Dr. Chantal Eschenfelder
Alles dreht sich um die Kunst und alles dreht sich um die Öffentlichkeit

Chantal Eschenfelder_Workshop GT Dr. Chantel Eschenfelder mit den Teilnehmenden des Workshops. © Julian Manjahi Dr. Chantal Eschenfelder leitet den Bereich Bildung und Vermittlung des Frankfurter Städel Museums, eines der bedeutendsten Museen Deutschlands. Dort arbeitet sie besonders an der Digitalen Strategie des Museums. Im Oktober 2018 führte sie den Workshop „Art Education: Strategies in the Digital Age/Kunstvermittlung: Strategien im Digitalen Zeitalter“ am Goethe-Institut in Nairobi, Kenia als Teil des Ausstellungsprojektes „Sasa Nairobi“ durch. Während des Workshops diskutierte sie mit kenianischen Künstler*innen und Kurator*innen über die unterschiedlichen Möglichkeiten analoger und digitaler Kunstvermittlung.

Befragerin: Dr. Eschenfelder, Sie sind das erste Mal in Nairobi und auch in Kenia. Was hat sie am meisten überrascht?

Chantal Eschenfelder: Was mich am meisten überrascht hat, sind die Hochhäuser, die sehr an die in Frankfurt erinnern – wir haben also etwas gemeinsam. Und, naja es ist keine Überraschung, aber ich mag die Menschen hier. Die meisten sind so freundliche und nett und es macht großen Spaß sich mit ihnen zu unterhalten.

Befragerin: In Frankfurt sind Sie für das Bildungs- und Vermittlungsprogramm des Städel Museums verantwortlich. Hier haben Sie nun eine Woche lang mit kenianischen Künstler*innen und Kurator*innen verbracht, die an Ihrem Workshop teilgenommen haben. Was haben Sie bei diesen Begegnungen gelernt?

Chantal Eschenfelder: Oh, ich habe eine ganze Menge gelernt! Besonders über unterschiedliche Perspektiven auf Bildung und darüber, wie unterschiedliche Bildungssysteme und Unterrichtsstile das Verhalten beeinflussen. In der Kunstvermittlung verwenden wir zum Beispiel oft unterschiedliche Methoden, die auf Dialog und Diskussion beruhen. Aber wenn man mit diesen Methoden an Leute herantritt, die durch ein Bildungssystem gegangen sind, das die Menschen nicht dazu ermutigt und auffordert, ihre Meinung zu äußern, sondern ihnen eher abverlangt den Anweisungen der Lehrer*innen blind zu folgen, kann es schwieriger sein, diese Leute zum Mitmachen zu bewegen. Ich habe aber auch gesehen, dass Künstler*innen in Nairobi – selbst wenn sie nicht die finanziellen Mittel für große Projekte haben – soziale Projekte wie etwa die in Kibera organisieren. Und indem sie solche künstlerischen Projekte durchführen – die mit Kindern zum Beispiel – tragen sie dazu bei, dass Kunst insgesamt mehr wertgeschätzt wird.

Befragerin: Während Ihres Besuchs haben Sie viele Kunstprojekte wie etwa Künstler*innenkollektive – Kuona Trust oder Masai Mbili zum Beispiel – aber auch Institutionen wie das Nationalmuseum besucht. Inwiefern haben diese Besuche Ihre Diskussionen mit den Teilnehmenden des Workshops beeinflusst? Und welche Kunstvermittlungs-Strategien fanden die Teilnehmenden für ihre Arbeit in Kenia nützlich?

