Seouler Siedlung im Wandel Die Langlebigen

Wandmalereien im Changsumaeul
Wandmalereien im Changsumaeul | Foto: Malte E. Kollenberg

Südkorea hat sich in einem halben Jahrhundert vom Agrarstaat zum Hightechland entwickelt. Die Slums, die sich nach dem Koreakrieg gebildet haben, und die mit der Zeit zu richtigen, wenngleich auch irregulären Siedlungen geworden sind, gelten heute als schützenswert.

Jeden Morgen, gegen 10 Uhr, füllt sich der kleine Unterstand am Ortsausgang von Changsumaeul mit Frauen. Frauen, die schon seit einem halben Jahrhundert in der kleinen Siedlung unterhalb der alten Seouler Stadtmauer leben. Und Frauen, die irgendwann in den vergangenen 50 Jahren zugezogen sind. Ab und an schaut auch mal ein männlicher Bewohner vorbei.

Dann kommt ein kleiner Laster mit Lebensmitteln vorbeigefahren. Wie ein Schwarm Bienen den Honig, umringen die Frauen den Gemüsehändler. Kaum eine ist jünger als 70 Jahre. Auf Deutsch ließe sich „Changsumaeul“ mit „Dorf des langen Lebens“ übersetzen. Die Frauen kaufen Dattelpflaumen und Pilze. Günstiger gibt es die Nahrungsmittel nirgendwo. Und vor allem nicht, ohne weit laufen zu müssen, oder gar mit dem Bus zu fahren.

Der Bus, ein leidliches Thema unter den Alten des Dorfes. Er fährt oben, hinter der Stadtmauer ab. Zu weit ist die Bushaltestelle entfernt und vor allem ist der Berg zu steil, um dorthin zu gehen. 35 Höhenmeter sind es von der Dorfhauptstraße zum Bus. Besonders im Winter ein schier unüberwindbares Hindernis. Deshalb bleiben sie an ihrem Treffpunkt, trinken Haselnusskaffee und sprechen darüber, wie sich die Siedlung gewandelt hat. Einen Ortsbus gibt es nicht.

Als die meisten von Ihnen hergezogen sind, war Seoul eine andere Welt. Und Changsumaeul, das heute zwar alten Charme versprüht, aber nichts von der Bequemlichkeit erkennen lässt, um die es Koreanern in den eigenen vier Wänden oft geht, war eine illegale Siedlung. „Hier standen Zelte und Lehmhütten“, erzählen die „Langlebigen“ des Viertels.

Nach dem Korea-Krieg, Anfang der 1950er Jahre, war Südkorea eines der ärmsten Länder der Welt. Südkorea hatte ein pro Kopf Bruttonationalprodukt von 876 Dollar. 20 Jahre später hatte sich Südkoreas pro Kopf Bruttonationalprodukt mehr als verdreifacht. Heute, nahezu 30 weitere Jahre später, liegt das südkoreanische pro Kopf BNP bei über 22.000 Dollar. Vieles läuft heute weit geregelter und rechtlich geordneter ab, als in den Jahren des Rekordwachstums.

Damals sei die Regierung auch einfach angerückt und habe alles niederreißen lassen, erzählen Changsumaeuls Bewohner. Doch kurz darauf standen die Hütten wieder. Neu aufgebaut von den Bewohnern. „Das hat sich immer wiederholt“, erinnert sich eine der alten Frauen, während sie an ihrem Kaffee nippt. Bis die Regierung aufgegeben hat. Die Siedlung war zwar nach wie vor illegal, hatte sich aber eben etabliert und wurde in Ruhe gelassen.

„Große Teile des Landes hier gehören dem Staat“, erklärt Sungjoon Baek, Professor für Stadtplanung an der Hansung Universität. Genau genommen sind es 64 Prozent der Grundfläche des Viertels. Wenn Baek aus seinem Fenster schaut, guckt er von schräg oben auf die Siedlung. Jeden Tag. Auf Häuser für die der koreanische Staat von irgendwem noch rund 16 Millionen Won pro Haus bekommt. Nutzungsgebühr für die vergangenen 50 Jahre.

„Changsumaeul war Neuentwicklungsgebiet Nummer vier“, erklärt Baek. Direkt angrenzend ist das Neuentwicklungsgebiet Nummer drei. Nur eine Straße trennt beide. „Distrikt Nummer drei wird nach wie vor neuentwickelt. Im Falle von Changsumaeul sind die Pläne verworfen worden.“

Im Jahr 2004 sah die Raumplanung der Stadt Seoul vor, das kleine Dorf, das Viertel, wenige Meter unterhalb der Stadtmauer gelegen, neu zu entwickeln. Viele der privaten Grundstücksbesitzer hatten genau darauf spekuliert. Nicht wenige Südkoreaner sind wohlhabend und reich geworden, weil auf dem Grund einer kleinen Hütte irgendwann ein riesiger Apartmentkomplex gebaut wurde. Wer keinen Grund und Boden besaß, hoffte darauf, beim Umzug in eine bessere Gegend unterstützt zu werden.

