Der Makerspace der Gwangjin Public Digital Library in Seoul „Ein verlässlicher Partner für mein zweites Leben“

Kim Eun Jung mit ihrem tanzenden Roboter, den sie im Makerspace „Fab Library“ selbst produziert hat.
Kim Eun Jung mit ihrem tanzenden Roboter, den sie im Makerspace „Fab Library“ selbst produziert hat. | Foto: Minjee Kum

Wie wäre es, wenn man in Bibliotheken nicht nur lesen und lernen, sondern das Gelernte auch gleich eigenhändig anwenden könnte? Die Programmierlehrerin Kim Eun Jung hat sich dank der 3-D-Drucker und anderer Geräte des Makerspaces „Fab Library“ in der Seouler Gwangjin Public Digital Library zu einer kreativen Makerin entwickelt.

Nach meiner Heirat habe ich unsere zwei Töchter groß gezogen und war 15 Jahre in Vollzeit Hausfrau. Als dann 2017 unsere jüngste Tochter neun Jahre alt war, fand ich, dass ich wieder arbeiten könnte. Ich habe zunächst alles Mögliche ausprobiert. Dann bin ich beim Zentrum des koreanischen Frauenministeriums für den beruflichen Wiedereinstieg von Frauen auf ein Ausbildungsprogramm für Programmierlehrerinnen gestoßen. Es richtete sich speziell an Frauen, die länger nicht mehr gearbeitet hatten. Da ich Computerwissenschaften studiert hatte, dachte ich, das wäre vielleicht etwas für mich, und habe mich angemeldet. Es hat viel Spaß gemacht, und daher habe ich mich auch nach der Ausbildung weiter fortgebildet. Je mehr ich lernte, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, dass Kinder im Zeitalter der 4. industriellen Revolution programmieren lernen müssen. Deswegen beginne ich derzeit mein zweites Leben als Programmierlehrerin.

Der Makerspace der Gwangjin Public Digital Library, die „Fab Library“ Der Makerspace der Gwangjin Public Digital Library, die „Fab Library“ | Foto: Minjee Kum Vor zwei Jahren sind wir in den Gwangjin-Bezirk gezogen, und da bin ich auf die Gwangjin Public Digital Library gestoßen. Zunächst kam ich nur am Wochenende her, um Bücher für meine Kinder auszuleihen oder mal eine DVD anzuschauen. Als ich mit dem Programmieren anfing, habe ich dann vielleicht auch mal ein Buch zum Programmieren ausgeliehen, das ich dann zu Hause gelesen habe, mehr nicht. Doch dann wurde im Dezember 2018 die „Fab Library“ eröffnet, wie die Gwangjin Digital Public Library ihren Makerspace nennt. Seitdem komme ich mindestens zwei Mal in der Woche.
 
Die 3-D-Drucker und das Laserschneidegerät der Fab Library kann jeder nutzen, der eine Einführung in die sichere Nutzung der Geräte erhalten hat. Ich habe am zweiten Einführungstermin teilgenommen, meine ältere Tochter hat beim dritten Termin mitgemacht. Meine jüngere Tochter würde den Makerspace auch gerne nutzen, hat aber noch keinen Termin für die Einführung bekommen können und darf daher an die 3-D-Drucker noch nicht ran. Die Plätze bei den Einführungsterminen sind heiß umkämpft.

Nach der Absolvierung einer Einführung in die sichere Nutzung der Geräte kann man die 3-D-Drucker und Laserschneidegeräte der Fab Library frei nutzen. Nach der Absolvierung einer Einführung in die sichere Nutzung der Geräte kann man die 3-D-Drucker und Laserschneidegeräte der Fab Library frei nutzen. | Foto: Minjee Kum Meine ältere Tochter ist in der Pubertät, daher ist unser Verhältnis seit einiger Zeit eher distanziert. Doch als ich ihr vorschlug, die Einführung im Makerspace zu machen, hat sie sofort zugestimmt. Normalerweise fällt es ihr morgens schwer aus dem Bett zu kommen, aber wenn es hierher geht, kommt sie problemlos mit. Sie druckt gerne ihre eigenen Entwürfe am 3-D-Printer aus und schenkt die Ergebnisse ihren Freunden. Die finden das dann auch so spannend, dass sie gerne hierher kommen wollen. Offensichtlich hat meine Tochter erkannt, dass sie von ihrer Mutter noch etwas lernen kann. Sie hört plötzlich besser auf mich und wir haben wieder mehr Gemeinsamkeiten!
 
Diese Stimmungsleuchte habe ich zu Weinachten selbst gemacht. Wenn jemand vorbeigeht, nimmt ein Sensor dies war, schaltet automatisch das Licht an und spielt Weihnachtslieder. Der Holzschnitt war Open Source, ich habe ihn dann noch etwas angepasst. Den Holzrahmen habe ich selbst entworfen, mit einem Laserschneidegerät aus einem Holzbrett ausgeschnitten und dann zusammengebaut.
 