Chantal Eschenfelder: In einigen Diskussionen haben wir versucht, die offizielle Kunstszene in Nairobi zu definieren und sie mit der eher abseits existierenden „Off“-Kunstszene zu vergleichen. Wie immer passieren die spannendsten Dinge – aus künstlerischer Sicht – an den Orten jenseits der offiziellen Institutionen, also in den Studios und Kooperativen. Deshalb hatten wir viele Diskussionen über die Ziele von kultureller Bildung und Kunstvermittlung und darüber welche Rolle ein*e Künstler*in einnehmen kann, was die Aufgabe von Galerien und, verglichen mit diesen, die von einem Museum sein kann. Darüber hinaus haben wir Kunstvermittlungsprojekte in Europa diskutiert, um zu sehen, was man in Kenia machen könnte, aber auch, um herauszufinden, was bereits gemacht wird. Die Workshops für Kinder in Kibera zum Beispiel ähneln sehr einigen Projekten, die wir in Frankfurt mit Geflüchteten machen. Insgesamt hatten wir, würde ich sagen, einen wirklich intensiven Austausch. Wie sich herausstellte, waren unsere Ideen am Ende sehr ähnlich.

Chantel Eschenfelder_Nairobi Gallery © Julian Manjahi Befragerin: Um auf ein allgemeineres Thema zurückzukommen: wie können digitale Strategien dabei helfen, Ausstellungen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Nicht nur in Kenia und Deutschland, sondern in der ganzen Welt?

Chantal Eschenfelder: Der größte Vorteil ist ganz klar die globale Reichweite. So kann man mit viel mehr Menschen in Kontakt treten als denen, die sowieso schon die Ausstellungen besuchen. Über das Thema einer Ausstellung etwa ist es möglich, Personen zu erreichen, die – auf den ersten Blick – nicht an Kunst zu interessiert zu sein scheinen, am Thema jedoch schon. So lässt sich eine Brücke bauen. Ein zweiter Vorteil ist, dass man individualisierter Informationen anbieten kann, da man Projekte durchführen kann, bei denen man Informationen auf unterschiedlichen Ebenen bereitstellt. Beispielsweise kann man ein Tool entwickeln, bei dem Besucher*innen weiterklicken können, wenn sie mehr über ein bestimmtes Thema erfahren möchten. Durch diese Individualisierung des Informationszuganges ist es möglich, die unterschiedlichen, individuellen Bedürfnisse und Bildungshintergründe eines diversen Publikums anzusprechen.

Befragerin: Wir möchten nun noch auf eine schwierigere Frage zu sprechen kommen, die momentan sowohl in Afrika als auch Europa geführt wird, nämlich die nach der Restitution von Kulturgütern, die sich im Besitz europäischer Museen befinden, an die Länder, aus denen sie stammen. Da die Frage nach der tatsächlichen Restitution immer noch weit davon entfernt ist, geklärt zu werden, möchte ich Ihnen die Frage stellen, inwiefern Sie denken, dass digitale Formate ein Weg sein könnten, diese Objekte zumindest zugänglich zu machen?

Chantal Eschenfelder: Obwohl ich davon überzeugt bin, dass ein digitaler Zugang nicht die Lösung dieses komplexen Problems sein kann, glaube ich, dass es ein Mittel sein könnte, um zumindest Informationen zugänglich zu machen. Meiner Meinung nach ist das größte Problem, dass Institutionen in westlichen Gesellschaften die Objekte nicht nur aufgrund der Kolonialgeschichte besitzen, sondern dass sie darüber hinaus die Informationen über die Objekte nicht öffentlich zugänglich machen. Die Besucher*innen sollten zumindest in die Lage versetzt werden, sich selbst eine Meinung zu bilden. Ist die Sammlung jedoch digitalisiert und digital zugänglich, kann man auch die Informationen zur Provenienz eines Objektes offenlegen, sodass jede Person in der Welt auf diese zugreifen kann. Es gibt viele Museen, die nicht einmal wissen, woher ihre Objekte stammen, da es kein Archivmaterial dazu gibt. Doch wenn man eine Online-Datenbank einrichtet, findet sich vielleicht jemand aus einem anderen Land oder von einem anderen Kontinent, die wissen, woher das Objekt stammen könnte. Ich denke, dass es ein erster Schritt sein könnte, Wissen über die Objekte digital zu sammeln und zu verbreiten. In einem zweiten Schritt muss dann jedoch die Frage nach der Restitution der Objekte angegangen werden. Das ist eine sehr komplexe Frage, auf die sehr viele Perspektiven möglich sind, die alle berücksichtigt werden müssen. Zum Beispiel kann man die Objekte nicht einfach zurückschicken, da mittlerweile viele Museen auf dem afrikanischen Kontinent erklärt haben, weder über den nötigen Platz noch die für die Erhaltung der Objekte notwendigen Voraussetzungen zu verfügen. Wir müssen dringend beginnen, eine intensive Diskussion über dieses Thema zu führen, aber ich glaube, dass diese auf digitaler Basis beginnen könnte.

