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Plastik
Die unbequeme Wahrheit

Lange war Einwegplastik in Cafés in Südkorea normal. Seit August 2018 ist dies verboten.
Lange war Einwegplastik in Cafés in Südkorea normal. Seit August 2018 ist dies verboten. | Foto: Yonhap News

Take-out-Kaffee, Essenslieferungen, online bestellte Waren und mehrfach verpackte Waren in Supermärkten: Südkorea spart von Haus aus nicht an Plastik. Doch in den letzten Jahren haben Veränderungen eingesetzt, auf Gesetzgeber- wie auf Verbraucherseite. Unsere Autorin Sejeong Kim wirft einen Blick auf Plastik in Südkorea.
 

Typischer Plastikmüll in Korea Typischer Plastikmüll in Korea | Foto: Sejeong Kim Diese Fotos zeigen Plastikprodukte, die ich im vergangenen Monat verwendet oder in meiner Umgebung entdeckt habe. Von Plastikverpackungen für Obst, Fleisch, Fisch und Gemüse über Plastikflaschen, Einwegwindeln, Milchkartons und Joghurtbecher bis hin zu Verpackungen von Feuchttüchern – sie alle enthalten Plastik. Als ich noch nicht groß über Plastik nachgedacht hatte, machten mir Bilder wie diese nichts aus. Doch seitdem ich mehr über Plastik erfahren habe, führen sie mir eine unbequeme Wahrheit vor Augen.

Plastikgroßmacht Asien

Asien ist der größte Plastikproduzent der Welt. Rund 50 % der weltweiten Produktion finden hier statt. 29 % davon in China, dem Plastikproduzenten Nr. 1. Plastikmüll gelangt in großen Mengen durch die Flüsse ins Meer, wo er dann nicht nur das marine Ökosystem bedroht, sondern als Mikroplastik auch die Gesundheit der Menschen.

In Südkorea wurden 2016 6 Millionen Tonnen Plastik konsumiert. Der Plastikmüll im gleichen Jahr belief sich auf 11.001.000 Millionen Tonnen. Mehr als die Hälfte davon entsteht in Unternehmen, zum Beispiel in der Verpackungsbranche. Laut Hong Su-yeol, dem Leiter des Research Institute for Resources, Recyling, Society and Economy (자원순환사회경제연구소) gibt es in Korea immer noch viele Fälle, in denen die Müllentsorgung inoffiziell passiert und die von der Statistik nicht erfasst wird. „Wenn man auch den Müll mit einberechnet, der nicht in der Statistik auftaucht, wird die Menge noch wesentlich größer sein.“

Südkorea hat Industrialisierung, Arbeitsteilung und Urbanisierung in rasantem Tempo durchlaufen und ist darüber zu einer Gesellschaft in konstanter Hektik geworden. Parallel zu dieser Entwicklung stieg auch der Plastikkonsum. Eine ausgeprägte Kaffee- und Lieferkultur, die sich beide in den letzten Jahren explosiv ausgebreitet haben, trugen ebenfalls maßgeblich zu einem Zuwachs beim Plastikverbrauch bei.

Die Plastikmüllentsorgung im Chaos

Im April 2018 kam es zu einer für den Umgang mit Plastik in Korea entscheidenden Krise in der Plastikmüllentsorgung. Alles begann damit, dass ein Recyclingunternehmen die Abnahme der Plastikverpackungen in einer Seouler Apartmentsiedlung verweigerte. China hatte zuvor den Müllimport gestoppt und damit den Exportweg für dieses Unternehmen blockiert.

Für die Entsorgung von Recyclingmüll gibt es in Koreas Städten zwei Methoden. In Apartmentsiedlungen können die Bewohner der Siedlung ein Unternehmen selbst wählen, welches dann den Müll der Siedlung abholt und die Bewohner dafür bezahlt. Die Unternehmen exportieren dann den Müll nach China und machen dabei große Gewinne, doch mit Chinas Müllimportstopp war den Unternehmen der Markt weggebrochen – der Auslöser der Müllkrise. Bei allen anderen Wohnformen außer Apartments übernehmen die Kommunen die Abholung des Recyclingmülls. Hier werden Mülltüten gekauft und der Müll nach Lebensmittelabfall, Restmüll und Recycling unterteilt an bestimmten Wochentagen und Uhrzeiten vor dem Haus auf die Straße gestellt. Vertragsunternehmen der Kommunen holen diesen dann ab.

