Malte Spitz im Interview „Unsere Aufgabe muss es sein, den digitalen Wandel zu gestalten“

Sechs Monate von Malte Spitz' Leben auf einen Blick
Sechs Monate von Malte Spitz' Leben auf einen Blick | Screenshot von ZEIT ONLINE

Jeder weiß, dass im Zeitalter von Smartphone, Google und Social Media ununterbrochen Daten erzeugt und gespeichert werden. Doch kaum einer hat eine genaue Vorstellung davon, was zur eigenen Person wo bekannt ist und was damit passiert. Malte Spitz, Mitglied der Partei Die Grünen und aktiver Datenschützer, hat versucht, genau dies herauszufinden.

2007 haben Sie sich auf eine Expedition begeben, bei der Sie die zu Ihrer Person gespeicherten Daten herausfinden wollten. Das Ergebnis war eine vielbeachtete Veröffentlichung von sechs Monaten ihres Lebens auf Zeit Online sowie das Buch „Was macht ihr mit meinen Daten?“. Was hat Sie zu dieser mühsamen Aktion bewegt?
 
Neugierde und der Drang nach Aufklärung. Mich hat es selbst interessiert zu erfahren, was bei der Datenspeicherung möglich ist, was tatsächlich stattfindet, und wie es aussieht. Gleichzeitig war mein Antrieb, möglichst viel Aufmerksamkeit mit den Antworten zu erzeugen, aufzuklären, was passiert, und aufzuzeigen, wer was speichert.

Was waren die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus der Aktion gewonnen haben?
 
Es ist kaum möglich den Überblick zu behalten, selbst wenn man sich die Mühe macht es zu versuchen. Viele Unternehmen verweigern eine echte Auskunft über die gespeicherten Daten, man wird oft mit Datenkrümeln abgespeist. Informationelle Selbstbestimmung, also selber entscheiden zu können was mit seinen Daten passiert, ist kaum noch möglich. Darum muss man dran bleiben, nachfragen und so die Unternehmen zu mehr Datenschutz und Datensicherheit treiben.
 
Der Politiker, Datenschützer und Autor Malte Spitz Der Politiker, Datenschützer und Autor Malte Spitz | Foto: www.malte-spitz.de In Ihrem Buch weisen Sie auch auf die besonderen Gefahren von Praktiken hin, bei denen verschiedene Daten zu einer Person zusammengetragen und weiterverwertet werden. Warum sehen Sie solche Praktiken so kritisch?
 
Wir leben in einer Zeit, in der Daten grenzenlos und massenhaft vervielfältigt werden können. Es braucht nicht mehr den dicken Aktenordner im Schrank, den man kopieren muss. Es werden immer öfter Daten von und über uns zusammengetragen, ohne dass wir überhaupt davon wissen. Dies wird in den kommenden Jahren drastisch zunehmen, denn unser Alltag wird vernetzter, digitaler und automatisierter. Aus allen drei Veränderungen folgt, dass unser Alltagsleben verdatet wird. Da können dann die Daten, die der digitale Stromzähler („smart meter“) misst, auf einmal interessant sein für den Tarif der Hausratsversicherung; das Fahrverhalten für die Autoversicherung; oder die Anzahl der Schritte, die man geht, für die Krankenversicherung.
 
Im internationalen Vergleich sind die Deutschen besonders sensibel, was das Thema Datenschutz und Privatsphäre angeht – wie erklären Sie sich das?
 
Die deutsche Geschichte hat leider mehrfach schmerzhaft bewiesen, was passiert, wenn staatliche Stellen ihre Macht missbrauchen, außer Kontrolle geraten und Diktaturen entstehen. Der Schutz der Privatsphäre wurde aufgegeben, allumfassende Überwachungsapparate entstanden. Millionen Menschen sind dem zum Opfer gefallen. Dies ist Mahnung genug, sich auch heute aktiv für Freiheitsrechte einzusetzen und einer Aushöhlung der Privatsphäre, egal ob durch staatliche Stellen oder Unternehmen, klar zu widersprechen.
 
Korea ist in vielerlei Hinsicht am anderen Ende der Skala: man geht mit persönlichen Daten wesentlich freizügiger um und ist zudem äußerst offen gegenüber neuen Technologien. Eine generelle Abkehr von der Technologie mit all ihren Vorzügen ist damit noch unrealistischer als in Deutschland. Was kann der Einzelne zum Schutz seiner Daten tun, ohne auf die Vorzüge von Smartphone und Co. verzichten zu müssen?
 
Korea hat im Vergleich zu vielen anderen asiatischen Staaten ein modernes Datenschutzrecht. Es geht mir gar nicht um eine Abkehr vom Fortschritt. Das Internet abschalten, sich den Prozessen von Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung entziehen, all das klappt nicht und wäre auch falsch. Unsere Aufgabe muss es sein, den digitalen Wandel zu gestalten. In Korea wird Technik produziert, die unsere Zukunft prägen wird. Wir müssen als Gesellschaft den Anspruch haben, die Technik zu prägen. Es geht um das gute Leben in Zeiten der Digitalisierung.
 
Und welche Maßnahmen können im Zeitalter von e-Government und e-Commerce auf der institutionellen Ebene den Datenschutz verbessern?

E-Government ist klasse, in Deutschland sind wir hier noch Jahre hinterher. Es geht dabei sowohl um Datenschutz, als auch Datensicherheit. Kann man die Kommunikation mit der Verwaltung komplett verschlüsseln, gibt es die Möglichkeit, sich anonym zu melden, und gibt es besondere Sicherheitsvorkehrungen bei der Datenspeicherung. Datenschutz und Datensicherheit praktisch zu leben ist möglich, es ist aber derzeit teurer und manchmal auch etwas weniger komfortabel. Aber das sollte es uns wert sein.
 

Malte Spitz (Jahrgang 1984) ist seit 2001 Mitglied der Partei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und derzeit Mitglied im Parteirat sowie Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft „Medien und Netzpolitik“. Im Mittelpunkt seiner Aktivitäten stehen Bürgerrechte, Datenschutz und Netzpolitik. 2009 verklagte Malte Spitz die Deutsche Telekom auf Herausgabe seiner Telekommunikationsverkehrsdaten, die im Rahmen der Vorratsdatenspeicherung gespeichert worden waren. Nach außergerichtlicher Einigung veröffentlichte er diese Daten 2011 gemeinsam mit Zeit Online in einer interaktiven Grafik, die von der Firma Open DataCity erstellt wurde. Sein im Oktober 2014 bei Hoffmann und Campe erschienenes Buch Was macht ihr mit meinen Daten? wurde ins Koreanische übersetzt und erschien im Mai 2015 bei Chaeksesang.