Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Berlinale-Blogger*innen 2021
Porträt der Einsamkeit

„Wood and Water“ von Jonas Bak
Versucht, die Einsamkeit hinter sich zu lassen: Anke, gespielt von Anke Bak, im Debütfilm ihres Sohnes Jonas Bak. | Foto (Detail): © Trance Films

Mit seinem Debütfilm  „Wood and Water“ zeigt der Regisseur Jonas Bak in der Sektion Perspektive Deutsches Kino ein Werk, das über Einsamkeit und Familie erzählt – und in dem er auf faszinierende Weise Wissenschaft aus Fernost verarbeitet.

Von Hyejin Lee

Der Regisseur Jonas Bak, der seinen ersten Film Wood and Water in der Sektion Perspektive Deutsches Kino auf den 71. Internationalen Filmfestspielen Berlin präsentierte, überraschte mit seiner Premiere auf vielfältige Art und Weise – unter anderem mit den Titel des Werks, der von seinem Leben in Hongkong geprägt zu sein scheint. Selbst als die chinesischen Schriftzeichen für „Baum (木)“ und „Wasser (水)“ im Vorspann erscheinen, ist noch unklar, dass es sich um zwei der „fünf Elemente“ aus der chinesischen Schicksalslehre handelt. Umso interessanter ist es zu erfahren, wie der junge Regisseur aus Deutschland die Wissenschaft der „Vier Säulen des Schicksals“ aus Fernost in seinem Werk aufnimmt und weiterverarbeitet.

Der Film ist in zwei Teile gegliedert und handelt von einer Mutter, die in einem von Wasser umgebenen Haus in Deutschland lebt, und ihrem Sohn, der in einem Wolkenkratzer in Hongkong wohnt. Wood and Water erzählt die Geschichte von der Mutter Anke, die nach Hongkong reist, um ihren Sohn wiederzusehen. Dabei porträtiert der Regisseur ihre Einsamkeit und wie sich die Menschen gegen ihr natürliches Schicksal zur Wehr setzen. Zu Beginn des Filmes wird eine Szene gezeigt, in der die Mutter gerade in den Ruhestand getreten ist. Anke, die Protagonistin, hat ihre letzten Arbeiten in der Kirche verrichtet und ist nun mit ihrem tristen Alltag konfrontiert. Selbst ihr Wohnraum wirkt verlassen; man sieht viele Stellen, die leer stehen und manchmal ist sogar sie selbst nicht im Bild. Auf diese Weise wird dem Publikum ein gewisses Gefühl der Abwesenheit vermittelt. In diesem Zustand beginnt Ankes Reise. Die zweite Filmhälfte, die Anke in Hongkong zeigt, wurde als typisches Roadmovie gedreht. Die Leere, die sie in Deutschland umgab, wird in Honkong durch die vielen Wolkenkratzer und das geschäftige Treiben der Menschen gefüllt. Zudem erfahren wir, dass die Abwesenheit ihres Sohnes ein Grund für ihre Einsamkeit ist.

„Wood and Water“ von Jonas Bak Jonas Bak gelingt es, die asiatische Lehre der Zukunftsdeutung und die Vier Säulen des Schicksals, die dem Prinzip des Yin-Yang sowie der Fünf Elemente folgen, mit seiner Geschichte verschmelzen zu lassen. | Foto (Detail): © Trance Films
Der Debütfilm von Jonas Bak erfährt eine besondere Bedeutung dahingehend, dass der Regisseur sein gesamtes Leben Revue passieren ließ, um dieses Werk zu erschaffen. Der Film enthält viele biografische Parallelen. Und was könnte ein Newcomer der Welt wohl am besten erzählen als seine eigene, originelle Geschichte? Der Regisseur selbst beschreibt diesen Film als ein „Porträt der Einsamkeit“. Durch diesen Film möchte er seine Mutter umarmen mit der Botschaft, dass „er früher nicht wirklich verstanden habe, wie sehr sie ihn vermisst haben muss“, als er das Elternhaus verließ, um seine Träume im Ausland zu verwirklichen. Wahrscheinlich spielt aus diesem Grund Anke Bak, die Mutter des Regisseurs, auch die Rolle der Mutter im Film. Und wie der Sohn im Film verließ Jonas Bak frühzeitig sein Elternhaus, um Filmemacher zu werden, und lebte ebenso in Großbritannien und Hongkong. Dieses Werk zeugt somit von eindeutiger Selbstreflexion. Der Regisseur verwendet als Motiv die Einsamkeit in der Familie und Gesellschaft – die Mutter und Sohn, aber auch wir konsequent ignorieren – und erschafft damit eine universelle Gültigkeit. Die zarte musikalische Untermalung und die subtilen Filmaufnahmen unterstreichen dies noch und machen Wood and Water zu einem Debütwerk mit besonderem Charme.

Die Energie der Bäume und des Wassers

Besonders interessant ist die Beobachtung, dass es Jonas Bak auf natürliche Weise gelungen ist, die ihm unbekannte asiatische Lehre der Zukunftsdeutung und die Vier Säulen des Schicksals, die dem Prinzip des Yin-Yang sowie der Fünf Elemente folgen, mit seiner selbstreflektierenden Geschichte verschmelzen zu lassen. So erzählt z.B. ein Wahrsager Anke auf der Straße in Hongkong, dass sie im Zeichen des Wassers geboren sei und dass ihr die Energie der Bäume fehle, was bedeute, dass „ihre Kinder sie verlassen werden und sie dann allein sein wird“. So erhält sie den Rat, in der Nähe des Waldes zu wohnen, um mit der Energie der Bäume dieses Defizit auszugleichen. Darüber muss Anke lächeln. Es belustigt sie, dass ihre Einsamkeit, die von einem Fremden im Ausland bemerkt wird, letztendlich ihr Schicksal ist, ebenso wie die Tatsache, dass sie zwar nah am Wasser, aber dennoch in der Schwarzwald-Region zu Hause ist. Wer kann schon das Leben beschreiten und über Glück und Unglück selbst bestimmen, wenn man nur einmal lebt?

Der Film endet mit einer Szene in Vogelperspektive, in der Anke durch die Menschenmenge geht. Bis zur letzten Minute beweist Regisseur Jonas Bak, dass er ein junges Filmtalent mit reichlich Expertise ist. Diese Form des Endings, die häufig in Filmen des italienischen Neorealismus anzutreffen ist, wurde im Film Wood and Water dermaßen adäquat umgesetzt, wie ich es schon lange nicht mehr gesehen habe.

Top