Nach der Müllkrise von 2018 begann die südkoreanische Regierung, Plastikmüll starker zu regulieren und verschärfte insbesondere die Regeln für Einwegplastikbecher. Seit August 2018 ist daher der Gebrauch von Einwegplastikbechern innerhalb von Cafés verboten. Seit April 2019 ist die Nutzung von Plastiktüten in großen Supermärkten verboten. Die Regierung bereitet derzeit zudem neue Regularien für Verpackungsmaterialien von Lieferwaren vor.
Seit April 2019 sind in Südkorea in großen Supermärkten Plastiktüten verboten. Seit April 2019 sind in Südkorea in großen Supermärkten Plastiktüten verboten. | Foto: Yonhap News

Verhaltensregeln sind wichtig

Hong Su-yeol hält Veränderungen im Konsumverhalten zwar für wichtig. Das Problem werde aber nicht gelöst, solange Unternehmen mit viel Plastikaufkommen nicht an Bord sind. „Nehmen Sie die Getränkeindustrie. Die ist konstant gewachsen und wird dies auch in Zukunft tun. Und für die ist die PET-Flasche wichtig.“

Ist dann eine Änderung im Verhalten der Verbraucher bedeutungslos? „Irgendetwas muss man tun. Man sollte dabei nur bedenken, dass es nichts wünschenswert ist, eine Verhaltensänderung bei den Verbrauchern durch ein schlechtes Gewissen herbeizuführen. Es ist viel effektiver, sich auf die positiven Aspekte zu konzentrieren, die bewusster Konsum für die Umwelt und die Gesundheit hat. Und es braucht realistische Lösungsansätze für den Müll in den Meeren. Es braucht Lösungen für den Müll, der an Stränden, auf Inseln und in Tälern einfach so weggeworfen wird. Hier darf man nicht nur unrealistische Parolen von sich geben, sondern muss an den Küsten bestimmte Verhaltensweisen sanktionieren. Indem man zum Beispiel das Steigenlassen von Luftballons oder Feuerwerk verbietet.”

bewusster Konsum in Korea

Heo Jang ist jemand, der einen solchen bewussten Konsum bereits umsetzt. Sie lebt seit bald 5 Jahren ohne Plastik. Zu Beginn war es nicht einfach. „Wenn ich auf dem Markt Fleisch kaufen wollte, habe ich ein Gefäß für das Fleisch von zu Hause mitgenommen. Doch die Verkäufer schauten mich seltsam an und wollten mir kein Fleisch verkaufen. In der Supermarktkette Homeplus weigerten sie sich sogar strikt. Die Angestellte an der Fleischtheke meinte, wenn sie das Fleisch in mein Gefäß füllt und dann etwas passiert, könnten sich für sie Nachteile ergeben. Aber in letzter Zeit ist es viel besser geworden. Die Verkäufer sagen gar nichts mehr, sondern lachen nur und tun das Fleisch in mein Gefäß.“

Auch sie bemüht sich, kein schlechtes Gewissen zu haben. „Ich brauche zwei Stunden zur Arbeit. Die Busfahrt ist sehr lang, und während dieser Zeit muss ich frühstücken. Normalerweise bringe ich mir dann ein Tetrapack mit Sojamilch von zuhause mit, das aber in Plastik verpackt ist. Ich habe beschlossen, für mich selbst zu entscheiden, an welcher Stelle ich mich bemühen kann, und zufrieden zu sein, wenn ich das umsetze. Das gibt mir mehr Motivation.“

Im Café Bottle Factory im Seouler Stadtteil Yeonnam-dong ist Plastikfrei Teil des Konzepts. Im Café selbst werden Getränke im Glas serviert, bei Take-Out werden Tumbler verliehen. Der Verleih geschieht ohne Pfand, die Kunden können frei entscheiden, ob sie die Tumbler zurückgeben. Die Inhaberin des Cafés Jeong Da-eun träumt von der Einrichtung eines Systems, bei dem durch einen Verbund der Cafés im Stadtzentrum Seouls in einem Café ausgeliehene Tumbler auch in einem anderen Café zurückgegeben werden können. „Damit das funktioniert, braucht man eine Infrastruktur, einschließlich einer App und einem Ort, an dem die Tumbler gesammelt gewaschen werden können. In naher Zukunft ist das wahrscheinlich schwierig, aber wir arbeiten daran. 2020 wollen wir mit der Entwicklung der App beginnen.”
Tumbler breiten sich in Korea aus. 2018 wurden beim Gangneung Coffee Festival Tumbler an die Besucher verliehen. Tumbler breiten sich in Korea aus. 2018 wurden beim Gangneung Coffee Festival Tumbler an die Besucher verliehen. | Foto: Yonhap News

Den eigenen Rahmen des möglichen definieren

Kompromisse eingehen und zu einer bewussten Verbraucherin zu werden, erscheint mir in der derzeitigen Situation als vielleicht die weiseste Entscheidung. Man sollte sich nicht schon im Vorhinein von den Schuldgefühlen über die Dinge, die man nicht aufgeben kann, einschüchtern lassen und gar nicht erst anfangen. Es ist mit Sicherheit besser, den eigenen Rahmen des Möglichen zu definieren und damit einen Anfang zu machen.

Ich habe mich also bei der Recherche dieses Artikels dazu entschlossen, Plastikgefäße in meinem Haushalt abzuschaffen. Alles, was ich nicht brauche, habe ich bereits weggeworfen, und bin derzeit auf der Suche nach Ersatzprodukten aus biologisch abbaubaren Materialien. Wenn ich diese finde, werde ich sie an Geburts- und Feiertagen auch an Freunde und Familie verschenken – und damit eine Gelegenheit schaffen, mit ihnen über Plastikmüll zu sprechen.

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