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Koreaner in Berlin
„Für mich wurde die Mauer nach ihrem Fall noch dicker“

Han Jung-Hwa bei einer Veranstaltung des Korea Verbandes im März 2020 in Berlin
Han Jung-Hwa bei einer Veranstaltung des Korea Verbandes im März 2020 in Berlin. | Foto: Jonas Borchers

Han Jung-Hwa lebt seit über vierzig Jahren in Deutschland. 1987 kam sie zum Studium nach Berlin und erlebte, wie sich die Stadt nach der Wiedervereinigung veränderte. Heute ist sie froh, dass die Zeit der Teilung vorbei ist, doch kurz nach dem Mauerfall überwog zunächst die Unsicherheit.

Han Jung-Hwa, Leiterin des Korea Verbands in Berlin Han Jung-Hwa in Berlin. | Foto: Jonas Borchers Wie war Ihre erste Reise nach Berlin?

Ich kam 1978 mit sechzehn nach Deutschland. Meine Mutter arbeitete als Krankenschwester in Stuttgart. Erst 1986 besuchte ich Berlin. Es war schon Wahnsinn, als ich das erste Mal bei Hof auf der Transitstrecke in die DDR fuhr. Als koreanische Schülerin in Süddeutschland wurde ich immer gefragt: „Ist das kein Kulturschock von Südkorea in die BRD zu kommen?“ und wusste nie, was ich darauf antworten sollte. Die erste Fahrt durch die DDR war nun wirklich ein Kulturschock. All das Kommerzielle fehlte: die Werbung, der Kapitalismus, das Leuchtende. Da ist mir zum ersten Mal bewusst geworden wie sehr Südkorea und die Bundesrepublik amerikanisiert waren.

Damals hatte ich schon Herzklopfen, als würde ich etwas Verbotenes tun. Es wurde damals viel Angst gemacht. Es hieß, dass man als Koreaner entführt werden könnte, wenn man mit Menschen aus Nordkorea Kontakt hatte, denn die DDR war ja ein sozialistischer Bruderstaat. Es war also mit sehr viel Angst verbunden. An der Grenze hatte ich aber ein angenehmes Erlebnis. Der Grenzpolizist schaute in meinen Pass und sagte: „Aha, Südkorea.“ Sie haben dann keinen Stempel in den Pass gemacht, weil sie wussten, dass man als Südkoreaner damit Probleme bekommen kann. Deshalb haben Sie einen Extra-Zettel genommen, gestempelt, in den Pass gelegt, und nachher den Zettel wieder herausgenommen. Für mich als Koreanerin war Berlin also anfangs ein Abenteuer und Wagnis.

„Im Gegensatz zu Stuttgart gab es in Berlin zumindest Ansätze koreanischen Lebens.“

Trotzdem zogen Sie kurze Zeit später dorthin.

Ja, nachdem ich meine Zwischenprüfung in Tübingen abgelegt hatte, zog ich im Herbst 1987 nach Berlin. Diese Menschenmassen, diese Atmosphäre der Stadt – das war unglaublich schön und erinnerte mich an meine Heimatstadt Seoul. Meine Studienzeit dort begann mit einem großen Studentenstreik, der zwei Semester dauerte. Dabei habe ich auch politisch aktive Koreanerinnen kennengelernt und sehr viel Übersetzungsarbeit für Zeitungen wie „Demokratie in Korea“ gemacht. Die erste Geschichte hieß „Wie ich zu einem Spion wurde“. Für die Übersetzung der zwei Seiten brauchte ich Tage. Ich musste soviel heulen, weil die Geschichte so schrecklich war, wie der Protagonist gefoltert und zu einer Aussage gezwungen wurde. Diese Arbeit hat mich wirklich sehr politisch gemacht.

Im Gegensatz zu Stuttgart gab es in Berlin zumindest Ansätze koreanischen Lebens. Darunter war ein kleiner Imbiss in Moabit, der berühmt war für Naengmyon, die kalten Nudeln. Das war ein ganz kleiner Laden. Vorne im Eingangsbereich gab es Pommes und Würstchen für die lokale Kundschaft und im hinteren Trakt gab es vier Tische. Diese kalten Nudeln waren so lecker – das war wirklich das Highlight für mich in Berlin.

Wie erlebten Sie den Fall der Berliner Mauer?

Am 9. November lag ich krank im Bett und schaute mir alles im Fernsehen an. Am nächsten Tag roch ich in meiner Wohnung nahe der Wilmersdorfer Straße schon die Trabis, wie sie nach einem Parkplatz suchten. Es war von Anfang an ein zwiegespaltenes Gefühl. Persönlich hat man sich sehr für die Leute gefreut, die Verwandte und Freunde im Osten hatten. Viele meiner Freunde zogen in den Prenzlauer Berg und berichteten von der schönen Stimmung: zum Beispiel, wie Leute mit einer Weinflasche vorbeikamen und einfach an der Tür klopften. Es gab damals ja in Ostberlin noch nicht so viele Telefone. Das hat mich alles auch ein bisschen an das Korea der siebziger Jahre erinnert. Dort sind die Leute auch immer vorbeigekommen und man hat vor der Tür gewartet.

