50 Jahre deutsch-koreanisches Anwerbeabkommen Das Deutsche Dorf in Namhae

Das Deutsche Dorf in Namhae
Das Deutsche Dorf in Namhae | © Foto: Goethe-Institut Korea / Aaron Choe

Sie kehrten aus Sehnsucht nach ihrer alten Heimat zurück. Doch das Korea, das sie einst verließen, existierte schon lange nicht mehr. Sie beschlossen, sich an einem Ort niederzulassen, der - wie sie inzwischen selbst - weder deutsch noch koreanisch war. Mit anderen Gleichgesinnten bauten sie 33 Häuser, und das Deutsche Dorf in Namhae war geboren.

Die Menschen, von denen hier die Rede ist, sind jene Koreaner und Koreanerinnen, die im Zeitraum zwischen 1966 und 1976 nach Deutschland gingen, um dort für ihr Vaterland, ihre Familien zuhause und für eine bessere Zukunft zu arbeiten. Als Gegenleistung zur Gewährung von Krediten für den Wirtschaftsaufbau entsandte Südkorea insgesamt 12.000 Krankenschwestern und 8.000 Bergarbeiter nach Westdeutschland. Die meisten von ihnen blieben dort und verbrachten mehr als die Hälfte ihres Lebens in Deutschland; ohne jedoch die Sehnsucht nach Korea je ganz abzustreifen.

Als 1999 die ersten der entsandten Koreaner ins Rentenalter kamen, stellten sie sich die Frage, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen sollten. Der damalige Vorsteher des Landkreises Namhae an der Südküste der koreanischen Halbinsel, Kim Du-kwan, konnte sich gut in die deutsch-koreanischen Pensionäre hineinversetzen, denn sein älterer Bruder war ebenfalls als Bergarbeiter nach Deutschland gegangen. So kam er auf die Idee, auf Namhae ein Dorf für die ehemaligen Krankenschwestern und Bergarbeiter zu bauen. Auf einer Rundreise durch Deutschland stellte er seine Pläne vor und erhielt durchweg positive Resonanz, obwohl sich viele beim Betrachten der Bilder des designierten Standortes, einem dicht bewaldeten Areal, kaum vorstellen konnten, wie dort ein Dorf entstehen könnte.

Im Jahr 2001 fasste der Kreis Namhae dann den offiziellen Beschluss, auf einer Fläche von 90.080 qm in der Gemeinde Samdeong das Deutsche Dorf zu errichten. Das Kreisamt übernahm die Verteilung der Grundstücke sowie den Ausbau der Infrastruktur mit Straßen, der Wasserversorgung und der Kanalisation. 53 Grundstücke wurden verkauft, und 2002 begann der Bau der ersten Häuser. Heute, gut zehn Jahre später, stehen in dem Dorf 33 Häuser, und vier weitere befinden sich im Bau. Einige der Gebäude wurden in Deutschland entworfen und mit Baumaterialien errichtet, die extra von dort importiert wurden. Aufgrund des besonderen Charakters des Dorfes ist die Abteilung für Kultur und Tourismus im Kreisamt Namhae für das Deutsche Dorf zuständig. Zu Beginn durfte sich dort nur niederlassen, wer mindestens 20 Jahre in Deutschland gelebt hatte und im Besitz einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung war, oder bereits die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Zehn Jahre später wurde diese Beschränkung jedoch aufgehoben. Heute kann jeder koreanische Staatsbürger Grundstücke in dem Dorf erwerben.

Das Deutsche Dorf und die Insel Namhae

Ein deutsches Haus auf Namhae Ein deutsches Haus auf Namhae | Foto: Goethe-Institut Korea / Aaron Choe Die Insel Namhae ist Koreanern vor allem als Exilort des Schriftstellers Kim Man-jung und Politikern aus der Joseon-Ära bekannt. Namhae war die zeitweilige Heimat von vielen verarmten Adligen, die beim König in Ungnade gefallen waren. Das raue Meer und das zerklüftete Gelände, das sich nur schlecht zum landwirtschaftlichen Anbau eignete, waren kennzeichnend für die Insel. Die stufenartig in die Berghänge gehauenen Terrassenfelder, die überall auf der Insel zu sehen sind, zeugen von einem sturen Menschenschlag, der das Beste aus dem macht, was ihm gegeben wurde.

