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Teresa

Porträt von Teresa
Foto: Susana Maria dos Santos © Goethe-Institut Angola

Teresa ist 38 Jahre alt und Zungueira. So heißen in Luanda die Straßenverkäuferinnen, die, einen Plastikkorb auf dem Kopf balancierend, an jeder Ecke ihre Waren anbieten. Sie nehmen im kollektiven Gedächtnis der Stadt eine große Rolle ein, weil sie die Bewohner Luandas auch in den dunkelsten Stunden des Bürgerkriegs mit allem Lebensnotwendigen versorgt haben. 
 

Von Raimundo Salvador und Maximilian Wemhöner

Dennoch, sagt Teresa lächelnd, habe sie als Mädchen das nicht als anständige Arbeit angesehen: „Nie hätte ich mir träumen lassen, selbst einmal Zungueira zu werden.“ Heute verkauft Teresa Obst und Gemüse, das sie zweimal pro Woche in den günstigen Vorortmärkten Luandas besorgt. Ihr Verkaufsstandort liegt an einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Innenstadt: Vor 20 Jahren beschlossen sie und ein paar Freundinnen, gemeinsam ihre Waren zu verkaufen. Durch diesen geschäftlichen Zusammenschluss konnten sie sich diese beliebte Ecke der Innenstadt erobern.

In den letzten Jahren ist das Leben der Straßenhändlerinnen allerdings schwerer geworden: Sie sind nicht mehr von der Umsatzsteuer ausgenommen und werden seitdem noch häufiger als vorher durch die Steueraufsicht und die Polizei kontrolliert und drangsaliert. Teresa erzählt, dass schon oft ihre Waren konfisziert, ihr Lager geräumt und sie sogar von der Polizei geschlagen wurde. Einmal waren die Schläge so schlimm, dass die damals hochschwangere Straßenhändlerin befürchtete, Ihr Kind zu verlieren. „Graças a Deus“ – Gott sei Dank sei ihr Sohn dann doch gesund zur Welt gekommen, allerdings mit einem Muttermal auf dem Arm, das Teresa auf einen der Schläge auf ihren Unterleib zurückführt.
 
Es ist die Zukunft Ihrer fünf Kinder, die Teresa, anders als viele Ihrer Kolleginnen, angesichts der Gewalt der Behörden nicht das Handtuch werfen lassen: Ihr Mann ist seit 8 Jahren arbeitslos und jobbt nur ab und an als Fahrer. Teresa ist die Ernährerin der Familie. Sie will Ihren Kindern unbedingt ein gutes Leben ermöglichen: Alle gehen zur Schule und so muss Teresa jeden Monat zusätzlich zur Miete 19.000 AOA Schulgeld, Geld für Bücher und Materialien sowie über 50.000 AOA Fahrtkosten für die Kinder aufbringen. Wenn man das zu den 70.000 AOA in Bezug setzt, die sie als Zungueira wöchentlich für den Wareneinkauft ausgeben muss, wird klar, was für eine große Anstrengung das bedeutet. Manchmal, etwa wenn die Polizei einmal wieder eine Razzia gemacht und ihre Waren konfisziert hat, reicht es dennoch nicht und sie muss eine Schwägerin um etwas Geld bitten.

Doch jetzt, wo die Wirtschaftskrise und die Folgen der Pandemie auch die Familie der eigentlich gut situierten Schwägerin erreicht hat, geht das nicht mehr, und auch niemand von Teresas zwölf Geschwistern kann helfen. In diesen Momenten blickt Teresa mit Sorge auf die Straßenkinder in ihrem Viertel, denen sie bei allen eigenen Problemen immer wieder ein bisschen Essen zusteckt. Dann sagt sie sich: Meinen Kindern darf das nicht passieren!
 
Teresas eigene Lebensgeschichte ist von sozialem Abstieg geprägt. Ihre Eltern kamen voller Hoffnung aus der Provinz Malanje in die Hauptstadt, wo der Vater einen guten Job gefunden hatte. Die Familie konnte es sich leisten, ein großes Haus bei der staatlichen Wohnungsgenossenschaft zu mieten. Doch wenige Jahre nach Teresas Geburt verlor der Vater die Arbeit. Die Familie musste in ein provisorisches Haus in einem Musseque (angol. für Slum) hinter dem Flughafen umziehen, wo die 14-köpfige Familie mit drei kleinen Räumen auskommen musste. Immerhin konnte Teresa weiter zur Schule gehen. Sie war gut in Mathe und träumte davon, Buchhalterin zu werden. Doch dann folgte der zweite Absturz: Mit 16 wurde sie schwanger, der Vater entschied schweren Herzens, dass Teresa die Schule abbrechen, den Jungen heiraten und zu ihm ziehen sollte.

Für Teresa platzten damit alle Hoffnungen auf ein besseres Leben. Vor Scham über die Enttäuschung, die sie ihrem Vater bereitet hatte, dachte sie an Selbstmord. Sie nennt es „mein Trauma“: Isoliert von der Familie, der Schule und den Freunden musste sie sich nun um ein kleines Kind kümmern. Ihr junger Mann hatte auch keine Arbeit und konnte kaum für die Familie sorgen. Teresa sagt, dass es schließlich ihre Mutter war, die ihr wieder eine Lebensperspektive gab. Sie forderte Teresa auf, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und alles dafür zu tun, dass es ihre Kinder einmal besser haben würden. Mutter und Tochter sahen nur eine Option: Teresa, die bislang auf die Arbeit der Zungueiras heruntergeschaut hatte, würde auf der Straße Waren verkaufen.
 
20 Jahre und vier weitere Kinder später balanciert Teresa noch immer ihren Warenkorb durch die Straßen, inzwischen aber erhobenen Hauptes. Trotz Polizeischikanen, Wirtschaftskrise und Pandemie wird sie weitermachen, denn sie hat schon so viel für ihre Familie erreicht – die Große schließt gerade die polytechnische Schule ab, macht die ersten Berufseinstiegskurse und die jüngeren sollen es auch schaffen. Teresa ist fest entschlossen, die letzte Zungueira in ihrer Familie sein.
 

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