Der Forest of Wisdom in Paju „Eine Ruhepause im Bücherwald“

Adriana Yoojung Jung nutzt den Forest of Wisdom seit seiner Eröffnung regelmäßig.
Adriana Yoojung Jung nutzt den Forest of Wisdom seit seiner Eröffnung regelmäßig. | Foto: Minjee Kum

Adriana Yoojung Jung arbeitet in der Niederländischen Botschaft in Korea und nutzt regelmäßig die Bibliothek „Forest of Wisdom“ in der Nähe ihres Zuhauses. In den weitläufigen Räumen, umgeben von Büchern aller Art, kommt sie zur Ruhe.
 

Entdeckt habe ich den Forest of Wisdom, als mein Mann und ich im Dezember 2013 in die Bücherstadt Paju nördlich von Seoul zogen. Mein Mann ist geisteswissenschaftlicher Autor und hat oft in den hier angesiedelten Verlagen zu tun, also beschlossen wir, hierher zu ziehen. Wir gehen gerne gemeinsam spazieren, und eines Tages stießen wir bei einem Spaziergang durch die Bücherstadt auf den Forest of Wisdom. Er hatte damals gerade gewissermaßen ein „Soft Opening“ hinter sich, die offizielle Eröffnung folgte 2014.  
 
Zunächst gab es hier wirklich nur Bücherregale. Zu dem Zeitpunkt hatten sie gerade erst damit begonnen, die meterhohen Regale nach und nach mit Büchern zu füllen. Die Räume mit den hohen Regalen waren ungewöhnlich, und wir freuten uns sehr, dass in fußläufiger Entfernung zu unserer Wohnung ein solcher Kulturraum entstand. Den Forest of Wisdom nutze ich also seit sieben Jahren. Als ich mitverfolgen konnte, wie er dann durch die Presseberichterstattung nach und nach berühmt wurde, war ich sogar ein wenig stolz.

An Wochenenden ist der Forest of Wisdom voll von Besuchern, die sich an den Büchern erfreuen. An Wochenenden ist der Forest of Wisdom voll von Besuchern, die sich an den Büchern erfreuen. | Foto: Minjee Kum Seit dieser ersten Begegnung mit dem Forest of Wisdom gleich nach seiner Eröffnung bin ich oft hier. Ich habe ihn nach und nach ins Herz geschlossen. Mein Mann und ich waren damals nur standesamtlich verheiratet, hatten aber noch keine Hochzeit gefeiert. Schließlich haben wir gesagt: wir heiraten hier! Heute ist hier immer viel los, aber damals waren die Regale noch nicht so gut gefüllt und es gab auch nicht so viele Besucher. Also haben wir uns schnell einen Termin für ein Jahr später reserviert, und konnten dann jede Woche den Ort besuchen, an dem wir heiraten würden. Die Hochzeit fand im Januar 2015 statt, und unsere Gäste waren alle sehr überrascht über das ungewöhnliche Ambiente.
 
Adriana Yoojung Jung hat im Forest of Wisdom sogar geheiratet. Adriana Yoojung Jung hat im Forest of Wisdom sogar geheiratet. | Foto: Minjee Kum Uns haben die Stimmung und die Räume sehr gefallen, man kann sich dem Medium Buch hier leicht annähern. Wir lieben beide Bücher, und so fanden wir es für uns und unser Leben passender, hier zu heiraten, anstatt in einer Wedding Hall. Außerdem: wo Bücher sind, ist Muse. Wir haben früher beide in der Innenstadt Seouls gelebt. Wir waren immer beschäftigt und in einem kontinuierlichen Zustand der Erschöpfung. Daher wollten wir mit unseren Gästen das Gefühl von Innehalten teilen, dass dieser Raum geben kann. Er hat eine gute Aura.
 
