Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Das Bauhaus und koreanische Architektur
Einfluss über Umwege

Eine typische Stadtansicht in Seoul, mit Apartmentsiedlungen als bestimmendes Merkmal
Eine typische Stadtansicht in Seoul, mit Apartmentsiedlungen als bestimmendes Merkmal | © Yonhap News

Das Bauhaus war eine der berühmtesten Schule für Architektur und Gestaltung. Auch die koreanische Architektur wurde vom Bauhaus beeinflusst, denn die deutsche Schule für Gestaltung gilt als einer der zentralen Geburtsorte der Moderne schlechthin. Der Architekturkritiker Ulf Meyer beleuchtet in einem Beitrag Berührungspunkte zwischen dem deutschen Bauhaus und der Architektur in Korea, Süd wie Nord.

Die Frage, welchen Einfluss das Bauhaus auf Korea ausgeübt hat, lässt sich zugleich mit „fast keinen“ und „einen extrem großen und entscheidenden“ beantworten. Denn solange das Bauhaus existierte, also in den Jahren 1918-32, existierte Korea nicht als unabhängiger Staat. Vor hundert Jahren war die Halbinsel unter japanischer Kontrolle und es waren japanische Architekten, die die moderne, westliche Baukunst nach Korea brachten. Koreanern selbst war die Ausübung des Architektenberufs verboten.

Das Bauhaus und Japan

Eine Arbeit von Takehiko Mizutani aus dem Vorkurs mit Josef Albers (1927) Eine Arbeit von Takehiko Mizutani aus dem Vorkurs mit Josef Albers (1927) | Foto: Bauhaus-Archiv Berlin, Fotostudio Bartsch Dennoch gelangten wichtige Konzepte, die am Bauhaus erdacht worden waren, nach Korea. Entscheidend hierfür waren japanische Studierende am Bauhaus. Nachdem Sadanosuke Nakada 1922 als erster Ostasiate das Bauhaus in Weimar besucht hatte, folgte 1927 Takehiko Mizutani als erster Student aus Asien. Iwao Yamawaki (1898–1987) und seine Frau Michiko wurden schließlich zu Schlüsselfiguren des west-östlichen Austauschs der Avantgarde der 30er Jahre. Yamawaki kam 1930 nach Berlin, gründete dort das Studio Tomoe und studierte bei Mies van der Rohe am Bauhaus Dessau Architektur. Als das Bauhaus schloss und Yamawaki nach Tokio zurückkehren musste, begann er eine einflussreiche Karriere als Dozent, Journalist und Architekt.

Renshichiro Kawakita, der László Moholy-Nagys Buch „Von Material zu Architektur“ übersetzte und damit dem pädagogischen Konzept des Bauhauses ein breiteres Verständnis in Nordostasien eröffnete, gründete schließlich Im Jahr 1931 gemeinsam mit Takehiko Mizutani das Shinkenchiku Kogei Gakuin (Institute of New Architecture and Industrial Arts), um einen Hauch des Bauhauses in Ostasien weiterleben zu lassen.

Moderne Architektur im Korea der Kolonialzeit

Eines der ersten modernen Kaufhäuser Koreas: das Hwasin Kaufhaus (Aufnahme aus dem Jahr 1963) Eines der ersten modernen Kaufhäuser Koreas: das Hwasin Kaufhaus (Aufnahme aus dem Jahr 1963) | © Yonhap News Die moderne Architektur kam in drei Wellen über Korea: Zunächst wurden diverse Bank-Gebäude in den 1910er Jahren gebaut, gefolgt von modernen Bürohäusern in den 20er Jahren und großen Kaufhäuser in den 30er Jahren. Kaufhäuser waren die ersten Stahl-Beton-Skelettbauten in Korea; Nach dem Kanto-Erdbeben 1923 in Japan waren sie zum neuen Standard geworden. Ihre klassisch-westlichen Fassaden verrieten von den modernen Tragwerken dahinter zunächst jedoch noch nichts. Kaufhäuser waren die ersten Gebäude mit Fahrstuhl und boten die größten Innenräume, die man in Seoul zu jener Zeit erleben konnte. Die faszinierenden neuen Bautypen waren jedoch zugleich Ausdruck einer nicht nur ökonomischen Fremdherrschaft.

Das Bauhaus im Dienste von Kim Il-sung

Die Wilhelm-Pieck-Allee im nordkoreanischen Hamhung (1971) Die Wilhelm-Pieck-Allee im nordkoreanischen Hamhung (1971) | © dpa Der Bauhaus-Student Konrad Püschel schrieb die Geschichte des Bauhauses in Korea fort. Püschel gehörte zu einer DDR-Planer-Gruppe zum Wiederaufbau Nordkoreas. Er reiste im Auftrag der DDR-Regierung nach Nordkorea, leitete in Hamhung, der zweitgrößten Stadt des Landes, den Wiederaufbau und errichtete zahlreiche Groß-Siedlungen im „seriellen Wohnungsbau“, wie er später in Ostdeutschland als Plattenbau berühmt-berüchtigt wurde.

