Wieland Speck
Kenia ist ein Vorreiter bei diesem Festival

Wieland Speck © Julian Manjahi Wieland Speck ist ein deutscher Filmemacher, der von 1992 bis 2017 das “Panorama“-Programm der Berlinale leitete. „Panorama“ stellt neue Filme von etablierten Regisseur*innen ebenso vor wie filmische Debuts talentierter Nachwuchsfilmemacher*innen. Speck war 1987 auch Mitinitiator des Teddy Awards– der erste internationale Filmpreis, der im Rahmen eines der großen Filmfestivals verliehen wird und Filme ehrt, die LGBT-Themen ansprechen. Der Teddy wird von einer unabhängigen Jury als ein offizieller Filmpreis der Berlinale verliehen.

Während des jährlichen Out Film Festivals, das 2018 zum achten Mal vom Goethe-Institut Nairobi organisiert wurde, war Wieland Speck eingeladen, an einer der Podiumsdiskussionen teilzunehmen, die im Rahmen des Festivals Themen ansprechen, die die LGBT-Community beschäftigen. Das Out Film Festival feiert queeres Kino, indem es ausgewählte Filme und Dokumentationen zeigt, die die LGBTQIA+-Community in den Blick nehmen.

Befragerin: Wieland Speck, es war großartig Sie als Teil des Teams und Teilnehmer des Festivals diese Woche hier gehabt zu haben. Ich denke alle konnten eine Menge lernen, Sie wahrscheinlich auch? Da es Ihr erstes Mal in Kenia war, würde ich gerne wissen wie Sie Ihren Aufenthalt erlebt haben? Was hat Sie überrascht und was werden Sie mit nach Hause nehmen?

Wieland Speck: Es ist tatsächlich meine erste Erfahrung auf dem afrikanischen Kontinent zwischen Südafrika und den Maghreb Staaten. Natürlich habe ich viele Filme gesehen und wir hatten auch viele Filmemacher*innen aus Afrika auf der Berlinale zu Gast. Dort haben wir ihre Filme einem Publikum präsentiert, das nicht nur aus politisch interessierten Berliner*innen bestand, sondern auch aus einer internationalen Gemeinschaft von Filmenthusiast*innen und Filmschaffenden. Das steigert die Wirkung dieser Filme auf dem Weltmarkt, was gewöhnlich ziemlich schwer zu erreichen ist. Und die Filme von hier haben wirklich einen Effekt gehabt. Der Berliner Teddy Award, der sich mit queeren Filmen beschäftigt, ist zum Beispiel schon an den kenianischen Film Stories of Our Lives gegangen und wir hatten Leute aus Kenia und Uganda in der Teddy Award Jury. Also war ich auch vorher schon Teil eines Austausches. Deshalb bin ich nun sehr glücklich in die Subkultur hier eintauchen zu können. Es ist großartig, dass das Goethe-Institut die Szene hier – also in einem Land, in dem queer zu sein noch nicht normal ist – mit dem Queer Film Festival unterstützt. Genau genommen gibt es allerdings keinen Ort auf der Welt, an dem queer-sein wirklich normal wäre. Aus afrikanischer Perspektive könnte Kenia ziemlich fortschrittlich sein was die queere Emanzipation angeht. Aus europäischer Sicht jedoch liegt noch ein weiter Weg vor Kenia. Aber auch in Europa selbst sind wir noch nicht so weit, wie wir gerne wären. Diese Emanzipation ist ein kontinuierlicher Prozess, was sich auch stark während der Podiumsdiskussionen zeigte. Es gibt Konnotationen einer Art Exklusivität der Subkultur, die frei sein soll von Einflüssen aus dem Westen, aber auch von anderen Einflüssen, die queeres Leben unterdrücken. Allerdings ist die Exklusivität von Subkulturen ein globales Phänomen. Subkultur muss sich in ein Format entwickeln, von dem Kultur profitieren kann und Subkultur so selbst Kultur wird. Dank des Goethe-Instituts, das der queeren Community diesen Raum eröffnet und auch Personen aus beispielsweise Uganda eingeladen hat, war diese Entwicklung in den vier Tagen, in denen ich hier war, sehr deutlich zu sehen. Erstaunlicherweise waren sie alle Frauen und es fühlt sich für mich so an als käme ein Jahrhundert der Frauen – auch das ist ein globaler Trend. Ich habe hier also ein Spiegelbild dessen gefunden, was weltweit passiert, hier in Kenia aber auf sehr zugespitzte Weise. Das fand ich bemerkenswert.
 
Befragerin: Verglichen mit anderen Filmfestivals ist das Out Film Festival noch sehr klein. Über die letzten Jahre ist es aber doch bemerkenswert gewachsen. Wo, denken Sie, liegt sein Potential und was macht es in der Region besonders?