Seitdem der Forest of Wisdom bekannter geworden ist, ist hier mehr los als zu Beginn. Vor allem am Wochenende kommen viele Familien. Für mich ist der Trubel etwas bedauerlich, aber andererseits finde ich es schön zu sehen, wie Kinder die Freude des Lesens entdecken. Und unter der Woche ist es hier immer noch ruhig. Es gibt viel Platz und ein Gefühl von Raum, die Decken sind sehr hoch. Beim Lesen ist ja auch die Umgebung wichtig. Ich freue mich, dass es den Forest of Wisdom gibt, weil ich hier in Ruhe lesen kann. Natürlich ginge das auch zu Hause, aber da verliert man leicht die Konzentration. Hier ist man im wahrsten Sinne des Wortes in einem Bücherwald. Und in diesem Wald kann man verweilen.

Die Lage mitten in der Natur ist ein weiterer Pluspunkt des Forest of Wisdom. Die Lage mitten in der Natur ist ein weiterer Pluspunkt des Forest of Wisdom. | Foto: Minjee Kum Ich lese hier nicht nur Bücher. Zwischendurch schaue ich auch einfach mal aus dem Fenster und mache nichts, gehe draußen eine Runde spazieren, oder komme nur zum Kaffeetrinken. Manchmal verabrede ich mich hier auch mit Freunden oder für berufliche Meetings. Es ist hier nicht so steif wie in normalen Bibliotheken, deswegen kann ich ganz zwanglos vorbeikommen. Aber wenn ich hier bin, dann nehme ich früher oder später automatisch ein Buch zur Hand. Zum Beispiel schaue ich oft nach, welche Bücher bei den Buchempfehlungen präsentiert werden.

Im Forest of Wisdom kann man in greifbarer Nähe gute Bücher entdecken. Im Forest of Wisdom kann man in greifbarer Nähe gute Bücher entdecken. | Foto: Minjee Kum Einmal habe ich hier ein Buch neu entdeckt, das ich zu Hause nie gelesen hatte. Es handelte sich um Gespräche (대화), die Memoiren des Journalisten und Professoren Yeong-hui Lee (리영희). Das Buch stand hier auf der Empfehlungsliste. Die Bücher sind hier nicht wie in anderen Bibliotheken per Signatur katalogisiert, sodass man nie weiß, auf welche Bücher man stoßen wird. Das macht es spannend! Ich habe auch schon Bücher aus reiner Neugierde gelesen, nachdem ich sie zufällig in die Hand bekam. Dieser Zufall bringt eine ganz eigene Freude mit, die weit vom gezielten Lesen entfernt ist. Man kommt nicht mit dem Gedanken her: „Ich muss heute dieses oder jenes Buch lesen und suche es mir heraus“. Ich lese hier viele Reisebücher und viel Literatur, und manchmal bringen mein Mann und ich auch unsere Bücher von zuhause mit.

Die Bücher im Forest of Wisdom sind alles Spenden. Die Bücher im Forest of Wisdom sind alles Spenden. | Foto: Minjee Kum Ich mag es vor allem, an einem der Plätze am Fenster zu lesen, von wo aus man einen Blick über die Sumpfgebiete hat. Paju ist eine Station für Zugvögel aus Sibirien, und wenn man hier aus dem Fenster blickt, kann man oft Vogelschwärme am Himmel beobachten. Der Sumpf liegt auch nahe an der Mündung des Han-Flusses und man kann hier nicht nur Vögel, sondern viele andere Tiere entdecken. Diese reichhaltige Natur in der Umgebung bedeutet einen großen Mehrwert für den Forest of Wisdom. Man kann zwischendurch während dem Lesen einfach mal spazieren gehen. In der Nähe gibt es auch viele Verlagshäuser und kulturelle Angebote, der Forest of Wisdom verbindet also die Bücherstadt Paju und die Natur. Er ist Treffpunkt und Bindeglied.

