Das Gusan-dong Library Village in Seoul
„Wie ein guter Freund“

Der Poesieliebhaber Lee Hoyong neben einem Porträt des koreanischen Dichters Kim Sowol.
Der Poesieliebhaber Lee Hoyong neben einem Porträt des koreanischen Dichters Kim Sowol. | Foto: Minjee Kum

Lee Hoyong gilt als die gute Seele des Gusan-dong Library Village. Ein Zeichen dafür, wieviel Zeit er dort verbringt und wieviel er sich dort engagiert. Er nutzt nicht nur die Bücher und Filme der Bibliothek, sondern macht auch bei mehreren Clubs mit. In ihnen pflegt er mit anderen Bewohnern des Stadtteils den Gemeinschaftsgeist. 

2015 bin ich in den Stadtteil Gusan-dong gezogen und bin dort auf das Gusan-dong Library Village gestoßen, eine öffentliche Bibliothek des Bezirks. Die Räume haben mich sehr angesprochen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren ausgesprochen freundlich, also bin ich immer wieder gekommen. Normalerweise bin ich zwei bis drei Mal in der Woche hier. Auf jeden Fall jeden Donnerstag: am ersten und dritten Donnerstag im Monat ist der Poesie-Lesekreis, am zweiten und vierten Donnerstag im Monat ist ein Lesekreis, in dem wir Romanvorlagen von Filmen lesen. Oder ich komme, um Bücher auszuleihen oder Filme zu sehen. Und manchmal sind hier Bürgerversammlungen oder ich treffe mich mit meinen Nachbarn in der Bibliothek.
 
Für das Gusan-dong Library Village wurden mehrere Mehrfamilienhäuser zusammengeschlossen. Vielleicht ist das der Grund, dass sich die Bibliothek so wohnlich anfühlt. Die Räume sind nicht streng nach Zweck aufgeteilt, sondern entlang der Flure ganz durchmischt angeordnet. Es ist daher, als ob man sich zu Haue im Flur ein Buch aussucht und dann zum Lesen in sein Zimmer geht.  Von den Leseplätzen aus hat man einen Blick auf die Regale und kann sich jederzeit ein Buch raussuchen. Wenn man sich in Ruhe konzentrieren möchte, kann man auch in einen der kleinen Rückzugsräume zwischen den Regalen gehen.

Im Gusan-dong Library Village sind die Regale entlang der Flure aufgestellt, darum herum finden sich vielfältig gestaltete Räume. Im Gusan-dong Library Village sind die Regale entlang der Flure aufgestellt, darum herum finden sich vielfältig gestaltete Räume. | Foto: Minjee Kum Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind unglaublich freundlich und hilfsbereit. Das liegt vor allem daran, dass unter ihnen viele sind, die sich früher im Stadtteil engagiert haben. Das Gusan-dong Library Village wurde dank einer Unterschriftenaktion von Frauen eingerichtet, die sich in kleinen Bibliotheken, Kooperativen oder Stadtteilinitiativen engagierten. Einige der Initiatorinnen der Unterschriftenaktion haben sich dann zu Bibliothekarinnen ausbilden lassen und arbeiten jetzt hier. Das sind Frauen, die durch ihr langjähriges Engagement in der Nachbarschaft geübt sind im Umgang mit Menschen. Sie engagieren sich viel in den verschiedenen Clubs der Bibliothek und gehen auch von sich aus auf die Nutzer zu. Ich fühle mich immer sehr willkommen, wenn ich in die Bibliothek komme.

Beim Bau des Gusan-dong Library Village wurden mehrere Wohngebäude nicht abgerissen, sondern zu einem architektonisch faszinierenden Gebäude zusammengeschlossen. Beim Bau des Gusan-dong Library Village wurden mehrere Wohngebäude nicht abgerissen, sondern zu einem architektonisch faszinierenden Gebäude zusammengeschlossen. | Foto: Minjee Kum Mein koreanischer Spitzname ist „Baeksu von der Bibliothek“. Er bezieht sich darauf, wie viele verschiedene Dinge ich hier in der Bibliothek mache. Ich mache nicht nur in den Clubs mit, sondern leihe Bücher aus, nehme an Computerkursen im Medienraum teil, lese Zeitungen oder schaue Filme, bin für Bürgerversammlungen anwesend oder schaue mir eine Ausstellung an, und wenn es gute Vorträge gibt, bin ich auch dafür da. In der Bibliothek verfliegt ein Tag im Nu.

Lee Hoyong verbringt im Gusan-dong Library Village viel Zeit mit verschiedenen Aktivitäten. Lee Hoyong verbringt im Gusan-dong Library Village viel Zeit mit verschiedenen Aktivitäten. | Foto: Minjee Kum Ich treffe gerne andere Menschen. Durch die Clubs in der Bibliothek habe ich viele neue Bekannte kennengelernt. Es gibt im Gusan-dong Library Village insgesamt 34 Clubs, viele sind Mitglied von drei bis vier verschiedenen Gruppen. Ich lese mit anderen Poesie und Romanvorlagen von Filmen. Wenn man wie ich in mehreren Clubs aktiv ist, lernt man nach und nach immer mehr Menschen aus der Nachbarschaft kennen.
 
