Film Multikulturalität im deutschen Kino

Still aus dem Film Almanya
Still aus dem Film Almanya | © Concorde Filmverleih

Die multikulturelle Gesellschaft ist Realität. Auch wenn man am 30. Oktober 1961, als das Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Deutschland geschlossen wurde, annahm, dass die meisten der Angeworbenen nach zwei, drei Jahren wieder in die Heimat zurückkehren würden und Integration kein Thema war.

Viele „Gastarbeiter“ sind aber geblieben, ihre Kinder wurden in Deutschland geboren, wuchsen hier auf. Deutschland ist Einwanderungsland. Nicht nur deshalb gehört Multikulturalität zum Deutschen Film, vertreten größtenteils von türkischstämmigen Regisseuren wie Fatih Akin, Yilmaz Arslan oder Sinan Akkus, sukzessive aber auch von deutschen Filmemachern und ihren Kollegen aus anderen „Migrantenländern“. Es geht weniger um das Gefühl der Fremdheit und des Fremdseins wie in den 1970er-, 80er-und 90er-Jahren, sondern oft um den „Culture-Clash“, den Zwiespalt junger Erwachsener zwischen Tradition und Regeln der alten Heimat und Toleranz und Freiheit in der neuen.

Streben nach Selbstbestimmung

Im Mittelpunkt stehen zunehmend Mädchen, deren Streben nach Selbstbestimmung mit den Moralvorstellungen vor allem des männlichen Teils ihrer Familie kollidieren. Im Folgenden einige exemplarische Filmbeispiele:

Herausragend Die Fremde von Feo Aladag über eine junge Türkin (Sibel Kekilli, unter anderem ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis, LOLA, als Beste Hauptdarstellerin), die ihr eigenes Leben leben will. Sie flüchtet aus ihrer von Gewalt geprägten Ehe in Istanbul zu ihren Eltern nach Berlin, die kein Verständnis zeigen. Als sie mit ihrem kleinen Sohn Hilfe im Frauenhaus sucht, einen Job findet und zarte Bande zu einem Deutschen knüpft, „beschmutzt“ sie die Familienehre, die nur durch Tod wiederhergestellt werden kann. Die Tragödie geht in ihrer Universalität weit über eine deutsch-türkische Migrantengeschichte hinaus, versucht die Grenzen von Intoleranz in einem Mikrokosmos verkrusteter Strukturen und Vorurteile aufzubrechen. Die Authentizität wird unterstrichen durch den Einsatz der türkischen und deutschen Sprache.
Trailer zu „Die Fremde“ von Feo Aladag

Auch der türkischstämmige Su Turhan greift dieses heikle Thema in Ayla auf. Seine türkische Protagonistin lässt sich ihre Unabhängigkeit nicht nehmen, weder vom strengen Vater noch von der harmoniesüchtigen Schwester. Tagsüber arbeitet sie als Kindergärtnerin, nachts mit Perücke und sexy Outfit an der Garderobe eines Clubs. Als eine Landsmännin bei ihr Unterschlupf sucht, kommt es zu Komplikationen mit deren Brüdern. Zwischen Lovestory und Blick auf die Parallelgesellschaft findet der Debutregisseur eine Balance und vermittelt das diffizile Sujet mit Spannung.

Zwischen den Kulturen

Der zwischen zwei Kulturen aufgewachsene afghanischstämmige Burhan Qurbani versucht in Shahada die aus der islamischen und deutschen Kultur erwachsenen Widersprüche zu verarbeiten. Anhand von drei jungen Muslimen, die sich schuldig fühlen, kristallisieren sich Krisen und Konflikte heraus: einem türkischstämmigen Polizisten, der durch einen Querschläger ein ungeborenes Kind tötete, einer lebenslustigen Imamtochter, die sich nach einer Abtreibung dem Fundamentalismus zuwendet, und einem Nigerianer, der mit seinen homosexuellen Neigungen kämpft.
Trailer zu „Shahada“ von Burhan Qurbani

In die weniger bekannte Welt der Illegalen führt Der Albaner. In sehr naturalistischer Form erzählt Johannes Naber das bewegende Schicksal eines ehrlichen Mannes aus den albanischen Bergen, der in Deutschland Geld für die Hochzeit verdienen will und sich aus Not heraus über Moral hinwegsetzt und am Ende einen hohen Preis bezahlt. Der harte Abschied von der Hoffnung auf ein besseres Leben zeigt einen Ausschnitt aus der fast unbekannten Wirklichkeit der Unsichtbaren in Deutschland, ein Heer von Armen und Arbeitslosen, für die keine Gesetze gelten und die oft nur außerhalb der Gesetze überleben können. Der europäische Traum vom Wohlstand für alle, hier ein verlorener Traum.

Samira Radsi fragt in Anduni – Fremde Heimat: Was ist Heimat, ein Ort der Sprache, der Selbstverwirklichung oder der Familie? Ein Mensch? – und nähert sich dem Thema Integration und Selbstfindung beispielhaft in der Person einer armenischen Studentin auf der Suche nach ihrer Identität. Die Multikulti-Tragikomödie über die Sehnsucht nach Heimat weckt Aufmerksamkeit für die emotionale Desorientierung einer in der eigenen Existenz Verlorenen, die erst sehr spät realisiert, wo ihr Platz ist – nicht geografisch, sondern an der Seite des Menschen, den sie liebt.
Trailer zu „Anduni – Fremde Heimat“ von Samira Radsi

Wir sind hier und das ist gut so!

Weg vom marginalen Betroffenheitskino ist ein Trend zu mehr Leichtigkeit beim ernsten Thema festzustellen und somit zu einem Kino, das ein größeres Publikum anspricht und sensibilisiert. Es gibt mehr Zuversicht und Humor, so wie in Fatih Akins Soul Kitchen, einer herzerwärmenden Komödie aus einem Hamburger Multi-Kulti- und Arbeiterviertel, wo ein langhaariger Deutschgrieche die ethnisch bunt gemischte Gesellschaft versorgt – gescheiterte Existenzen, Überlebenskämpfer des Alltags, Romantiker, die ihren Utopien nachhängen.

Mut, Kraft und Optimismus vermittelt Almanya – Willkommen in Deutschland, der große Überraschungserfolg des Jahres 2011. Die heitere kultur- und generationenübergreifende Familiengeschichte, die lustvoll mit Klischees spielt und Deutschen wie Türken den Spiegel vorhält, lockte in acht Monaten knapp 1,4 Millionen Zuschauer ins Kino.
Trailer zu „Almanya“ von Yasemin Samdereli

Auch hier geht es um Identität, um die sich die Kinder eines türkischen Pater Familias aufgrund ihrer gelungenen Integration allerdings wenig Gedanken machen, bis der sie sanft zu einer Reise nach Anatolien „zwingt“. Weit weg von der Drastik in Fatih Akins Dramen Gegen die Wand und Kurz und schmerzlos oder Feo Aladags Die Fremde bewegt sich Yasemin Samdereli erfrischend politisch unkorrekte Komödie, zu der sie mit ihrer jüngeren Schwester Nasrin das Drehbuch schrieb. Beide sind in Dortmund aufgewachsen und erzählen subjektiv und ohne Larmoyanz vom Migrantendasein und sagen: Wir sind hier und das ist auch gut so! Ein Hoffnungszeichen für die Zukunft.