Jeongeup Miracle Library
„Hier konnten meine Träume wachsen“

Kim Hae Ran hat in der Miracle Library in Jeongeup die Freude am Märchenerzählen und Puppenspiel entdeckt.
Kim Hae Ran hat in der Miracle Library in Jeongeup die Freude am Märchenerzählen und Puppenspiel entdeckt. | Foto: Minjee Kum

Kim Hae Ran hat in der Miracle Library in Jeongeup ihre verloren geglaubten Träume und ihr Selbstbewusstsein wiedergefunden – dank einer Ausbildung zur Märchenerzählerin.

Nach der Geburt meines zweiten Kindes im Jahr 2008 hörte ich von der Eröffnung einer Miracle Library in der Nähe und nahm an der Eröffnungsfeier teil. Jeongeup ist eine kleine Stadt. Es gab keinen Ort, an den man mit Kindern gut hingehen konnte, und ich fahre kein Auto. Vor dem Hintergrund war es für mich ein großes Glück, dass es nun in fußläufiger Entfernung einen Ort gab, an dem Kinder nach Herzenslust spielen konnten. Auch das Design der Bibliothek hat mir gut gefallen, es ist familiär und doch außergewöhnlich. Die Bibliothek wirkt nicht wie ein Ort zum Bücherlesen, sondern vielmehr wie ein Spielplatz.
 
Mit Menschen ist es ja auch so: nur wenn man sich mit ihnen wohlfühlt, will man sie oft treffen. In dieser Bibliothek fühlt man sich wirklich wohl. Das ist den Räumen zu verdanken, aber auch den Mitarbeitern, die einen immer freudig begrüßen und auch Verständnis zeigen, wenn die Kinder mal was tun, was sie nicht tun sollten. So kann man auch mit ganz kleinen Kindern entspannt die Bücher anschauen, und da sich die Kinder wohlfühlen, können sich auch die Mütter entspannen. Es gab Zeiten, in denen die Bücherei mein erweitertes Wohnzimmer war, ich kam fast täglich her.

Im Obergeschoss der Jeongeup Miracle Library können die Kinder nach Herzenslust spielen und Bücher anschauen. Im Obergeschoss der Jeongeup Miracle Library können die Kinder nach Herzenslust spielen und Bücher anschauen. | Foto: Minjee Kum In der Bibliothek gibt es viele ungewöhnlich gestaltete Räume. Der Raum „Inseldorf“ gleicht einer Höhle. Es hallt darin stark, daher ist er bei den Kindern sehr beliebt. Im 1. Stock gibt es kleine Räume direkt unterm Dach, die aus Holz sind. Ich mag das „Regenbogenzimmer“ am liebsten. Dort gibt es blinkende Regenbögen und einen schönen und versteckten Raum dahinter. Wenn ich in Ruhe lesen möchte oder mal ganz gemütlich fläzen will, ziehe ich mich dorthin zurück und verbringe Zeit für mich.

Der Raum „Inseldorf“ in der Jeongeup Miracle Library. Die Bibliothek hat viele Räume wie den im Foto, in die man sich zum Lesen zurückziehen kann. Der Raum „Inseldorf“ in der Jeongeup Miracle Library. Die Bibliothek hat viele Räume wie den im Foto, in die man sich zum Lesen zurückziehen kann. | Foto: Minjee Kum 2009 wurde in der Bibliothek ein Kurs zur Zertifizierung als Märchenerzählerin angeboten. Ich habe schon als Kind immer gerne Geschichten erzählt und war gerade auch am Nachdenken, was ich für mein Kind noch tun könnte, also habe ich mich für den Kurs angemeldet. Als ich mich gut machte, hat mir die Kursleitung empfohlen, doch einmal an einem Wettbewerb teilzunehmen. Das war dann der Bandal-Märchenerzählwettbewerb in Daejeon, und ich habe bei 52 Teilnehmern auf Anhieb den 2. Platz gemacht. Ich hatte meine Karriere aufgegeben, um zu Hause meine ersten beiden Kinder zu erziehen, und war damals gerade auf der Suche nach einer Perspektive. Diese unerwartete Auszeichnung verlieh mir Selbstbewusstsein, und auch meine Umgebung betrachtete mich mit anderen Augen. Seitdem gehe ich als Märchenerzählerin in Bibliotheken, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen oder Schulen, alles auf freiwilliger Basis. Nach einer Weile kamen immer mehr Anfragen.

