Social Media und Politik in Korea Wichtiges Instrument im Wahlkampf

Social Media und Politik in Korea
© Colorbox.com

Auf der Ebene der Individualität bieten Social Media ihren Benutzern die Möglichkeit, sich auszudrücken. Als gesamtgesellschaftliches Phänomen betrachtet, wird so die zwischenmenschliche Kommunikation beschleunigt. Dabei etablieren sich Netzwerke. Diese unterschiedlichen gesellschaftlichen Netzwerke ermöglichen nicht nur Austausch und Dialog, sondern auch die aktive Teilnahme an der Verbreitung von Informationen. Dank dieser Merkmale können Social Media auch politisch eingesetzt werden; wie etwa in Südkorea während der Wahlkämpfe der drei letzten Jahre. Inzwischen sind Social Media aus dem politischen Leben nicht mehr wegzudenken.

Der Einsatz von Social Media in den koreanischen Präsidentschaftswahlen von 2012

Bei den 18. koreanischen Präsidentschaftswahlen, die am 19. Dezember 2012 stattfanden, wurden Social Media als wichtiges Instrument im Wahlkampf genutzt. Dabei wurde ihre Verwendung nicht nur von der Regierung, sondern auch von anderen Institutionen analysiert und beurteilt.

Verschiedene Internetseiten, die sich der Wahlanalyse widmen, erlaubten während des Wahlkampfes die Echtzeit-Analyse von Wechselwirkungen zwischen Nachrichten, die per Facebook oder Twitter versandt wurden. Auch Muster in der Weiterleitung von Nachrichten per „share“ oder „retweet“-Funktion konnten im Zusammenhang mit der Wahl untersucht werden.

Die Firma KONAN(Korean Natural Language Analysis) Technologies betreibt die Homepage „SNS Minsim Dot Com“ (etwa „Social Media Volkswille Dot Com“, A.d.Ü.). Hier wurde das öffentliche Meinungsbild zu den Wahlen und die ausgetauschten Tweets über die Wahlkandidaten analysiert und entsprechende Tweet-Strategien vorgeschlagen. Auch auf Wise Nut wurden den Vorlieben und Abneigungen der Wähler in einem „2012 Wahlkandidaten Social Media Analyse-Service“ nachgegangen, ebenso das Meinungsbild über den Charakter und die Qualifikationen der Kandidaten prognostiziert, und zwar auf der Basis der auf Twitter, in Blogs und in Online-Foren hochgeladenen Kommentare und Anmerkungen. Esri Korea veröffentlichte eine Landkarte – die „18. Präsidentschaftswahl Campaign Map“ –, auf der in Echtzeit wahlkampfrelevante Social Media-Nachrichten lokalisiert werden konnten.

Politische Funktionen der Social Media und ihre Bedeutung

Für die meisten Menschen sind Social Media einfach zu nutzen, weshalb sie mittlerweile im Vergleich mit „traditionellen“ Medien eine größere Reichweite haben. Viele Politiker nutzen die Social Media als direkten Kommunikationskanal, um mit den Bürgern in Kontakt zu treten. So können sie nicht nur zu aktuellen politischen Themen Stellung nehmen, sondern auch private Alltagsgeschichten und Meinungen mit den Wählen teilen. Auf diese Weise bauen sie die Distanz ab, die viele Menschen zur Politik empfinden, und erleichtern so politikfremden Bevölkerungsschichten die Teilnahme am politischen Geschehen.

Social Media stehen jedermann offen und sind nahezu überall verfügbar. Sie senken die Schwelle zur politischen Partizipation und erlauben dem Einzelnen seine politische Meinung auszudrücken. Außerdem können mittels Social Media Kontakte zu politisch Gleichgesinnten geknüpft und gepflegt werden. Die zunehmende Verbreitung von Smartphones erhöht zusätzlich die Reichweite dieser Echtzeit-Netzwerke und steigert die Geschwindigkeit des Austausches von politischen Meinungen zwischen den Bürgern. Dank des Einsatzes von Social Media hat sich bezüglich der politische Teilnahme die Initiative verschoben, und zwar von den etablierten politischen Systemen und den Massenmedien hin zu den Bürgern, also den Wählern.

Unterschiede zwischen traditionellen Wahlkampagnen und Social Media-Kampagnen

Bei traditionellen Wahlkampagnen standen die politischen Parteien im Mittelpunkt. Informationen über die Parteien und ihre Kandidaten wurden unilateral und indirekt vermittelt. In den letzten drei Jahren wurden hingegen mit Hilfe von Social Media engere Verbindungen zu den Wählern gesucht. Gleichzeitig fand eine Veränderung hin zu einer direkteren Teilnahme der Bürger statt. Mit dem Einsatz von Social Media in den Wahlkampagnen wurde das Interesse der jungen Wähler geweckt. Es wurde ihnen ein direkter Zugang zur Politik ermöglicht. Besonders der Austausch sogenannter „Wahl-Beweisfotos“ über Twitter hat dazu beigetragen, dass sich der Charakter der Wahl für die junge Generation von einer Bürgerpflicht hin zu einem interaktiven Spiel, ja zu einem Festival der Demokratie zu wandeln begann.