Adriana Yoojung Jungs Lieblingsplatz am Fenster, von wo aus sie einen Blick über den umliegenden Sumpf hat. Adriana Yoojung Jungs Lieblingsplatz am Fenster, von wo aus sie einen Blick über den umliegenden Sumpf hat. | Foto: Minjee Kum Der Forest of Wisdom bietet ein reichhaltiges Veranstaltungsangebot. Mein Mann hat hier auch schon einmal eine geisteswissenschaftliche Vorlesungsreihe für Jugendliche gegeben. Es gibt klassische Konzerte, und jedes Jahr finden Großveranstaltungen wie das Paju Children’s Book Festival oder das Paju Booksori Festival statt. Persönlich würde ich gerne einmal an der jährlichen „Editor’s School“ teilnehmen. Dafür werden berühmte Lektoren aus dem In- und Ausland für Vorträge und Q&A-Sessions eingeladen. Ich habe Niederländisch studiert und übersetze Literatur, woraus automatisch ein Interesse am Verlagswesen entstanden ist. Derzeit übersetze ich Werke des niederländischen Autors Toon Tellegen. Seine Bücher sind philosophische Betrachtungen des Innenlebens der Menschen, dargestellt anhand von tierischen Figuren. Ich habe schon immer viel Literatur gelesen, aber durch die häufigen Begegnungen mit Büchern hier im Forest of Wisdom fand ich den Mut, mich ans Übersetzen zu wagen. An der Übersetzung des ersten Buches hatte ich viel Freude, und seitdem übersetze ich regelmäßig Werke des gleichen Autors.
 
Ich fühle mich hier einfach wohl. Manchmal komme ich auch alleine am Wochenende und verbringe den ganzen Tag hier. Der Forest of Wisdom ist in drei Bereiche unterteilt. Die Bereiche 1 und 2 haben begrenzte Öffnungszeiten, aber der Bereich 3 ist rund um die Uhr geöffnet. Dadurch, dass die Räume zu allen Seiten offen sind, kann man hier den ganzen Tag verbringen, ohne dass einem zu eng wird. Man fühlt sich frei. Der Forest of Wisdom ist daher wie eine Ruhepause für mich!

Die Bücherregale sind ums Vielfache höher als im Foto zu sehen. Die Bücherregale sind ums Vielfache höher als im Foto zu sehen. | Foto: Minjee Kum


Der Forest of Wisdom (지혜의숲) ist ein Kulturkomplex in der südkoreanischen Stadt Paju nördlich von Seoul. Er wird von der Paju Bookcity Culture Foundation unterhalten. Die bis zu 6,5 Meter hohen Holzregale mit insgesamt 135.000 gespendeten Büchern erfüllen die Funktion einer öffentlichen Privatbibliothek, in die jeder kommen und lesen kann. Es gibt insgesamt drei Bereiche: Bereich 1 besteht aus gespendeten Büchern von Wissenschaftlern, Intellektuellen und Forschungsinstituten und deckt alle Bereiche von den Geisteswissenschaften, Geschichte und Philosophie bis zu den Naturwissenschaften und Kunst ab. Im Bereich 2 findet man von Verlagshäusern gespendete Bücher. Da die Bücher nach Verlagen sortiert sind, kann man hier auch einen guten Überblick über Vergangenheit und Gegenwart des koreanischen Verlagswesens kriegen. Bereich 3 ist gleichzeitig die Lobby des Hostels Jijihyang. Dieser Bereich ist 24 Stunden am Tag geöffnet und bietet von Verlagshäusern, Vertrieben, Museen und Galerien gespendete Bücher. Im Forest of Wisdom finden auch vielfältige Vortrags- und Kulturveranstaltungen statt, unter anderem geisteswissenschaftliche Vorlesungen, das Paju Booksori Festival und das Paju Children’s Book Festival.


Adriana Yoojung Jung (정유정) hat Niederländisch studiert und ist an der Niederländischen Botschaft in Seoul für Austausch und Kooperation zwischen Südkorea und den Niederlanden in den Bereichen Wirtschaft und Agrarkultur zuständig. Gleichzeitig übersetzt sie Bücher des niederländischen Autors Toon Tellegen, bislang Het wezen van de olifant, Een hart onder de riem und Goede reis. Damit bemüht sie sich um eine größere Bekanntheit niederländischer Literatur in Korea.