Püschels „Deutsche Arbeitsgruppe (DAG)“ wurde auf Wunsch von Otto Grotewohl zum Aufbau der kriegszerstörten Stadt geschickt. Kim Il-sung hatte das Wiederaufbauprojekt in Hamhung persönlich vorgeschlagen. Die ostdeutschen Planer sollten auch die Anleitung und Ausbildung von Fachkräften vor Ort organisieren und Anlagen und Fertigprodukte liefern. Der Architekt Hans Grotewohl, der Sohn des DDR-Ministerpräsidenten, und seine Ehefrau Madleen bauten Wohnhäuser und eine Mittelschule, die mit Spenden der DDR finanziert worden war. Die DDR lieferte dem sozialistischen Brudervolk die technische Ausstattung und Werke für Platten, Tonrohre und Keramik und eine Großtischlerei.
Kurz nach dem Bau der Berliner Mauer reisten die letzten ost-deutschen Berater zurück in die DDR. Grotewohl wurde für seine Arbeit zum Ehrenbürger von Hamhung gemacht, aber die „Wilhelm-Pieck-Allee“, die Hauptverkehrsstraße in Hamhung, wurde bald wieder umbenannt.

Im Süden setzt sich Le Corbusier durch

Die beiden führenden Architekten der Moderne in Südkorea, die nach dem Koreakrieg die Baukunst im Lande maßgeblich zu bestimmen begannen, orientierten sich nicht explizit am Erbe des Bauhauses, sondern an einem anderen wichtigen Strang der Moderne: Für Südkorea wurde das Erbe von Le Corbusier und der brutalistischen Betonarchitektur prägend.

Der berühmteste Architekt Kim Swoo Geun (1931–86) war nach seinem Studium in Seoul nach Tokyo zum Studium gegangen. Nach seiner Rückkehr nach Korea 1960 begann eine kometenhafte Karriere, die vom Gebäude der SPACE Group (1978) über christliche Sakralbauten bis zum Olympia-Stadion von Seoul führte. Auch für den zweiten Großmeister der koreanischen Nachkriegsarchitektur, Kim Joong-eop (1922–88) gilt, dass er Elemente der koreanischen Kulturtradition in der zeitgenössischen Architektur abstrahiert weiterverarbeitete und damit einen genuin koreanischen Ausdruck in der frei geformten Betonarchitektur nach französisch-schweizerischem Vorbild suchte.
Das Hauptgebäude der Sogang University (Kim Joong-eop, 1958) ist heute Teil des „Zukunftserbes“ der Stadt Seoul Das Hauptgebäude der Sogang University (Kim Joong-eop, 1958) ist heute Teil des „Zukunftserbes“ der Stadt Seoul | © Yonhap News

Der Geist des Bauhauses in Seouls Apartmentsiedlungen

Nach dem zweiten Weltkrieg, als Länder wie die Bundesrepublik Deutschland keine Zeit verschwenden wollten, um wieder an die demokratischere Vorkriegstradition und damit an die Bauhaus-artige Moderne anzuknüpfen, wurde Korea durch den verheerenden Koreakrieg zurückgeworfen. Als er endlich vorbei war, suchte man in Südkorea einen „emphatischen Bruch von der Okkupations-Architektur” und griff auf die Zeit vor 1910 zurück.
 
Zugleich zeigte sich der amerikanische Einfluss im aufkommenden International Style. Das Wirtschaftswunder forderte eine abermalige, umgreifende Modernisierung der großen Städte in Südkorea. Speziell im Massen-Wohnungsbau, der Seoul wie kaum eine zweite Metropole der Welt bis heute prägt, setzen sich dennoch die Prinzipien der Vorfertigung, der rationellen Fertigung in Reihen und der Wunsch nach einer Funktionsentmischung und strengen Orientierung an den Himmelsrichtungen - durch, die einst am Bauhaus entwickelt wurden und auch in Deutschland – wie bei der Gropius-Stadt in Berlin beispielsweise – von den emigrierten deutschen Architekten der Moderne begierig re-importiert wurden. Denn das Bauhaus nur als eine stilprägende Schule zu verstehen, greift zu kurz. Ihre Wirkung erstreckt sich auch auf technische und politische Bereiche, wie die Entwicklung in beiden Hälften Koreas eindrucksvoll zeigt.

Top