10 Fragen an Tiziana Jill Beck

Tiziana Jill Beck
© Artist Residency TEMI

„Die Energie, die ich hier empfinde, möchte ich gern mit nach Berlin nehmen und weiter wirken lassen.“ So beschreibt Tiziana Jill Beck den Einfluss, den ihr Aufenthalt in Korea auf ihr Wirken und Schaffen hat.

Die deutsche Künstlerin und Illustratorin studierte an der Weißensee Kunsthochschule Berlin und der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Seit ihrem Abschluss arbeitet die gebürtige Berlinerin in vielfältigen Bereichen der Kunst. Ihre Zeichnungen sind in Ausstellungen vertreten, und sie arbeitet häufig mit anderen Künstlern, Institutionen und Magazinen zusammen. Aber auch „Graphic Recording“ – eine begleitende Visualisierung abstrakter Prozesse und Gedanken – gehört zu ihrem Repertoire. Von September 2014 bis August 2015 ist sie als Stipendiatin des DAAD in Korea; die erste Jahreshälfte 2015 war sie Artist-In-Residence in der Artist Residency TEMI in Daejeon .
 
Ihr Aufenthalt in Korea kommt nicht von ungefähr, denn aufgrund familiärer Beziehungen kam sie schon früh in Berührung mit dem Land. Während ihres Aufenthalts hier hat sie sich intensiv mit koreanischem Kunsthandwerk und koreanischer Volksmalerei einerseits und andererseits  mit der koreanischen Gesellschaft im Ganzen auseinandergesetzt. Sie hat mit neuen Formen zeichnerischen Ausdrucks experimentiert. In unseren zehn Fragen beschreibt Tiziana Jill Beck in Text und Bild, was Deutschland und Korea für sie bedeuten.

1. Was ist für Sie „typisch koreanisch“?
Tiziana Jill Beck_Frage 1 © Tiziana Jill Beck 2. Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Korea?
Durch meinen koreanischen Onkel. Bei der Heirat in Deutschland trug meine Tante statt einem weißen Brautkleid einen grünen Hanbok, die traditionelle koreanische Tracht. Ich war damals noch sehr klein, aber schon ziemlich beeindruckt. Bei meinen Großeltern in Bamberg und auch bei uns zu Hause in Berlin verwandelten sich die Räume über die Jahre hinweg in koreanische Zimmer mittels der koreanischen Mitbringsel meiner Tante. 1996 besuchte ich dann mit meiner Familie zum ersten Mal Korea, damals war ich 14 Jahre alt. Wir waren fast die einzigen Touristen in Seoul. Ich fand das alles sehr aufregend, und zu meinem koreanischen Onkel soll ich wohl damals schon gesagt haben, dass ich wiederkomme.

3. In welcher Weise hat die Begegnung mit Korea Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?
Ich habe vor kurzem festgestellt, dass ich nach meinem ersten Besuch in Korea anfing, die Kunst für mich zu entdecken und mit dem Zeichnen zu beginnen. In der siebten Klasse hatte ich noch eine Fünf im Kunstunterricht und musste deswegen fast die Klasse wiederholen. Im Moment arbeite ich gerade an einem Buchprojekt mit Zeichnungen, die auf meinen Beobachtungen von Acrovista, einem Luxusapartmentkomplex und Einkaufszentrum in Seoul basieren. Zu Beginn meines Aufenthalts habe ich dort für einige Monate gelebt. Das Wohnquartier wurde 2001 auf dem Areal des im Jahr 1995 eingestürzten Sampoong-Kaufhauses errichtet. Dieser Ort erscheint mir wie eine Art Mikrokosmos, an dem sich all die widersprüchlichen, aber auch faszinierenden Aspekte, die ich in Südkorea vorgefunden habe, vereinen. Es ist ein Ort zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Arbeitswelt und Freizeit, Politik und alten und neuen Mythen und Geistern.

4. Was war Ihr schönstes Erlebnis in Korea?
Ich habe eine eineiige Zwillingsschwester und bin in meiner Kindheit und auch später eigentlich nie länger allein gewesen. Vor meinem Abflug hatte ich daher ein bisschen Angst davor, in Korea vielleicht sehr einsam zu sein. Am Anfang stürzte ich mich deswegen voll ins Leben, und die offene und herzliche Art der Koreaner hat mich sofort aufgefangen. Nach einiger Zeit fing ich jedoch an, die Einsamkeit regelrecht zu suchen und viel alleine zu unternehmen. Mittlerweile habe ich viele tolle Menschen kennengelernt, mit denen ich oft unterwegs bin. Allerdings gibt es auch jetzt Momente, in denen ich in meinem Studio in Daejeon so intensiv arbeite, dass ich außer dem Nachtwächter tagelang niemandem begegne. Das war und ist für mich eine sehr schöne Erfahrung, diese Erlebnisse allein genießen zu lernen und dadurch an Stärke zu gewinnen.