Ab diesem Jahr wollen sich alle drei Monate die Vertreter der verschiedenen Clubs treffen und sich gegenseitig über ihre Aktivitäten informieren, und es werden auch mehr interdisziplinäre Clubveranstaltungen organisiert. Dabei werden Themen gesucht, die für zwei Clubs interessant sind, und dann entsprechende Aktivitäten geplant. Zum Beispiel können sich der Thrillerlesekreis und der Lesekreis für Romanvorlagen von Filmen zusammentun und gemeinsam einen Film schauen, der auf einem Thrillerroman basiert. Anschließend diskutieren sie darüber. Oder der Poesieclub und der Leseclub tun sich zusammen, lesen eine Gedichtesammlung und versuchen sich an Rezitationen. Manchmal wird dadurch auch das Interesse an einem anderen Club geweckt und man macht auch dort mit. So gibt es Leute, die bei bis zu fünf Clubs Mitglied sind. Jeden November gibt es ein Fest für alle Clubs. Ich erwarte, dass die stärkere Vernetzung der Clubs und die interdisziplinären Aktivitäten das Fest noch mehr beleben werden, ich freue mich schon jetzt darauf.

Die Mitglieder des Filmlesekreises beim Seoul Book Festival im September 2018 Die Mitglieder des Filmlesekreises beim Seoul Book Festival im September 2018 | Foto: Moon Seon-mi Mein Spitzname ist wie gesagt „Baeksu von der Bibliothek“. Der Begriff „Baeksu“ kann auf Koreanisch verschiedene Bedeutungen haben, je nachdem, welche chinesischen Schriftzeichen zu Grunde liegen. Er kann bedeuten, dass ich in der Bibliothek hundert verschiedene Dinge tue (百手), oder er kann bedeuten, dass ich gerne Dinge tue, die nichts mit Arbeiten zu tun haben (白手). Ich habe vor, einen Club für alle „Baeksus“ in der Bibliothek ins Leben zu rufen, also für all diejenigen, die Mitglied in mehr als drei Clubs sind. Ich habe gehört, dass in Dänemark viele Menschen Mitglied von mehr als fünf Kooperativen oder Vereinen sind und dies zu dem hohen Glücksindex des gesamten Landes beiträgt. Das hat mich zu der Idee inspiriert.
 
Ich bin aus verschiedenen Gründen in meinem Leben viel umgezogen und habe mich immer als Zugezogener gefühlt, egal wo ich war. Aber jetzt fühle ich mich wie ein vollwertiger Bürger dieses Stadtteils. Gusan-dong ist mein Zuhause. Im Gusan-dong Library Village habe ich viele Nachbarn kennengelernt, was mein Interesse für lokales Engagement geweckt hat, und nun arbeite ich bei einer Stadtteilinitiative.
 
Die Bibliothek ist daher für mich wie eine gute Freundin. Sie freut sich immer, mich zu sehen; wenn ich müde bin, kann ich dort verweilen; und gelegentlich tröstet sie mich auch. Die Bibliothek ist mein Wohnzimmer, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meine Freunde, die anderen Bibliotheksnutzerinnen und –nutzer meine Nachbarn. Und das alles habe ich meinem guten Freund, dem Gusan-dong Library Village zu verdanken.

Aufgrund seiner außergewöhnlichen Architektur hat das Gusan-dong Library Village bereits mehrere Preise gewonnen. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Architektur hat das Gusan-dong Library Village bereits mehrere Preise gewonnen. | Foto: Minjee Kum

Das Gusan-dong Library Village (구산동도서관마을) wird als öffentliche Bibliothek vom Seouler Eunpyeong-Bezirk betrieben. Es wurde im November 2015 eröffnet. Das Gusan-dong Library Village wurde dank einer Unterschriftenaktion erbaut, die 2006 von Frauen, die sich in einer kleinen Bibliothek engagierten, initiert wurde und den Eunpyeong-Bezirk und die Stadt Seoul zur Bereitsstellung des Budgets für die Bibliothek bewegte. Für die Bibliothek wurden drei Mehrfamilien- und ein Einfamilienhaus zusammengeschlossen, anstatt abgerissen zu werden. Dafür erhielt die Bibliothek 2016 den 1. Preis bei den Seoul Architecture Awards und den Korea Public Architecture Awards. Das Gusan-dong Library Village zeichnet sich durch eine offene Raumplanung aus, in der die Flure und Magazine nicht getrennt sind. Der Betrieb der Bibliothek wurde an die „Gusan-dong Library Village Social Cooperative“ übertragen, eine Bürgerkooperative. Der Name Gusan-dong Library Village soll zum Ausdruck bringen, dass die Bibliothek sich als eine Dorfgemeinschaft versteht.
 
Lee Hoyong (이호영) arbeitet in einer Stadtteilinitiative im Eunpyeong-Bezirk, Tojonggol Sarangbang, und unterrichtet Lesen und Schreiben für Erwachsene an der Seoul Mothers‘ School.