Im Alltag ist Kim Hae Ran eher schüchtern, doch wenn sie Märchen erzählt, gibt es kein Zurückhalten. Im Alltag ist Kim Hae Ran eher schüchtern, doch wenn sie Märchen erzählt, gibt es kein Zurückhalten. | Foto: Minjee Kum Ein Jahr später habe ich dann gemeinsam mit den anderen Teilnehmern vom Märchenerzählkurs in der Bücherei das Puppenspiel erlernt. Gemeinsam gründeten wir dann die Puppenspieltruppe „Schnecke“ – inspiriert von der Schnecke auf dem Dach der Bibliothek, die aus Stahldraht ist und in der Nacht in Regenbogenfarben erleuchtet. Wir möchten wie Schnecken langsam und vorsichtig, aber kontinuierlich auf Kinder zugehen, und führen in Schulen und Bibliotheken Puppenspiele zu vielen verschiedenen Themen wie Gewalt an Schulen oder Respekt vor den Eltern auf. Dieses Jahr kann ich aus persönlichen Gründen nicht teilnehmen, aber normalerweise habe ich jedes Jahr zum Jahresende in der Bibliothek freiwillig Puppenspiele aufgeführt.
 
In der Bibliothek gibt es außerdem das sogenannte „Book Start Program“, bei dem Kinder von 10 bis 35 Monaten Bücher vorgelesen bekommen. Auch dort habe ich mich vier Jahre lang als Freiwillige engagiert. Als das Programm zum ersten Mal durchgeführt wurde, war ich mit meinem dritten Kind dabei und empfand es als sehr hilfreich. Und auch sonst gibt es hier viele Programme, die mir mit meinen Kindern geholfen haben, wie Bibliotheks- oder Geschichtsunterricht für Kinder und verschiedene Camps. Viele Mütter in der Umgebung schicken ihre Kinder in den Ferien einfach in die Bibliothek.

Kim Hae Ran liest in der Jeongeup Miracle Library auch Kindern Bücher vor. Kim Hae Ran liest in der Jeongeup Miracle Library auch Kindern Bücher vor. | Foto: Minjee Kum Die Jeongeup Miracle Library hat mir einen völligen Neustart im Leben ermöglicht. Besonders schön ist, dass ich etwas gefunden habe, in dem ich gut bin. Für mein Märchenerzählen und mein Puppenspiel bekomme ich viel Lob, und das hat mir Selbstvertrauen verliehen. Ich bin Menschen begegnet, die sich mit Freude auf das konzentrieren, was ich erzähle, und voller Spannung auf mich warten. Das motiviert mich, mich immer weiterzubilden. Daher ist die Jeongeup Miracle Library für mich ein Ort, an dem meine Träume wachsen könnten – und auch heute immer noch weiterwachsen.

Auf dem Dach der Jeongeup Miracle Library lebt eine Schnecke. Auf dem Dach der Jeongeup Miracle Library lebt eine Schnecke. | Foto: Minjee Kum


Die Jeongeup Miracle Library (정읍기적의도서관) ist die zehnte der sogenannten „Miracle Libraries“, die von der Book Culture Foundation in Kooperation mit Kommunen und dem Programm „Ausrufezeichen“ des Fernsehsenders MBC in Südkorea eingerichtet wurden. Die Kinderbücherei wurde mit den Motiven der Schnecke und des Regenbogens gestaltet und regt die Phantasie und Kreativität der Kinder an. Das zweistöckige Gebäude hat zahlreiche kindgerecht gestaltete Räume. Alle Räume und Möbel, von den Bücherregalen über Tische und Stühle bis hin zu den Toiletten sind auf die Körpergröße und das Verhalten von Kindern angepasst worden. Der Bestand umfasst rund 60.000 Bücher, und die Bibliothek bietet vielfältige Lese- und Kulturprogramme für Kinder an.
 
Kim Hae Ran ist zertifizierte Märchenerzählerin, Leseerzieherin und Anleiterin für spielerisches Lesen und hat an der Universität Pädagogik des Jugendalters studiert. 2009 begann sie als Märchenerzählerin und tritt seitdem unter dem Namen „Frau Sonnenblume“ in Schulen, Bibliotheken und sozialen Einrichtungen vor Kindern und Erwachsenen auf.