Auf diesen Terrassenfeldern werden bis heute vor allem Reis und Knoblauch angebaut. Knoblauch ist eine Spezialität Namhaes und war lange Zeit die wichtigste Einnahmequelle in dieser Gegend. Er wird überall verkauft, vom kleinsten Tante-Emma-Laden bis hin zu den großen Discountmärkten. Selbst am Rand der breitesten Straßen und kleinsten Gassen bieten alte Frauen ihren Knoblauch zum Verkauf an. Begegnen sich Bewohner der Insel, begrüßen sie sich nicht selten mit der Frage: „Schon viel Knoblauch verkauft?“ In letzter Zeit ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle von Namhae geworden, vor allem durch die Errichtung des Deutschen Dorfes. Das Dorf lockt jährlich rund eine Millionen Touristen und ist neben den Terrassenfeldern in Daraengi und der Gartenkunst im „House and Garden“-Dorf, zu einer der Hauptattraktionen der Insel geworden. Durch Film und Fersehen erhielt das Deutsche Dorf seinen außergewöhnlichen Bekanntheitsgrad in Korea. So stand das Haus des Hauptdarstellers Cheol-su in der Fernsehserie Couple or Trouble (MBC, 2006) im Deutschen Dorf, die erfolgreiche Unterhaltungssendung 1 Night, 2 Days (KBS) drehte eine Episode hier, und der Dokumentarfilm Endstation der Sehnsüchte handelt von den Bewohnern des Dorfes.

Zeitgleich mit dem Münchner Original findet auch im Deutschen Dorf ein Oktoberfest statt, das jedes Jahr weitere Besuchermengen anzieht. Hier gibt es deutsches Bier, deutsche Wurst und weitere regionale Spezialitäten aus Deutschland.

Mit den Besuchermassen haben sich das Dorf und seine Umgebung nach und nach verändert. Da das Dorf primär als Wohnsiedlung geplant worden war, gab es für Geschäfte und Gastronomie innerhalb des Dorfgebietes kaum Vorkehrungen. Doch direkt an den Grenzen des Dorfes haben in den letzten Jahren zahlreiche Cafés, Restaurants und Ferienwohnungen eröffnet. Außerdem baut das Kreisamt Namhae derzeit an einem Erlebniszentrum für deutsche Kultur, das Werbung für das Deutsche Dorf machen und die Geschichte und Voraussetzungen seiner Entstehung erklären sollen. Voraussichtlich ab Herbst 2013 wird man dort eine Ausstellung zum Leben der koreanischen Krankenschwestern und Bergarbeiter in Deutschland und der Entstehung des Dorfes sehen können.

Ideal und Wirklichkeit im Deutschen Dorf

Touristen im Deutschen Dorf Touristen im Deutschen Dorf | Foto: Goethe-Institut Korea / Aaron Choe Mit seinen weiß getünchten Häusern und roten Dächern bietet das Deutsche Dorf seinen koreanischen Besuchern eine exotische Atmosphäre. Auch kann man hier die Lebensweise und Mentalität der Deutschen erleben. Mühelos wechseln die Bewohner zwischen Deutsch und Koreanisch, es kommt kaum zu Missverständnissen aufgrund kultureller Unterschiede.

