Transkulturelle Dialoge mit Samulnori Begegnung auf der Straße

Samulnori beim Karneval der Kulturen 2012
Samulnori beim Karneval der Kulturen 2012 | © Karneval der Kulturen

„Wer sich maskiert, wird integriert“ schreibt die Ethnologin Kerstin Frei über den Karneval der Kulturen in Berlin. Jedes Jahr um Pfingsten bewundern über eine Million Menschen aus der ganzen Welt die bunte Prozession, die durch den Bezirk Kreuzberg zieht, und feiern zusammen die kulturelle Vielfalt.

Die verschiedenen Kulturen stellen die ganze Hauptstadt in ein internationales, facettenreiches und tolerantes Licht. Auch einige Koreaner sind seit 1996, dem Gründungsjahr des Karnevals, langjährige, treue Stammgäste. Auch 2012 waren wieder eine ganze Reihe von Ensembles mit koreanischem Hintergrund dabei: die Tanzgruppe Kaya, eine Schule aus Berlin, eine Hamburger Samulnori-Gruppe und die Global Music Academy, außerdem ehemalige Mitglieder von Chon Dung Sori, der ersten Samulnori-Gruppe, die von Deutsch-Koreanern der zweiten Generation in den 1990er Jahren gegründet worden war, sowie weitere Berliner Nachwuchsgruppen. Das Wiedersehen der Samulnori-Gruppen verstärkte das Gemeinschaftsgefühl. Außer Koreanern und Deutsch-Koreanern verteilten auch deutsche Freunde und Samulnori-Spieler Speisen und Getränke oder liefen einen Streckenabschnitt mit den koreanischen Bühnenwagen mit. Wichtig war, dass viele Leute den Gruppen ihre Begeisterung zeigten, darunter auch viele nicht-koreanische Unterstützer und Kulturliebhaber.

Was wollen koreanische Migranten mit ihrer Teilnahme am Karneval der Kulturen erreichen? Will die nett lächelnde Minderheit ihre Integration in die globalisierte Gesellschaft Deutschlands mit spektakulärer Trommelmusik und bunten Kostümen demonstrieren? Inwiefern spiegelt die Repräsentation koreanischer Kultur die Integration koreanischer Migranten wider?

Musik zeigt Korea – anders

Sie trommeln sich nach Deutschland vor: Samulnori, die traditionellen Schlagwerk-Gruppen, die auf musikalischem Weg die koreanische Kultur verbreiten.

Als Instrumente gehören zu einem Samulnori-Ensemble die Buk (Trommel), Kkwangguan (kleiner Gong), Jing (großer Gong) und die Changgo (sanduhrförmige Trommel). Seit die erste Gruppe 1996 gegründet worden war, war es ihr wichtig, aus dem schützenden Kokon der Community zu schlüpfen und sich selbst einem größeren Publikum zu zeigen. Man wollte nicht nur der deutschen Gesellschaft die reiche und eindrucksvolle Kultur aus Korea vorführen, sondern auch der deutsch-koreanischen Community zu verstehen geben, dass die zweite Generation durchaus in der Lage ist, in der deutschen Gesellschaft Anerkennung zu erlangen. Mit der wachsenden Zahl koreanischer Musikgruppen wurde es wichtiger, die Vielfalt und das hohe Niveau zu zeigen, mit der inzwischen Musik und Tanz aus Korea in Deutschland gepflegt wird.

Den koreanischen Vereinen ist es ihr wichtig, ihr Gemeinschaftsgefühl zu stärken und sich der Mehrheitsgesellschaft zu zeigen. Das gelang ihnen zum Beispiel 2001, als sie den 1. Preis für ihre Gesamtformation gewannen. Koreanische Erzeugnisse sind in Deutschland nicht mehr fremd, ob Autos oder Elektrogeräte, Taekwondo oder K-Pop. Jedoch hat sich durch die aktuelle globale Präsenz Südkoreas ein neues Image von Korea entwickelt, das sich nicht nur auf die Mehrheitsgesellschaft, sondern auch auf die deutsch-koreanische Community auswirkt. Das koreanische Kulturministerium ist an der Gestaltung dieses Images maßgeblich beteiligt. Diese Klischees vermitteln jedoch nicht unbedingt ein wirkliches Verständnis von Korea und seiner Kultur.

Neue Wege, neue Landschaften

Erschwerend kommt hinzu, dass die koreanischen Künstler in Deutschland nur sehr beschränkt Unterstützung erhalten: Die koreanische Botschaft finanziert hauptsächlich Künstlern aus Korea Auftritte in Deutschland, Auslandskoreanern eher weniger. Die koreanischen Vereine und die deutschen Kommunen fördern Projekte nur sehr punktuell. Ein offizielles deutschlandweites Netzwerk für traditionelle Musik-Gruppen kann aufgrund der Lebensumstände der meisten ehrenamtlichen Mitglieder nur begrenzt funktionieren. Obwohl von koreanischen Austauschstudenten immer wieder neue Impulse ausgehen, fehlt es in Deutschland bislang an den entsprechenden Institutionen, die eine nachhaltige Entwicklung fördern könnten. Daher ist die Pflege hauptsächlich Sache der Deutsch-Koreaner, der sogenannten „Gyopos“.

Einige Samulnori-Spieler versuchen, „eigene“ Musik zu entwickeln. Sie experimentieren, komponieren und interpretieren frei und individuell mit ihren koreanischen Quellen. Das „~su-Ensemble“ ist ein solcher Fall. Sie verarbeiten ihre erworbenen Erfahrungen und bringen ihr Selbstbewusstsein als Deutsch-Koreaner ein. Sie loten ihre hybriden Räume kreativ aus und setzen sich spielerisch mit Kategorisierungen wie „Tradition“ und „Moderne“, „östlich“ und „westlich“ auseinander. Diese zweite Generation von Koreanern in Deutschland ist auf dem Weg, bundes- und europaweit zu arbeiten. Auch die Zusammenarbeit mit koreanischen Künstlern wird intensiviert. Eine institutionelle Vernetzung besteht mit der Global Music Academy, die sich um Anerkennung von klassischer, nicht-europäischer Musik in Deutschland bemüht. Deren Ansatz ist es, Musikern einen institutionellen Rahmen zu bieten, in dem sie ihr Wissen weitergeben und vertiefen können. Das Repertoire wird dabei bewusst nah am Gelernten aufgebaut – Ziel ist die möglichst „authentische“ Präsentation der traditionellen Werke.

Integration der koreanischen Migranten?

Die Künstler mit Migrationshintergrund wollen ihre Identität kreativ gestalten, ihre vielfältigen und transkulturellen Lebensformen zeigen und die kulturelle Pluralität in ihrem Umfeld mitgestalten. Hyo-Jin Shin, eine der ersten Initiatorinnen von Samulnori in Deutschland, formuliert die Frage der Integration anders: „Wie denken wir – also alle Bewohner Deutschlands – heute über die kulturelle Pluralität in Deutschland, und was bedeutet die wirtschaftliche Krise in Europa für die Pflege und die Wertschätzung der vielen Kulturen hier? Diese Frage stelle ich mir und allen, mit denen ich arbeite, in letzter Zeit sehr häufig.“