Das Innere der von Kim Eun Jung hergestellten Weihnachtsstimmungsleuchte Das Innere der von Kim Eun Jung hergestellten Weihnachtsstimmungsleuchte | Foto: Minjee Kum Zuhause habe ich auch viele gescheiterte Versuche. Diese Dinge gelingen selten beim ersten Versuch. Wenn man einen Fehler bei den Einstellungen macht, wird das Holzbrett nicht ganz durchgeschnitten oder die Form ist verkehrt. Ich habe auch verschiedene Versionen produziert, mit unterschiedlichen Liedern. Ich bin beim Programmieren noch nicht ganz flüssig, gelegentlich kommt überhaupt nicht das raus, was ich möchte. Deswegen produziere ich immer weiter und lerne dabei dazu.
 
Mein jüngstes Werk ist ein tanzender Roboter. Auch ihn gibt es als Open Source. Jemand hatte ihn so programmiert, dass er wie Michael Jackson tanzte, aber das war zu lang und etwas langweilig. Also habe ich es einmal so eingestellt, dass er seine Beingelenke in eckigen Bewegungen abknickte, und das gefiel vielen. Das ist wie ein kleiner Computer: im Inneren befinden sich Stromkreise, Kabel, Sensoren, ein Motor, Batterien… alles ist da. Deswegen kann man mit so einem kleinen Ding schon viel machen. Er kann sich auf Berührung bewegen, oder man kann es so einstellen, dass man ihn mit dem Handy steuern kann. Wenn ich sehe, was andere so machen, möchte ich immer mehr ausprobieren.

Kim Eun Jung probiert ein selbst hergestelltes Feinstaubmessgerät aus. Kim Eun Jung probiert ein selbst hergestelltes Feinstaubmessgerät aus. | Foto: Minjee Kum Im Februar 2019 habe ich hier auch an einer sogenannten „Hangout Time“ teilgenommen, was mir gut gefallen hat. Da kommen die Maker zusammen und sprechen gemeinsam über ihre Kreationen. Ich habe ein mit Arduino produziertes Feinstaubmessgerät und die Stimmungsleuchte vorgestellt, meine jüngere Tochter hat eine Stimmungsleuchte mitgebracht, die man mit dem Handy ein- und ausschalten kann. Ich habe den Teilnehmern genau erklärt, wie ich meine Werke hergestellt habe. Mein Mann und meine Tochter meinten später, dass sie es toll fanden, mich so zu sehen. Das hat mich sehr gefreut.
 
Ab März 2019 werde ich offiziell bei einer Grundschule in der Nähe Programmieren als Wahlfach unterrichten. Aber ich möchte trotzdem so oft wie möglich hierher kommen. Zu Hause kann ich mich schlecht auf die Arbeit konzentrieren, und dann komme ich gerne in die Bibliothek. Ich mag die großen Fenster mit Blick über den Han-Fluss, und hier kann ich die 3-D-Drucker und andere Geräte nach Belieben nutzen. Und da ich gerne programmiere, möchte ich hier konstant weiterproduzieren und eine Makerin werden, die ihre vielen Ideen Realität werden lassen kann. Die Fab Library ist damit für mich ein verlässlicher Partner für mein zweites Leben.

In der Gwangjin Public Digital Library kann man auch Fachliteratur für Programmierer und Maker ausleihen. In der Gwangjin Public Digital Library kann man auch Fachliteratur für Programmierer und Maker ausleihen. | Foto: Minjee Kum

Die Gwangjin Public Digital Library wurde 2000 eröffnet und als erste Bibliothek Koreas drei Mal mit dem Preis des südkoreanischen Präsidenten für herausragende Bibliotheken ausgezeichnet (2011, 2014, 2018). 2013 richtete sie als erste Bibliothek Südkoreas einen Makerspace ein und bietet seitdem Kurse für Maker, z.B. zu 3-D-Modelling oder Arduino an, sowie kreative Kurse zu Webtoons, Film und vielem mehr an. 2018 wurde die Bibliothek vom südkoreanischen Ministerium für Kleine, Mittelständische und Venture-Unternehmen für ihr Förderprogramm zum Aufbau und Unterhalt von Makerspaces ausgewählt und hat nun die „Fab Library“ eingerichtet, in der die Maker eigenständig Geräte wie 3-D-Drucker nutzen und schöpferisch und kooperativ tätig sein können.
 
Kim Eun Jung hat Informationstechnologie studiert. Nach der Heirat war sie zunächst Hausfrau, bildet sich aber seit zwei Jahren im Programmieren fort und unterrichtet seit März 2019 Schüler im Programmieren.