Info- und Servicezentrum der National Library for the Disabled in Seoul
“Gemeinsam Geschichte lernen macht Freude”

Ro Kyung Sup lernt gemeinsam mit einer Gebärdensprachdolmetscherin der National Library for the Disabled Geschichte.
Ro Kyung Sup lernt gemeinsam mit einer Gebärdensprachdolmetscherin der National Library for the Disabled Geschichte. | Foto: Minjee Kum

Ro Kyung Sup arbeitet im Seouler Jongno-Bezirk als Stadtführer und beschäftigt sich in letzter Zeit mit großer Begeisterung mit geschichtlichen Themen. Denn gemeinsam mit den Gebärdensprachdolmetschern der koreanischen National Library for the Disabled eröffnen sich ihm auch Geschichtsbücher, die früher zu schwer für ihn waren.
 

Ich arbeite in Jongno als Stadtführer mit Schwerpunkt auf die Paläste Gyeongbokgung, Changdeokgung, Changgyeonggung, den Jongmyo-Schrein und das Bukchon Hanok Village mit seinen traditionellen koreanischen Häusern. Das Informations- und Servicezentrum in der National Library for the Disabled (NLD) besuchte ich das erste Mal auf Vorschlag der Hörberhindertenvereinigung des Seouler Yongsan-Bezirks. Das gute Angebot an Bildungsprogrammen und Ausstattung überraschte mich. Ich war so begeistert, dass ich seitdem regelmäßig herkomme, obwohl die Bibliothek eineinhalb Stunden von meinem Zuhause entfernt ist. Seit 2011 bin ich Bibliotheksmitglied, acht Jahre nutze ich die Bibliothek also schon.

Das Informations- und Servicezentrum der NLD Das Informations- und Servicezentrum der NLD | Foto: Minjee Kum Ich interessiere mich sehr für Geschichte. Ursprünglich machte mir Lesen nicht viel Spaß, aber je älter ich werde, desto mehr Freude finde ich an Geschichtsbüchern. Eines Tages stieß ich dann auf das Ausbildungsprogramm des Jongno-Bezirks für Stadtführer und meldete mich an. Seit 2014 bin ich nun offiziell Stadtführer. Nichtbehinderte lernen in der Schule Geschichte, aber ich habe nur das, was ich in Büchern gelesen und in der Ausbildung zum Stadtführer gelernt habe. Deswegen bilde ich mich auch nach Beendigung der Ausbildung in meiner Freizeit fort. Ich möchte den Teilnehmern meiner Führungen interessante historische Fakten erklären können: Welcher König und welche Königin an einem Ort lebten, wie sie gewirkt haben, oder auch warum bestimmte Steine in Palästen eine bestimmte Form haben.
 
Ich gebe vor allem Führungen für Hörbehinderte. Ohne eine Erläuterung zum historischen und kulturellen Kontext finden Hörbehinderte oft schwer Zugang zu Palästen oder anderen Orten. Sie schauen sich dann nur einmal beiläufig um und gehen wieder. Ich gehe daher oft auch direkt auf Besucher mit Hörbehinderungen zu und erkläre ihnen in Gebärdensprache mehr über den jeweiligen Ort. Das ist über Mundpropaganda bekannt geworden, und jetzt melden sich auch manchmal Menschen direkt bei mir.

Ro Kyung Sup vor den „Annalen der Joseon-Dynastie", zu denen er gerne Sekundärliteratur liest. Ro Kyung Sup vor den „Annalen der Joseon-Dynastie", zu denen er gerne Sekundärliteratur liest. | Foto: Minjee Kum
Ich lese hier vor allem Bücher wie die Annalen der Joseon-Dynastie des Geschichtsdozenten Seol Min-seok, gemeinsam mit einer Gebärdensprachendolmetscherin. Man kann hier nach Anmeldung entweder vormittags oder nachmittags für jeweils zwei Stunden gemeinsam mit einer Gebärdensprachdolmetscherin im Einzelunterricht ein Buch seiner Wahl lesen. Deswegen komme ich rund vier Mal in der Woche hierher. Wenn ich früher zuhause alleine Geschichtsbücher gelesen habe, hatte ich oft Mühe sie zu verstehen und es kamen zu viele Fragen auf. Die Dolmetscherin der NLD erklärt mir schwierige Wörter und Textstellen, was sehr hilfreich ist. Außerdem gibt es hier auch Dolmetscher für Schwerhörige. Mit einer von ihnen lese ich Nachrichten, die wir aus einem Internetportal ausdrucken.
 
