. Im Gespräch erläuterte er die interessante Entstehungsgeschichte seiner mit mehrdeutigen Anspielungen bestückten Gedichte. Auch philosophische Gedanken zu Grenzsituationen kamen zum Zug, denn die Lesung fand am Gedenktag der dreifachen Katastrophe in Japan statt. Die Katastrophe des ersten Weltkriegs wurde mit der Dreifachkatastrophe in Japan verglichen. Marcel Beyer wies auf die Ambivalenz von Sinnlosigkeit und möglichem universalen Sinn in der Katastrophe.
 
Marcel Beyer ist einer unserer sprachmächtigsten Dichter, geschult an Friedericke Mayröcker und Thomas Kling.
 
Wird es sein letzter Besuch in Tokyo sein?

 
Unwahrscheinlich, denn das nächste gemeinsame Projekt ist in Vorbereitung. Der japanische Komponist Toshio Hosokawa und Marcel Beyer arbeiten im Auftrag der Oper Stuttgart an einer neuen Oper. Ausgehend von Kleists Erdbeben in Chili komponiert Toshio Hosokawa die Musik, Marcel Beyer schreibt das Libretto. Die Uraufführung der Oper soll 2018 in Stuttgart stattfinden.