Auch an der Nationalen Wahlkommission ist die Macht der Social Media nicht spurlos vorbeigegangen: Als Reaktion auf das sich wandelnde Online-Verhalten wurden entsprechend neue Kontrollverfahren vorgeschlagen und umgesetzt. Anlässlich der Regionalwahlen von 2010 wurden die legalen Möglichkeiten der Verwendung von Twitter im Wahlkampf definiert. Bei den Bürgermeister-Nachwahlen in Seoul von 2011 wurden dann Wahlkampf-Kontrollstandards vorgelegt. Diese umfassen auch Methoden für den Umgang mit Wahlempfehlungen, die zur Wahl eines bestimmten Kandidaten raten. So ist es etwa nicht erlaubt, auf Wahl-Beweisfotos eine bestimmte Partei oder einen bestimmter Kandidat explizit hervorzuheben, sei es im positiven wie im negativen Sinne. Ebenso verletzt es geltendes Wahlrecht, auf diesen Fotos das Victory-Zeichen oder eine „Thumbs up“-Geste zu machen und so eine bestimmte Präferenz zu suggerieren. Aber die Gesetzesinhalte und die Kontrollstandards enthalten auch Unklarheiten und Widersprüche, weshalb es bei ihrer Anwendung oft zu Verwirrung kam.

Beispiele für die Verwendung von Social Media in Wahlkampagnen

Die Regionalwahlen von 2010 galten als Startschuss für den intensiven Einsatz von Social Media im Wahlkampf. Damals begannen Social Media als ein neuer Raum der politischen Kommunikation die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, gerade die junge Generation, die sich bisher der Politik gegenüber eher uninteressiert gezeigt hatte, schien fasziniert zu sein: Das ließ auf eine breite Basis der Unterstützung hoffen. Im Vorfeld der Regionalwahlen am 2. Juni 2010 leisteten eine große Zahl von Twitter-Nutzern einen wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung zu gesellschaftlich-politischen Themen. Sie verschickten und teilten politsche Nachrichten. Einer Untersuchung zufolge haben 54,6% der Twitter-Nutzer während der Juni-Wahlen Nachrichten mit politischen Inhalten erstellt, 45,5% teilten solche Nachrichten per „retweet“.

Auch Park Won-soon, der bei den Bürgermeister-Nachwahlen 2011 nach dem Rücktritt von Oh Se-hoon als unabhängiger Kandidat angetreten war, verdankt seinen Wahlsieg nicht zuletzt den Social Media. Obwohl Park gegenüber seiner Gegenkandidatin Na Kyung-won von der Grand National Party (Han-Nara-Dang) vergleichsweise unauffällig und weniger erfahren war, ging er dank seines aktiven Einsatzes der Social Media im Wahlkampf als Sieger hervor. Als Park seine Kandidatur erstmals bekanntgab, lag seine Zustimmungsrate bei nur 5%, aber als einige Celebrities über Twitter ihre Symphatie äußerten und „Beweisfotos“ hochluden, stieg seine Zustimmungsrate bei den unter 20-Jährigen plötzlich auf 69,3%, bei den 30-Jährigen auf 75,8% und bei den 40-Jährigen auf 66,85%.

Derzeitige Situation und Grenzen der Social Media

Mittlerweile haben sich Social Media als politisches Instrument etabliert: Einerseits stellen sie für die Wähler ein Mittel zur politischen Teilhabe dar; andererseits nutzen Politiker sie zur Übermittlung von Inhalten an die Wähler und zur Gestaltung von Wahlkampagnen. Alles spricht dafür, dass sich die Social Media weiterentwickeln werden. In Zukunft könnten sie über die bisher existierenden einfachen Netzwerk-Strukturen noch weit hinauswachsen und so zu Räumen werden, in denen sich tatsächlich jedermann beteiligen kann. Falls diese Vorhersage eintritt, dann könnten die Social Media tatsächlich dazu beitragen, dass mehr Menschen an Debatten und politischen Prozessen teilnehmen.

Es bleibt zu hoffen, dass dabei der technische Fortschritt der Social Media Hand in Hand geht mit ihren wachsenden sozialen Funktionen. Dann könnten sie als Mittel der politischen Kommunikation dafür sorgen, dass Konflikte und Unsicherheiten in der sich rasend schnell ändernden politischen Landschaft gelöst und eine demokratischere und gesündere politische Umgebung entstehen kann. Die meisten politischen Nachrichten, die heute über die Social Media verbreitet werden, tendieren vor allem zum Ausdruck und zur Bestätigung der eigenen Überzeugungen. Abweichende Meinungen ziehen dagegen wenig Interesse auf sich. So bleibt die Kommunikation meist einseitig. Auch können durch den schnellen und unbedarften Austausch privater Meinungen Falschinformationen in Umlauf geraten, ja sogar die öffentliche Meinung auf verantwortungslose Weise aufheizen und beeinflussen. Aus diesem Grund bedarf es der Etablierung von wahlrechtlichen Kontrollsystemen, die der neuen Medien-Umgebung entsprechen. Auch sind innovative Partizipations- und Kommunikationssysteme nötig, die den medialen Besonderheiten von Facebook, Twitter und anderen Social Media Rechnung tragen. Vor allem sollten diese neuen Systeme gegenüber den etablierten Massenmedien möglichst zugänglich, barrierefrei und benutzerfreundlich sein, um eine möglichst breite Bürgerbeteiligung zu ermöglichen.