Wieland Speck: Offensichtlich ist es in der Region sehr besonders. Es gibt Festivals in Südafrika und auch eines in Uganda, wo es sogar noch schwieriger ist, queer zu leben als in Kenia. Kenia ist in dieser Hinsicht Vorreiter – und das auch wegen der Arbeit des Goethe-Instituts – und deshalb bin ich stolz Teil dieses Festivals zu sein. Die wichtigsten Fragen, die nicht nur auf dem Panel, sondern auch vom Publikum gestellt wurde, zielten meist darauf, wie eine politische Kraft geschaffen werden könnte, die zu einer Veränderung der Gesellschaft beitragen kann, die notwendig ist, um die Sicherheit ihrer schwulen, lesbischen und Trans-Kinder zu sichern. Ein zweiter, sehr wichtiger Aspekt ist, Spaß zu haben. Ich habe den Eindruck, dass die Liebe zum Leben hier in Kenia eine starke Antriebskraft ist. Und der dritte Aspekt ist natürlich, die verwundbare subkulturelle Szene zu stärken. Das passiert auch während des Festivals: Wenn man Filme aus allen Teilen der Welt sieht, erkennt man, dass man nicht alleine auf der Welt ist und dass Probleme, die man als lokal und an den Moment gebunden wahrnimmt, in Wahrheit globale Probleme sind. Wenn ich alle diese Elemente zusammen betrachte, hoffe ich, dass das Festival fortgeführt werden wird. Besonders auch deshalb, weil es ein großartiges Publikum hat. Dieses Publikum war für mich eine große Überraschung im Hinblick darauf wie lebendig und divers und wie zahlreich es ist. Jede Filmvorführung und jedes Panel während des Festivals war voll.

Befragerin: Sie haben auch die Kurator*innen des Festivals getroffen. Was haben sie von Kurator*innen mit so vielfältigen Hintergründen erwartet? Wurden sie erfüllt? Und welche Empfehlungen haben sie für das Festival?

Wieland Speck: Wie wir im Deutschen sagen, es steht und fällt alles mit der eigenen Kenntnis über das Publikum. Da es mein erster Aufenthalt in Kenia war, kann ich nicht sagen, welche Filme ich ausgewählt hätte, weil ich das hiesige Publikum besser kennen müsste, als ich es in diesen vier Tagen kennen lernen konnte. Ich nehme an, die Auswahl wurde mit diesem Gedanken im Kopf getroffen. Was ich aber weiß ist, dass es viele andere Filme gibt, die ich gerne als Teil dieses Festivals sehen würde. Ich habe diese drei wichtigsten Ebenen erwähnt – Subkultur, queere Kultur und Mainstream-Kultur. Alle drei sollten während so eines Festivals angesprochen werden und es gibt genügend Filme, um auch alle abzudecken. Und das ist beim Out Film Festival auch passiert. Ihr habt einen Hollywoodfilm über ein Trans-Kind gezeigt, der im Grunde die ganze Welt anspricht, denn es gibt kein eingeschränktes, exklusives Zielpublikum für so einen Film. Gleichzeitig habt ihr Dokumentationen gezeigt, die eher eine subkulturelle Zielgruppe ansprachen. Alle Elemente waren da und ich denke, dass das ein Gedanke ist, an dem sich das Festival auch in Zukunft orientieren sollte.

Befragerin: In Ihrem Leben stehen gerade Veränderungen an, da Sie nicht mehr Teil der Berlinale sein werden. Was inspiriert sie gerade und was wird Ihr nächstes großes Projekt sein? Werden Sie nach Kenia zurückkommen?

Wieland Speck: Ich werde das “zwei-mal-jährlich-um-die-Welt-Reisen“, das ich 25 Jahre lang betrieben habe, um Orte zu besuchen, die viele Filme für die Berlinale produzieren, nicht mehr machen. Deshalb kann ich nun Festivals besuchen, die zur Berlinale kommen und ihre Programme in meine eigene Auswahl aufnehmen. Man könnte sagen, dass ich so meinen alten Kund*innen Respekt zolle. Ich war dieses Jahr in Lettland und Georgien, in Armenien und kleineren Orten in den USA, in Kenia und Taipeh. Ich betrachte die Auswirkungen meiner Arbeit aus einem mir bisher unbekannten Blickwinkel. Die meiste Zeit sitze ich in einer Jury oder zeige selbst Filme. Und das ist eine wundervolle Inspiration, weil es eine sehr praktische Arbeit ist, die mich immer am meisten interessiert hat. Ich bin Schauspieler, ein Kinomensch, der mal ein Theater betrieben hat und so weiter. Filme zu den Leuten zu bringen und diese Filme zu reflektieren ist also genau das, was mich antreibt und das natürlich umso mehr in einem queeren Kontext. Ich bin dieses Jahr also so viel gereist wie eh und je, aber zu anderen Orten. Ich freue mich jedoch darauf, das Reisen zu reduzieren, da es sehr anstrengend ist und wir ja digitale Möglichkeiten haben, Filme anzusehen – auch wenn es schrecklich sein wird nicht mal ein kleines Bisschen der Kulturen zu verstehen, aus denen heraus die Filme entstanden sind. Natürlich kenne ich den Entstehungsort oft nur durch den Blick durch die Fensterscheiben eines Taxis, aber dennoch vertieft das Reisen das Verständnis der Filme. Es ist schwierig hier das richtige Maß zu finden, da Fliegen auch ein ökologisches Problem ist.

Befragerin: Ich hoffe Sie haben Ihren Aufenthalt in Kenia genossen und werden das Out Film Festival in guter Erinnerung behalten.

Wieland Speck: Das werde ich ganz sicher. Ich werde auch mit den Leuten, die ich hier getroffen habe und mit denen, die ich schon kannte, in Kontakt bleiben. So wird es Teil meines Lebens bleiben.