Deutscher Protestsong „Irgendwas mach ich mal“

Protest findet man seit jeher in deutschsprachigen Liedern.
Protest findet man seit jeher in deutschsprachigen Liedern. | Foto (Ausschnitt): © Jumpingsack – Fotolia.com

Längst ist Gesellschaftskritik integraler Bestandteil der Popkultur geworden. Bands wie Wir sind Helden oder Künstler wie Peter Fox singen publikumswirksam gegen Missstände an. Doch hat der Protest deshalb an politischer Wirksamkeit verloren? Ein Blick auf die musikalische Protestkultur in Deutschland.

Im März 2011 spielt auf einer Berliner Großdemo gegen Atomkraft die Musikgruppe Wir Sind Helden in Berlin vor 120.000 Menschen. Im Oktober 2013 erinnert die Band Die Toten Hosen an drei Düsseldorfer Konzertabenden an die Verunglimpfung sogenannter entarteter Musik durch die Nationalsozialisten. Im Mai 2014 spielt der Sänger Peter Fox bei einer Demonstration gegen die Ausbremsung der Energiewende durch das reformierte Erneuerbare-Energien-Gesetz.

Anders als das weitverbreitete Vorurteil, die deutsche Popkultur beschäftige sich ebensowenig mit Politik wie jene, die sie konsumieren, wird politisches Engagement bei vielen kommerziell erfolgreichen Popmusikern und Musikkonsumenten heute größer geschrieben denn je. Woher aber kommen die Protestsongs der heutigen Zeit? Welche Geschichte haben sie?

Arbeiterlieder und Folk-Songs

Protest findet man in deutschsprachigen Liedern so lange es sie gibt: Spott und Kritik an der Obrigkeit, an versteinerten gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Moralvorschriften fanden schon in den Bauernklagen des 18. Jahrhunderts ihren Ausdruck. In seiner heutigen Form geht der deutsche Protestsong zurück auf die Tradition der politisch motivierten Lieder der Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts. Aber auch die Folk-Song-Bewegung in den USA der 1950er-Jahre spielte eine wichtige Rolle als Inspirationsquelle, so etwa die Lieder des im Januar 2014 verstorbenen Singer-Songwriters Pete Seeger, der unter anderem durch sein Antikriegslied Where have all the Flowers Gone von 1955 berühmt wurde.

In Deutschland knüpften die Liedermacher Hannes Wader und vor allem Franz Josef Degenhardt an diese Tradition des US-amerikanischen Protestsongs an. Beide Sänger wurden Mitte der 1960er-Jahre durch Auftritte auf dem Festival der Burg Waldeck bekannt. In Spiel nicht mit den Schmuddelkindern beschreibt der 2011 verstorbene Franz Josef Degenhardt 1965, wie ein Junge durch autoritäre Erziehung gebrochen wird: „Sie trieben ihn in eine Schule in der Oberstadt, kämmten ihm die Haare und die krause Sprache glatt. Er lernte Rumpf und Wörter beugen.“ Der Song Irgendwas mach ich mal von 1968 porträtiert einen unpolitischen Arbeiter, der es nicht wagt, aus seiner kleinen, beschränkten Welt auszubrechen.

Protest als Lebensform

Während sich in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) der 1970er-Jahre die Rockmusik zwischen Vereinnahmung, Anpassung und vorsichtiger Kritik bewegte und der kritische Liedermacher Wolf Biermann des Landes verwiesen wurde, begann im Westen ein Siegeszug der Songs neuer sozialer Bewegungen. Nina Hagen lieferte in Unbeschreiblich weiblich von 1978 ein rotziges Plädoyer für das Selbstbestimmungsrecht in Bezug auf das Thema Abtreibung, die Gruppe Gänsehaut sang 1983 in Karl der Käfer gegen das Waldsterben an. Wolf Maahn schrieb 1986 mit Tschernobyl ein Lied gegen Atomkraft. Es sollte jedoch nicht lange dauern, bis Musiker Protest nicht mehr nur in Form kritischer Texte äußerten. Mit Punk und Hip-Hop entstanden weltweit, auch in Deutschland, Jugendkulturen, die den Protest als Lebensform fassten: vom rüden, ungehemmten Songtext über die Musik bis hin zu provozierendem Aussehen und nonkonformem Verhalten.

Im New York der 1970er-Jahre entstand Punk und entwickelte sich wenig später in England zur echten Bewegung. „No Future“, der Refrain eines Sex-Pistols-Songs, wurde zum Motto einer eher diffusen, apolitischen Wut vieler Jugendlicher gegen Institutionen und ihrer Frustration aufgrund mangelnder Berufsaussichten im verhassten englischen Klassensystem. In Deutschland gründen sich Die Toten Hosen, aber auch Die Ärzte in Berlin und Die Goldenen Zitronen in Hamburg. Die Gruppe Slime schreibt bereits 1979 ihren provokativen Protestsong Deutschland muss sterben (… damit wir leben können): „Wo Faschisten und Multis das Land regieren, wo Leben und Umwelt keinen interessieren.“ Der Titel ist eine Anspielung auf die Zeile eines Soldatenliedes, eingraviert auf einem Hamburger Kriegsdenkmal: „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen.“ Die Band spielte auf Schulfesten, linken Demonstrationen und in besetzten Häusern.

Zwischen Kritik und Kommerz

Etwas weniger plakativ geht es dagegen wenig später im deutschsprachigen Hip-Hop zu, einer Jugendkultur, die von seinen Erfindern wie Rezipienten in den USA vor allem als Selbstermächtigung der afroamerikanischen Community betrachtet wird. So waren es anfangs auch in Deutschland fast ausschließlich Jugendliche mit Migrationshintergrund, die die neue Musikform für sich entdeckten. In gebrochenem Deutsch der ersten Gastarbeitergeneration in Deutschland erzählt der Rapper Tachi 1991 im Song Ahmed Gündüz die Geschichte seines Vaters. Im selben Jahr folgt der berühmt gewordene Song Fremd im eigenen Land der Gruppe Advanced Chemistry aus Heidelberg.

Je populärer und kommerziell erfolgreicher Jugendkulturen wie Hip-Hop und Punk wurden, desto lauter wurde auch immer wieder die Kritik, dass sich Kommerz und Protest grundsätzlich ausschließen. Kann er noch ernst gemeint sein, der Protestsong im Gewand gut verkäuflicher Populärkultur?

Eine Antwort könnten eine Anekdote aus dem Leben und Wirken des US-amerikanischen Megastars Lady Gaga liefern. Im September 2010 nahm Lady Gaga eine siebeneinhalbminütige Videobotschaft auf. Vor einem Sternenbanner sagte sie, dass die Praxis der US-Armee Schwule und Lesben diskriminiere und damit gegen jene Werte von Freiheit und Gleichheit verstoße, für die Amerika stehe. Das Video wurde bis heute millionenfach im Netz angeklickt. Dabei ist es ihren Fans egal, ob es Lady Gaga bei dieser Aktion tatsächlich um die Lesben und Schwulen in der Armee oder um ihre Plattenverkäufe ging. Der Protest ist integraler Bestandteil der Popkultur geworden. Er hat darum nicht an Wirksamkeit verloren.