Befragerin: Was ist Ihr Traumprojekt, das Sie eines Tages einmal durchführen würden?

Chantal Eschenfelder: Ich würde gerne die digitale und die analoge Welt enger miteinander verflechten. Nicht in der Form eines Chats, da Chats technisch gesehen manchmal eher simpel sind. In der Zukunft jedoch, werden wir vielleicht völlig andere Arten von Technik zur Verfügung haben, die uns erlauben werden Ideen mit einer größeren Öffentlichkeit auszutauschen, die sich dann nicht einmal notwendigerweise im Museum befinden muss. Auf diese Weise könnten wir Aktivitäten und Diskussionen zu den Objekten auf viel flexiblere Art und Weise initiieren. Alles dreht sich um die Kunst und alles dreht sich um die Öffentlichkeit. Diese beiden Welten müssen zusammengebracht werden. Ich denke, dass Technologie – heute schon und hoffentlich noch mehr in der Zukunft – mehr Möglichkeiten bieten wird, in Kontakt zu kommen.

Befragerin: Was inspiriert Sie, Ihre alltägliche Arbeit zu tun?

Chantal Eschenfelder: Was mich inspiriert ist tatsächlich die Kunst selbst. Und man lernt so viel, wenn man mit Leuten spricht! Und wenn man sich dann wieder den Kunstwerken zuwendet, kann man sehen, was schon da ist und wo man Brücken bauen kann, wo man Methoden und Bildungs-Tools entwickeln kann, sodass die Leute mit ihnen ihren eigenen Weg durch die Künste und die Kunstwerke finden können. Im Hinblick auf Künstler*innen – und ich denke da auch vor allem an die Künstler*innen vergangener Epochen – würde ich gerne herausarbeiten, was sie getan haben. Zum Beispiel werden wir bald eine Ausstellung über Malerei in Venedig zur Zeit Tizians haben. Man könnte zwar denken, dass das schon eine sehr lange Zeit her ist, aber tatsächlich war er ein Erfinder – alles was wir heute über Farbe wissen, wissen wir vielleicht dank ihm. Wenn man also eine Ausstellung macht, selbst wenn sie Künstler*innen vorstellt, die vor langer Zeit lebten, muss man aus der Perspektive von heute heraus etwas Neues an ihnen entdecken. Genau das inspiriert mich.

Befragerin: Um nochmal auf Ihre Zeit hier in Kenia zurückzukommen – was planen Sie sich während Ihres Aufenthalts in Nairobi noch anzusehen?

Chantal Eschenfelder: Ich werde den Nationalpark besuchen. Ich habe nicht so viel Zeit, aber ich würde gerne etwas mehr sehen, als nur die Stadt. Ein bisschen Natur und vielleicht ein Tier oder zwei. Aber ich gehe auch sehr gerne einfach durch die Stadt spazieren und besuche die Ausstellungen hier und die Studios der Künstler*innen.

Befragerin: Eine letzte Frage: Was ist Ihr liebstes kenianisches Gericht?

Chantal Eschenfelder: Ich glaube es heißt „Ugali Fries“. Ich habe es in einem Restaurant, das Nyama Mama heißt, gegessen und ich fand es einfach großartig!