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Berlinale-Blogger*innen 2021
Die verschwundenen Bären

Potsdamer Platz
Auf dem Potsdamer Platz in Berlin flanieren normalerweise zur Berlinale-Zeit Filmschaffende und Schauspieler*innen über den roten Teppich - nicht so 2021. | Foto (Detail): © Hyejin Lee

Wo sonst Jahr für Jahr Filmschaffende und Schauspieler*innen auf dem roten Teppich zu sehen sind, herrscht zu Beginn der 71. Berlinale Leere – an den Grundwerten des Festivals ändert dies aber glücklicherweise nichts. Eine Beobachtung.

Von Hyejin Lee

Wohin man auch blickt: Voll beladene Güterwagen, um Werbetafeln und Plakatwände mit den wichtigsten Bildern und Postern des Jahres anzubringen. Geschäftiges Treiben der Journalist*innen, die das aktuelle Programmbuch zur Veranstaltung in der Hand halten und über den Platz eilen. Rote Bären an den belebtesten Stellen und die Umzäunung für die Veranstaltungen auf dem roten Teppich ... Diese Bilder waren ein Zeichen dafür, dass der Potsdamer Platz in Berlin nach einem kalten, langen Winter bald zu einem glamourösen Ort werden würde. Zumindest bis zum Jahr 2020.
 
Der Potsdamer Platz im Zentrum von Berlin ist das Herzstück der Internationalen Filmfestspiele. In dieser Zeit beherbergt der Platz das Hauptquartier des Filmfestivals, die Gästebüros mehrerer Sektionen, den Berlinale Palast, in dem die Preisverleihung und die Veranstaltungen auf dem roten Teppich stattfinden sowie die größten Filmtheater. Anders als sonst herrscht in diesem Jahr, im März 2021, auf dem Potsdamer Platz jedoch eine gähnende Leere – und das, obwohl die 71. Berlinale schon begonnen hat. Das neuartige Coronavirus, das sich bereits bei den Vorbereitungen der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin ankündigte, sorgte während des gesamten Filmfestivals für große Anspannung. Es fällt schwer zu glauben, dass dieses Wort, von dem die meisten Menschen mittlerweile genug haben dürften, sogar Auswirkungen auf das Filmfestival ein Jahr später, 2021, haben würde.

Ruinen einer bereits vergangenen Ära

2020 hat sich viel verändert und auch die Berlinale findet in einer neuen Form statt. Die erste Veranstaltung der Internationalen Filmfestspiele Berlin, die sich dieses Jahr in zwei Teile gliedert, wird mit einem begrenzten Fachpublikum nur online stattfinden. Trotz der vorzeitigen Ankündigung war der triste Anblick des Potsdamer Platzes kurz vor der Veranstaltung ungewohnt. Nicht nur die Filmemacher*innen und das Publikum fehlten, sondern auch die roten Bären und Plakate, die bereits vor dem Filmfestival an zahlreichen Orten zu sehen und die Symbole der Berlinale sind, waren verschwunden. Die einzigen Orte, die das diesjährige Festival schwach erahnen lassen, sind der Eingang des Kino Arsenals im Filmhaus des Sony Centers, die Lobby der Organisationszentrale, die beide Poster aufgehängt haben, sowie die Schaufenster der Läden mit ihren Berlinale-Goodies. Der Boulevard der Stars inmitten des leeren Potsdamer Platzes und die Fotos, die die Geschichte der Internationalen Filmfestspiele Berlin veranschaulichen, erwecken sogar die Illusion, als wären sie nurmehr Ruinen einer bereits vergangenen Ära.
Der Potsdamer Platz in Berlin. Von Glamour und Blitzlichtgewitter keine Spur - das tut der Filmproduktion aber keinen Abbruch, im Gegenteil. | Foto (Detail): © Hyejin Lee
Die 71. Internationalen Filmfestspiele Berlin, die sich dieses Jahr (zunächst) nur in digitaler Form und online präsentieren, regen dazu an, über die physische Realität des Filmfestivals nachzudenken. Die Berlinale zu Beginn des Jahres zählt zu den A-Liste-Festivals und ist unter den Filmfestivals ein entscheidender und großer Markt. Neben der wirtschaftlichen Bedeutung spielt ihr Grundgedanke eine wichtige Rolle. Sie ist ein Ort, an dem sich die Filme, das Publikum und die Filmemacher*innen versammeln. Die Berlinale schafft so einen besonderen, überaus lebhaften Raum, der die gesamte Kunst des Films umfasst. Der Anblick des Potsdamer Platzes, wo  gegenwärtig nur selten ein Werbeplakat für das Filmfestival zu finden ist, wirkt einerseits ziemlich befremdlich, andererseits war ich zugleich erleichtert, da dieser Zustand deutlich zeigt, was die eigentlichen Grundwerte des Filmfestivals ausmachen. Ein Filmfestival ohne Kinos und ohne das Publikum ist kein wahres Festival. Was bringt es also, einen Platz zu schmücken, auf dem die Menschen fehlen?
 
Dennoch versuchen die Veranstalter*innen mit der „Two Track“-Strategie die Hauptwerte des Filmfestivals auch in schwierigen Zeiten zu schützen. Die erste Veranstaltung wird wie geplant in der ersten Märzwoche 2021 in digitaler Form ausgestrahlt. Im Juni 2021 wird es die zweite Veranstaltung mit Publikum geben, die in Präsenzform auf dem Potsdamer Platz in Berlin stattfinden soll. Dann sind die roten Bären endlich wieder zu sehen – und hoffentlich auch die aufgeregten, ausgelassenen und erwartungsvollen Gesichter, die sich von Kino zu Kino bewegen. Ich freue mich schon jetzt auf den Sommer am Potsdamer Platz.

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