Digitale Identität „Ich dokumentiere, also bin ich“

Alain Bieber
Alain Bieber | Foto: © Alain Bieber

Die Ausstellung „Ego Update“ im NRW-Forum Düsseldorf widmet sich dem Massenphänomen Selfie. Im Gespräch erklärt der Kurator Alain Bieber, welche Bedeutung das digitale Selbstporträt für die eigene Identität hat.

Herr Bieber, machen Sie selbst auch Selfies?

Ab und zu mache ich Selbstporträts, das aber eher privat. In den sozialen Netzwerken teile ich die Fotos eigentlich nicht. Die Ausstellung habe ich nicht gemacht, weil ich Selfie-Fanatiker bin. Mich hat das Phänomen gereizt, weil sich sehr viele Künstler mit dem Thema beschäftigen. Deswegen war es an der Zeit für eine Ausstellung. Facebook nutze ich privat. Oder besser gesagt, ich gebe dort vor, eine andere Identität zu haben. Mit Profilbildern lässt sich schön spielen. Manchmal teste ich Reaktionen. Auf meinem aktuellen Profilbild posiere ich mit einer Einhorn-Maske.

Wie erklären Sie sich die Faszination für das digitale Selbstporträt, das sofort in den sozialen Medien geteilt werden will?

Heutzutage geschieht alles in einer unglaublichen Schnelligkeit. Selfies dokumentieren und verewigen, man vergewissert sich seiner selbst. Es heißt nicht mehr „Ich denke, also bin ich“, sondern „Ich existiere, also bin ich“. Man möchte Spuren seiner eigenen Identität hinterlassen. Vor Jahren habe ich, noch als Journalist, eine Reisedokumentation mit Chinesen gemacht. Vor allen Sehenswürdigkeiten haben sie sich gegenseitig porträtiert. Sie wollten den Beweis dafür haben, dass sie tatsächlich dort waren. Früher hat man Touristen dafür belächelt, heute macht es jeder. Es wird nach Halt gesucht. Wenn man noch etwas weiter gehen möchte, hat es mit der Angst vor dem Tod zu tun. Man möchte in den sozialen Netzwerken etwas von sich hinterlassen.

Sich ständig neu erfinden müssen

Kritiker sehen im Trend zur virtuellen Selbstinszenierung vor allem einen Zwang zur Selbstoptimierung. Zielt darauf auch der Begriff „Ego Update“ im Ausstellungstitel?


Ja, richtig. Meiner Meinung nach ist das durchaus vergleichbar mit Updates, die man sonst von Betriebssystemen oder Smartphones kennt. Nach einem Jahr ist das Smartphone veraltet, ein neues muss sofort her. Genauso herrscht ein Zwang, sich ständig neu zu erfinden. In den sozialen Netzwerken gibt es einen enormen Druck, dabei zu sein. Mit Selfies in Statusmeldungen auf Facebook fing es an. Meine neue Frisur, mein neuer Freund, mein neues Auto, all das teilt man in den sozialen Medien. Auch dahinter steckt die Vorstellung des Updates.

Aus „Ich denke, also bin ich“ wurde „Ich fotografiere, ich dokumentiere, also bin ich“ – so jedenfalls ist es im Vorwort des Ausstellungskatalogs zu lesen. Verlernen wir das Denken?

Aus privaten Gesprächen mit vielen verschiedenen Menschen habe ich den Eindruck gewonnen, dass das Reflektieren des eigenen Handelns tatsächlich zunehmend an Bedeutung verliert. Das ist aber auch eine Generationenfrage. Jüngere denken weniger nach, oft ist Unwissenheit im Spiel. Man muss sich den Dingen wieder bewusst werden und sich Gedanken über die eigene digitale Identität und die Privatsphäre machen, sonst entsteht tatsächlich Gefährliches wie Cybermobbing.

Folgen für die kollektive Identität

Weil wir spätestens seit Edward Snowden wissen, dass es eine Privatsphäre im Internet eigentlich gar nicht mehr gibt?


Ich will das alles gar nicht madig reden. Technologie ist per se nicht gefährlich, sondern das, was die Menschen daraus machen. Die Folgen für die kollektive Identität sind noch gar nicht absehbar. Es gibt Leute, die sich mit dem Thema digitale Demenz befassen und die Entwicklung negativ einschätzen, und es gibt die Euphoriker. Deshalb ist jetzt ein wichtiger Zeitpunkt, aktiv zu werden, um diese Entwicklung mitgestalten zu können. Ego Update kooperiert mit dem Projekt Streaming Egos – Digitale Identitäten der Goethe-Institute in Südwesteuropa. Die Ausstellung ist als Prozess angelegt, an deren Ende im Januar 2016 die Konferenz Identity Convention mit den Goethe-Instituten steht.

Worum geht es bei „Streaming Egos“?

Die Ländergruppen stellen ihre Ergebnisse auf einer internationalen Konferenz vor. Sie identifizieren dort relevante Zukunftsthemen, die anschließend transnational und digital weiter bearbeitet werden. Das Projekt konzentriert sich dabei aber auf die kollektive Version der Frage: „Wer sind wir?“ – als gesellschaftliche Gruppe oder auch als Nation, als Europäer.

Transnationale Perspektiven

Unterscheiden sich die Ausdrucksformen digitaler Identität in Deutschland von denen anderer europäischer Länder?


Genau das gilt es herauszufinden. Es sollen Diskurse und künstlerische Ausdrucksformen von digitaler Identität in den einzelnen Ländern angeregt, kreativ entwickelt, untersucht und präsentiert werden. Die initiierten nationalen Diskurse gehen in transnationale Themendiskurse über und ermöglichen eine europäische Perspektive auf individuelle wie kollektive Identitäten und wie sich diese in Zukunft mit den Potenzialen digitaler Kultur weiter entfalten können.

Im Ausstellungskatalog kommen hauptsächlich Wissenschaftler und Künstler aus dem englischsprachigen Raum zu Wort. Spielt das Thema digitale Identität unter deutschen Wissenschaftlern noch keine Rolle?

Begleitend zur Ausstellung wollen wir mit dem Katalog einen theoretischen Baustein bereit stellen. Wir haben im Vorfeld gründlich recherchiert. Tatsächlich ist es so, dass die meisten Texte aus den Vereinigten Staaten kamen. Deutschland ist immer etwas langsamer. In Deutschland herrscht eine große Technologieskepsis. Viele Wissenschaftler sind nicht auf der Höhe der Zeit. In den USA sind diese Themen viel präsenter, deshalb hat man sich dort auch schon früher auf einer theoretischen Ebene damit beschäftigt.

Im November 2015 findet im NRW-Forum die weltweit erste Cyborg-Messe statt. Liegt darin die Zukunft der digitalen Identität?

Ja, absolut. Früher im Kino war die Leinwand zehn Meter entfernt, dann kam der Fernseher mit einem Meter Entfernung, jetzt ist das Smartphone nur noch 20 Zentimeter entfernt, Virtual-Reality-Brillen hat man quasi auf der Nase und im nächsten Schritt werden Chips im eigenen Körper sitzen.

Alain Bieber ist seit April 2015 künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des NRW-Forums in Düsseldorf. „Ego Update. Die Zukunft der digitalen Identität“ ist dort seine erste Ausstellung. Sie ist noch bis zum 17. Januar 2016 zu sehen.