Einmal habe ich ein Buch über das Leben von Menschen mit Behinderungen in der Joseon-Ära (1392-1910) gelesen. Ich dachte immer, dass ich noch viel mehr Diskriminierung erlitten hätte, wenn ich mit meiner Behinderung in der Joseon-Ära geboren worden wäre. Doch durch das Buch habe ich erfahren, dass König Yeongjo (1694-1776) sich sehr darum bemühte, Menschen mit Hörbehinderungen zu helfen. Historische Quellen berichten, dass er schriftlich mit ihnen kommunizierte, wenn es mit der Lautsprache nicht funktionierte. Das hat mich sehr überrascht und meine Begeisterung für Geschichte nur noch größer werden lassen. Wenn ich das anderen Hörbehinderten erzähle, sind sie immer ganz erstaunt. Ich hoffe, dass sie sich dank solcher Erzählungen dann auch mehr für Geschichte interessieren.
 
Das Informations- und Servicezentrum der NLD steht jedem offen, der eine Behinderung hat. Zum Vorlesen gibt es Vorlesekabinen, zum Ansehen von audiovisuellem Material Filmkabinen, die man alleine nutzen kann. Mir gefällt vor allem, dass ich in den Filmkabinen ganz für mich Filme und Videos schauen kann. Ich mag vor allem Dokumentarfilme und schaue hier oft Dokumentationen über Tiere, die Alltaggeschichte der Joseon-Ära oder Reisen in ferne Länder. Tatsächlich gebe ich manchmal Pfeiftöne von mir, ohne dass ich es merke. In normalen Lesesälen bin ich daher immer etwas nervös, dass mir das passiert. Aber die Filmkabinen sind lärmisoliert, hier kann ich mich daher entspannen. Deswegen nutze ich sie gerne, um Filme zu schauen oder auch einfach nur alleine an meinem Notebook zu arbeiten.

In den Filmkabinen des Info- und Servicezentrums der NLD kann Ro Kyung Sup ungestört Filme und Dokumentationen anschauen. In den Filmkabinen des Info- und Servicezentrums der NLD kann Ro Kyung Sup ungestört Filme und Dokumentationen anschauen. | Foto: Minjee Kum Das Leseprogramm für Menschen mit Hörbehinderungen und die Literaturausflüge haben mir auch gut gefallen. An dem Leseprogramm („Mit Händen und Büchern die Welt entdecken“) nehmen rund 15 hörbehinderte Teilnehmer teil, schauen sich gemeinsam Videobücher in Gebärdensprache an und beschäftigen sich mit leicht zu verwechselnden Ausdrücken, die darin vorkommen. Die Literaturausflüge führten uns zusammen mit seh- und körperbehinderten Menschen zu Gedenkstätten für die Autorin Park Kyung-ni und den Dichter Gi Hyeong-do. Die Führungen dort wurden dann von Gebärdensprachdolmetschern gedolmetscht, sodass die Besuche für uns sehr interessant waren.
 
Anders als nichtbehinderte Menschen lernen taube Menschen die Welt zunächst innerhalb ihrer eigenen Kultur kennen. Als ich dann das erste Mal auf die Welt der Nichtbehinderten stieß, hatte ich Angst. Sie war so anders als unsere Kultur und es gab so viel, das ich nicht kannte; Ich war mir nicht sicher, ob ich mich zurechtfinden würde. Doch dank der Mitarbeiter hier in der Bibliothek bin ich etwas sicherer im Umgang mit nichtbehinderten Menschen geworden. Und ich möchte das, was ich hier gelernt habe, mit anderen teilen, die es schwerer haben als ich. Ich hoffe, in Zukunft anderen Hörbehinderten mit Hilfe des Gebärdensprachdolmetschens eine neue Welt zu eröffnen. Das würde mich sehr glücklich machen.

Das Informations- und Servicezentrum der NLD befindet sich innerhalb der National Library of Korea. Das Informations- und Servicezentrum der NLD befindet sich innerhalb der National Library of Korea. | Foto: Minjee Kum


Die südkoreanische National Library for the Disabled (NLD, 국립장애인도서관) wurde 2012 gegründet. Sie hat die Chancengleichheit zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen zum Ziel und bemüht sich um den Abbau der Barrieren beim Zugang zum und der Nutzung von Wissen. Sie unterstützt Menschen mit Behinderungen auf vielfältige Art und Weise und unterhält im Erdgeschoss der National Library of Korea ein Informations- und Servicezentrum für Menschen mit Behinderungen (장애인정보누리터). Hier finden Menschen mit Seh-, Hör- und körperlichen Behinderungen individuelle Dienstleistungen. Es gibt Vorlese- und Filmkabinen, Computer für die Informationsrecherche, Seminarräume sowie vielfältige Lesehilfsmittel wie Bildschirmlesegeräte für Sehbehinderte, Braillezeilen, Bildschirmleseprogramme und Bildschirmvergrößerungssoftware.
 
Ro Kyung Sup hat Sozialarbeit studiert und arbeitet seit 2014 im Seouler Stadbezirk Jongno als Stadtführer.