Probleme bereiten eher die Massen von Touristen sowie der abgelegene Standort: zum Einkaufen oder um den Arzt zu besuchen, müssen die Dorfbewohner in die Kreisstadt Namhae oder in das 25 Kilometer entfernte Samcheonpo fahren. Bei normalem Verkehr dauert die Fahrt ungefähr 20 Minuten, doch an Tagen mit hohem Besucherandrang staut sich der Verkehr auf der schmalen Straße; die gleiche Strecke kann dann mitunter länger als eine Stunde dauern. Um dieses Problem zu lösen, erweitert das Kreisamt Namhae zwar derzeit die Parkmöglichkeiten, für die zu engen Straßen gibt es jedoch keine Lösung. Da die Straßen, die durch das Dorf führen, auf beiden Seiten von Häusern gesäumt sind, können sie nicht verbreitert werden.Vor allem die Bewohner, deren Häuser sich direkt an der Hauptstraße befinden, haben mit der Neugierde der Touristen zu kämpfen. Nicht selten kommt es vor, dass Besucher ungefragt in die Wohnungen eintreten. Die deutschen und deutsch-koreanischen Bewohner fühlen sich – verständlicherweise – dadurch in ihrer Privatsphäre empfindlich gestört. Und da aufgrund des in Korea üblichen Rotationssystems die zuständigen Mitarbeiter im Kreisamt Namhae ständig wechseln, ist auch das Einbringen von Beschwerden oder das langfristige Umsetzen von neuen Ideen und Verbesserungsvorschlägen nicht einfach zu bewerkstelligen.

Mit der zweiten Heimat im Herzen zurück zu den Wurzeln

Auch wenn beim Einzug der früheren Bergarbeiter und Krankenschwestern in das Deutsche Dorf die Sehnsucht nach der Heimat eine entscheidende Rolle gespielt hatte, bezeichnet kaum einer von ihnen diesen Ort heute als seine „Heimat“. Der Vorsitzende der Bewohnerversammlung, Lee Byeong-jong, lebt seit vier Jahren in dem Dorf, das für ihn zwar sein derzeitiger Wohnort ist, als seine Heimat würde er es jedoch nicht bezeichnen. Ursprünglich kam er aus Jinan in der Nord-Chungcheong-Provinz, auch dieser Ort hat sich für Lee Byeong-jong bis zur Unkenntlichkeit verändert. Auch die meisten seiner Freunde sind von dort fortgezogen. In Deutschland, wo er 40 Jahre lang gelebt hat, hat er dagegen Familie und Freunde. Viele Orte in Deutschland verbindet er mit unzähligen schönen Erinnerungen. Und auch die Mentalität und Lebensweise der Deutschen sind ihm heute zuweilen lieber als die seiner Landsleute. Bevor sie nach Korea zurückgingen, versprach das Ehepaar Lee seinen Kindern, dass sie Weihnachten immer gemeinsam verbringen würden. Und so fliegen sie nun jedes Jahr im Winter in die Schweiz, nach Berlin oder nach Großbritannien, wo ihre Kinder leben. Deutschland ist zu einer zweiten Heimat geworden, mit der sie untrennbar verbunden sind. Hier haben sie die Hälfte ihres Lebens verbracht. Hier leben ihre Freunde, ihre Kinder und Enkelkinder. Vieles ist ihnen in Deutschland inzwischen vertrauter als im Land ihrer Wurzeln.

Gleichzeitig ist Korea jedoch, so fremd es ihnen manchmal auch erscheinen mag, noch immer ihr Vaterland. Der Wunsch zur Entwicklung des Landes und zu einer besseren Zukunft beizutragen, ist bei den Bewohnern des Deutschen Dorfes noch immer vorhanden: Lee Byeong-jong, der nach vier Jahrzehnten in der „Fremde“ in dem kleinen Dorf auf Namhae ein neues Leben begonnen hat, wünscht sich vor allem, dass die koreanische Gesellschaft sorgsamer mit Natur und Energie umzugehen lernt. Mit Blick auf die kommenden Generationen hofft er, dass die Materialien, die zum Bau ihres Hauses extra aus Deutschland importiert wurden – schadstoffarme und energiesparende Steine, Fenster und Dachziegel –, auch in Korea weite Verbreitung finden und so zur nachhaltigen Entwicklung Koreas einen Beitrag leisten.