„In den ersten Jahren nach der Wende wollte ich nicht mehr in Deutschland sein.“

 

Trotzdem, kurz nach der Wende war es uns nicht recht. Man merkte, wie Berlin plötzlich als Standort interessant wurde. Früher war es ja so ruhig und plötzlich kam jeden Tag etwas Neues in der Zeitung. Das war mir vorher gar nicht so klar, wie sehr das einen stresst, immer auf dem Präsentierteller zu sein. Und dazu kam der zunehmende Rassismus. Nach den Brandanschlägen in Rostock 1992 und anderen Städten war es eine sehr harte Zeit für mich. Bei mir in der Nachbarschaft in Charlottenburg wohnten Republikaner, die hatten eine Fahne draußen und wenn ich aus dem Haus ging, sah ich auf den Boden aufgemalte Hakenkreuze. Als Asiatin bin ich oft negativ angemacht worden. In den ersten Jahren nach der Wende wollte ich nicht mehr in Deutschland sein. Ich hatte sehr viel Angst um meinen Sohn, der gerade begann, sich selbständig in der Stadt zu bewegen. Ich hatte Horrorvorstellungen, dass er am U-Bahngleis in den Schacht geschubst wird. Für mich wurde die Mauer nach ihrem Fall noch dicker.

Hat Ihnen die Wende damals Hoffnung für Ihr Heimatland Korea gegeben?

Han Jung-Hwa, Leiterin des Korea Verbands in Berlin Han Jung-Hwa in Berlin. | Foto: Jonas Borchers Als ich in den siebziger Jahren nach Deutschland kam war ich zunächst sehr überrascht, dass die Deutschen gar keine Wiedervereinigung wollten. Das war kein Thema, weder in der linken Szene, noch in der gesamten Gesellschaft. In Korea war das anders, dort wollten wir emotional immer die Wiedervereinigung. Damals ging ich davon aus, wer Koreanisch spricht, ist ein Volk. Daher dachte ich mir: Vielleicht ist das bei den Deutschen anders, schließlich spricht man auch in Österreich oder in der Schweiz Deutsch. Dann ist die DDR eben ein auch eigenes Land. Das hat bei mir ein bisschen gedauert, aber dann fand ich die Idee nicht schlecht. Mit der Wende wurde das plötzlich wieder gekippt: Auf einmal war man wieder ein gemeinsames Volk. Ich stehe dem Nationalistischen etwas skeptisch gegenüber. Letzten Endes finde ich aber gut, dass wir diese blöde Grenze nicht mehr haben, egal ob zur DDR oder anderswo hin. Die Integration der Europäischen Union folgte ja auf die Wende und endlich konnte zum Beispiel man einfach so nach Holland fahren.

Ich flog 1991 nach der Wiedervereinigung nach Seoul. Und ich fand das so faszinierend, denn es war zum Teil das gleiche Bild. Hier gab es ja viele Menschen aus Polen und den osteuropäischen Ländern, die nach Deutschland kamen. Sie verkauften an Straßenecken ein kleines Sortiment verschiedener Sachen für wenig Geld. Denn eine D-Mark war viel wert, wenn man in ihre Währung umrechnete. In Südkorea waren es die Koreanischstämmigen aus China, die ins Land kamen und ihre Spezialitäten auf dem Boden verbreiteten und für wenig Geld verkauften. Mit einer krakligen Handschrift stand der Preis auf einem Zettel. Für sie war es viel Geld, was sie damit verdienten. Ich fand das faszinierend. Erst dachte ich, Südkorea betrifft das gar nicht und dann war es das gleiche Bild. Die Perestroika ging an Südkorea auch nicht spurlos vorbei. Die Grenzen wurden durchlässiger.

„Ich dachte mir: In Deutschland werde ich viel mehr gebraucht.“

 

Haben Sie jemals überlegt, Deutschland wieder zu verlassen?

Das ist bei mir immer noch offen, aber ich habe mich sehr viel mit der Frage beschäftigt. 1996 war ich mit einem Forschungsstipendium wieder für ein halbes Jahr in Korea. Dort habe ich mich gefragt: sollte ich mich nicht besser fest entscheiden, in Deutschland zu bleiben? Nicht immer nur zu Gast, nicht immer nur so, als ob ich morgen zurück nach Korea gehen würde. Mir wurde klar: ich habe nicht in Korea studiert, so dass ich keinerlei Beziehungen zu Professoren oder Studienkolleginnen hatte, die mich hätten vermitteln können. Ich wusste nicht, was ich in Korea machen kann, ich hatte nirgends einen Platz und hatte auch keine Eltern oder Geschwister dort. Außerdem dachte ich mir: In Deutschland werde ich viel mehr gebraucht. Und das war das erste Mal wo ich mich entschieden habe oder wusste: ich will jetzt richtig in Deutschland ankommen und mich hier nützlich machen. Es hat fast zwanzig Jahre gedauert bis ich soweit war.

1995 bin ich mit meiner Familie nach Schöneberg gezogen, dort gibt es eine große Schwulenszene. So sicher habe ich mich als Frau noch nie gefühlt. Außerdem merke ich in dem Viertel gar nicht mehr, dass ich anders aussehe, weil diese Gegend wirklich sehr heterogen ist. Ich bin ja mit einem Berliner verheiratet und wenn wir in Korea sind, werden wir auch dort immer begutachtet, das ist auch nicht so angenehm. Hier spielt das überhaupt keine Rolle mehr. Heute denke ich mir: Die Welt ist näher gekommen, ich muss mich nicht entscheiden, wo ich leben will. Ich kann immer hin und her pendeln. Ich lebe zwar in Deutschland, aber bin nun oft in Korea. In letzter Zeit ziehen sehr viele junge Koreaner*innen nach Berlin hin, im Moment habe ich wieder ganz viel mit toughen Feministinnen aus Korea und anderswo zu tun. Das macht enorm Spaß und ich denke immer: Wow, es hat sich so viel verändert.
 
Han Jung-Hwa (*1962) ist in Seoul geboren und lebt seit 1978 in Deutschland. Sie leitet den Korea Verband und ist als Konferenzdolmetscherin und Übersetzerin tätig. Eines ihrer Hauptthemen ist das Schicksal der sogenannten „Trostfrauen“ im Zweiten Weltkrieg.

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