Datenvisualisierung und Infografiken Kartografie für den Informationsdschungel

Screenshot vom Europa-Atlas (Karten-Ansicht)
Screenshot vom Europa-Atlas (Karten-Ansicht) | Ausschnitt mit freundlicher Genehmigung von SZ.de

Wie lässt sich ein ganzes Land, die Europäische Union oder deren Gesetzgebung anhand von Design verstehen? Projekte wie der Europa-Atlas der „Süddeutschen Zeitung“, die Publikation „Deutschland verstehen“ des Gestalten Verlags oder die Web-Plattform „LobbyPlag“ arbeiten daran, immense Informationsmengen und komplexe Sachverhalte zu visualisieren.

Die Sichtbarmachung von umfangreichen Rohdaten ist im Grunde nichts Neues: Wettervorhersagen, Börsennachrichten oder eben Kartografie sind nur einige klassische, sehr geläufige Beispiele, die jedoch üblicherweise sehr zweckgebunden von Spezialisten bearbeitet werden. Aktuelle Formen von Datenvisualisierung und Infografiken versprechen derweil einen kritisch-journalistischen Zugang zu den immensen Datenmengen von heute, meist mithilfe von pointiert eingesetzten Gestaltungsmitteln.

Minimalistischer Datenberg

Dem Europa-Atlas der Süddeutschen Zeitung etwa liegt die riesige Menge Rohdaten von Eurostat, dem statistischen Amt der Europäischen Union, zugrunde. Diesen „Datenberg“ merkt man dem Europa-Atlas nicht an: Ein aufgeräumtes, minimalistisches Interface ermöglicht schnellen Zugang zu den Informationen. Leicht kann man etwa die Jugendarbeitslosenquote in Deutschland mit der in Frankreich und der in Polen vergleichen. Das Design steht hier klar im Dienst der Funktionalität – bei der Süddeutschen Zeitung werden die interaktiven Infografiken in einer Wechselbeziehung mit der Berichterstattung gesehen: „Wir begleiten (...) jedes dieser neuen Formate mit Geschichten, die den Zusammenhang erklären, und jetzt beim Europa-Atlas mit einer ganzen Artikelserie“, so Stefan Plöchinger, Chefredakteur von SZ.de. In Zeiten der Printkrise, in der jeder Leser hart umkämpft ist, sind solch interaktive Datenvisualisierungen eine Anschlussmöglichkeit an die sich permanent zum nächsten „Gefällt mir“ klickende Web-Leserschaft – und damit auch Überlebensstrategie.

Aus der Design-Werkstatt: Anmerkungen zu einem ersten Entwurf des Europa-Atlas für den Programmierer, per Post-it auf einem Bildschirm; Aus der Design-Werkstatt: Anmerkungen zu einem ersten Entwurf des Europa-Atlas für den Programmierer, per Post-it auf einem Bildschirm; | Foto: SZ.de

Wimmelbuch für Erwachsene

Einen etwas anderen Ansatz findet man in dem „Lese- Lern- und Anschaubuch“ – so der Untertitel – Deutschland verstehen des Gestalten Verlags. Das 240 Seiten starke Buch im Atlas-Format wiegt knapp zwei Kilo und kann so als entschleunigtes Gegenstück zu einem Format wie dem Europa-Atlas verstanden werden. Dies bringt auch mehr gestalterische Freiheiten mit sich, denn wo online eine gewisse Benutzerfreundlichkeit und damit Klarheit unabdingbar ist, wird hier vorausgesetzt, dass der Leser sich ausgiebig und wiederholt auf die Lektüre einlässt. Auch deswegen nannte der Mitherausgeber Ralf Greuel Deutschland verstehen wohl ein „Wimmelbuch für Erwachsene“. Verschiedenste Facetten von Kultur, Wirtschaft, Geschichte und Leben in Deutschland werden mit Infografiken in Beziehung gesetzt, durchaus auch kritisch-reflexiv oder humorvoll. So wird etwa für historisch Interessierte nicht nur die Zusammensetzung der Fracht und die Flugfrequenz der Rosinenbomber visuell aufbereitet, ebenso sind ernste Themen, wie der Aufbau des Konzentrationslagers Auschwitz veranschaulicht. Fußball kommt genauso vor wie der Vergleich der wertvollsten deutschen Vertreter auf dem Kunstmarkt oder die Sicht der Deutschen (mit Bayern) auf den Rest der Welt.

Das Material entstammt unterschiedlichsten Quellen, die die Herausgeber sorgsam aussuchen – wie Kuratoren stellen sie die interessantesten Zusammenhänge aus einer Masse von Publikationen zusammen. Während also etwa bei dem Europa-Atlas der Süddeutschen Zeitung die Herausforderung darin besteht, den puren Datenberg in eine visuell ansprechende, interaktive Form zu bringen, führt eine Print-Publikation wie Deutschland verstehen auf einer Meta-Ebene verschiedenste, bereits fertige Datenauswertungen zu einem größeren Ganzen neu zusammen.

„Die Welt aus deutscher Sicht“ aus Deutschland Verstehen „Die Welt aus deutscher Sicht“ aus Deutschland Verstehen | Grafik: Frank Höhne © Gestalten 2013

Design im Dienst von Aktivismus

Bei den Online-Projekten von OpenDataCity wiederum funktionieren die Visualisierungen als Mittel zum Zweck: Sie decken oft Missstände auf und bekämpfen sie. Bereits mit der Anwendung „GEMA versus YouTube“, die zeigt, dass über 60 Prozent der beliebtesten 1.000 YouTube-Videos momentan auf Betreiben der GEMA hin gesperrt sind, konnte eine Diskussion über den Sinn dieser Praxis erzeugt werden. Durch die Plattform „LobbyPlag“, mit der man von EU-Abgeordneten eingereichte Änderungsanträge zur EU-Datenschutz-Grundverordnung mit Textvorschlägen von Lobbyisten vergleichen kann, wurde der starke Einfluss von Lobbyisten auf die EU-Gesetzgebung aufgedeckt: Dabei wurde deutlich, dass die EU-Abgeordneten die Vorschläge der Branchenvertreter oft eins zu eins in ihre Änderungsanträge übernommen hatten. Durch die Sichtbarmachung dieser zweifelhaften Praxis auf „LobbyPlag“ wurde ein großes Medienecho erzeugt und die EU-Datenschutz-Verordnung in der von den Lobbyisten beabsichtigten Form gebremst. Es bleibt abzuwarten, ob sich dieser Erfolg wiederholen lässt, doch das Grundwerkzeug ist mit „LobbyPlag“ nun vorhanden.

So kommen visualisierte Daten – hier wie auch in den obigen Beispielen – zwar nicht ohne sorgfältige Kontextualisierung aus, aber richtig eingesetzt vereinfachen sie den Zugang zu umfangreichen und komplexen Datenmengen, sofern der Prozess der Erhebung und Auswertung nachvollziehbar ist. Im Idealfall gelingt damit eine Kombination aus Information und Ästhetik.