5. Haben Sie einen Lieblingsort in Korea?
Das Total Museum of Art in Pyeonchang-dong in Seoul. Es war 1976 das erste private Museum für zeitgenössische Kunst in Korea. Ich liebe diesen Ort, auch ohne eine Ausstellung könnte ich Stunden dort verbringen. Die Architektur ist sehr eigensinnig,  überall gibt es geheime Winkel und Ecken und sogar eine echte Höhle als Ausstellungsraum. Im Garten stehen riesige Kimchi-Töpfe, bunte Skulpturen und Bäume in allen Farben und Formen. Ich mag das Lebendige und Unperfekte, man spürt darin die ungetrübte Leidenschaft und die Experimentierfreude der Museumsbesitzer, die ich auch persönlich kennenlernen durfte. Ihr eigenes Haus ist buchstäblich mit dem Museum zusammengewachsen: Es steht direkt daneben.

6. Auf was könnten Sie in Deutschland gerne verzichten?
Die Lobby für Tempo 250 auf der Autobahn.

7. Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?
Die Entscheidung, ein Jahr in Korea zu verbringen, war für mich künstlerisch, aber auch menschlich ein sehr wichtiger Schritt, der mir viele Fragen beantwortet und natürlich auch neue aufgeworfen hat. Mir ist bewusst geworden, dass mein Aufenthalt hier nicht nur ein kleiner Ausflug in eine fremde Welt war; vor allem nachdem ich jetzt wieder in mein gewohntes Umfeld zurückkehre und alles wieder wie immer ist. Im Gegenteil: Mein Blick und  meine Schaffensräume  sind viel elastischer geworden, und ich kann mir vorstellen, überall zu arbeiten und zu leben. Deshalb würde ich mich freuen, wenn ich auch in Zukunft die Möglichkeit hätte, in Korea künstlerisch tätig zu sein. Nach knapp einem Jahr habe ich eigentlich erst gerade begonnen einzusteigen und mich auf die koreanische Kultur und das Leben hier einzulassen. Dieses Gefühl und die Energie, die ich hier empfinde, möchte ich gerne nach Berlin mitnehmen und weiter wirken lassen.

8. Was sind drei Dinge ohne die Sie nicht auskommen, die Sie immer bei sich haben? 
Tiziana Jill Beck_Frage 8 © Tiziana Jill Beck














 



9. Welche Kulturleistung aus Korea beeindruckt Sie am meisten?
Sowohl das Alte als auch das Neue. Ich liebe die Filme von Hong Sang-Soo. Sie sind auf den ersten Blick einfach und simpel, bei genauerem Hinsehen verschachteln sie aber sehr hintergründig Traum, Realität, Erinnerung, Vergangenheit und Zukunft. Hier in Korea lerne ich seine Filme plötzlich besser verstehen. In seinen genauen Beobachtungen des koreanischen Alltags stecken sehr viel kluger Witz und absurde Wahrheiten über unser Menschsein. Genauso wie die koreanische Volksmalerei Minwha, die mich sehr anzieht. Mich beeindruckt, in welcher Weise Farbe in den Bildern eingesetzt ist und wie sie mit viel Sinn für Humor frisch und unmittelbar Szenen des täglichen Lebens vermittelt.

10. Wie schmeckt Korea?
Tiziana Jill Beck_Frage 10 © Tiziana Jill Beck Nach den dunklen kugelrunden Weintrauben, die in Korea nur im August und September Saison haben. Diese Trauben haben ein sehr intensives, fast künstliches Aroma, das meine Sinne seltsam betäubt. Im Spätsommer vor zwei Jahren war ich in Vairano in der Schweiz, und zu dieser Zeit gab es dort gerade Weinernte. Ich hatte plötzlich genau diesen Duft in der Nase und all meine Erlebnisse in Korea prompt vor Augen. Als ich Ende August letzten Jahres in Seoul ankam, bin ich als allererstes zum Obstverkäufer gegangen, habe mir ein Kilogramm Trauben gekauft und sofort aufgegessen.