„Die Leute haben regelrecht darauf gewartet, dass die Neuentwicklung des Stadtteils beginnt,“ erklärt Junghak Bae. Er ist 47 Jahre alt, und im Ort die gute Seele. Bae ist überall dort wo seine Hilfe gebraucht wird. Er organisiert, plant und steht vor allem helfend zur Seite.

„Die Seouler Stadtmauer war erst ein Problem“, sagt er etwas nachdenklich. Direkt über dem Ort verläuft der im Jahr 1397 gebaute Schutzwall. Ein historisches Relikt, das, so ist man in Seoul mittlerweile übereingekommen, erhalten werden muss, auch des Gesamteindrucks wegen. Kein Haus im Changsumaeul darf deshalb höher sein als die Mauer. Das hat die Apartmentpläne vieler Hausbesitzer zerstört. Hochhäuser werden nicht gebaut. Statt durch geschickte Immobilienspekulation reich zu werden, sollte nun investiert werden. Die Stadt Seoul gibt einen Teil, ein weiterer kommt von den Bewohnern, Besitzern, Mietern. Doch wie die Besitzverhältnisse im Viertel sind, ist kaum nachvollziehbar.

Der Stadt ging es darum, den historischen Wert der Siedlung zu erhalten. Nicht den Slum, der Changsumaeul vor 50 Jahren war, sondern die Siedlung, die sich in den  vergangenen 30 Jahren entwickelt hat. Die Siedlung, die symbolisiert, welch langen Weg das Land bis zu den Apartments von heute zurückgelegt hat. Erhalten werden sollen die kleinen, steilen Gassen, die im Zusammenspiel mit den weiß gestrichenen Häusern mit blauem Dach geradezu Mittelmeercharme versprühen.


Doch für viele Bewohner sind auch die Beton und Steinhäuser, die sie heute bewohnen nicht mehr als „schäbige Hütten“. Trotz Renovierung sind die sanierten und vor koreanischem 80er Jahre Charme strotzenden Häuser weit von dem entfernt, was in Südkorea im Jahr 2013 als komfortables, sicheres Wohnen gesehen wird. Von Changsumaeul ist die nächste Apartmentsiedlung nur einen Steinwurf entfernt. Viele der Bewohner im Dorf würden sofort dahin umziehen. Es sind die Apartments, die Reichtum, Wohlstand und Erfolg verkörpern und deren Besitz etwas über den eigenen Lebenserfolg sagt.

Die Jüngeren sind weggezogen. Das Viertel hat einen demografischen Wandel durchgemacht, von einer Ansammlung junger Menschen, die es in die Stadt gezogen hat, hin zu einem überalterten Viertel. Wer noch in einer Siedlung wie Changsumaeul lebt, muss irgendwas falsch gemacht haben. Selber nicht hart genug gearbeitet haben, die Kinder falsch erzogen haben? Wer es sich leisten kann, zieht weg. Landflucht, Binnenmigration, mitten in der Stadt.

Der Soziologe Kim Mun Cho an der Korea Universität hat sich mit den zurückbleibenden Menschen in Orten wie Changsumaeul beschäftigt. „Es handelt sich hier um Opfer der Urbanisierung. Sie haben keine Möglichkeit weg zu ziehen,“ sagt er. Es sei nicht ihre freie Entscheidung dort zu bleiben.

Gleichzeitig ist sich Kim aber auch sicher, dass eine Auflösung der Gemeinschaft, die in einem Ort wie Changsumaeul besteht, schwerwiegende Auswirkungen auf die Befindlichkeit der ehemaligen Bewohner hätte. „Alles würde sich auf einmal ändern. Das führt zu Verwirrung“, sagt er. Der Mensch sei ein soziales Wesen; wenn Beziehungen mit anderen getrennt würden, könne man nicht mehr von „Leben“ sprechen.

Viele der Jungen sind weggezogen. Wenn Bildungsangebote, guter öffentlicher Personennahverkehr und ein genereller Komfort in Changsumaeul Einzug halte, würden die Jungen zurückkommen, ist sich der Soziologe sicher.

Neugierig beäugen die Dorfbewohner die Neuankömmlinge. Schnell spricht sich im Dorf herum, dass zwei Deutsche da seien. Designer sollen es sein. Experten für Isolationstechnik wären vielen Dorfbewohnern lieber. Aber Designer? Was die nur gestalten möchten, fragt man sich. Im Winter ist es kalt in den Häusern. Wärmedämung wollen die Leute.

Daniel Pietschmann und Fynn-Morten Heyer haben Quartier in der Nähe des Dorfes bezogen. Drei Wochen lang wird das ihr Arbeitsplatz sein. Drei Wochen lang wollen sie versuchen, sich in das Dorfleben zu integrieren, wollen verstehen, was in der Gemeinschaft passiert, wie sie funktioniert? Warum welche Dinge von wem im Dorf wie gehandhabt werden? „Dass während der Zeit, in der wir da waren, das ganze Dorf eine Baustelle war und überall Gasleitungen verlegt worden sind, ist natürlich etwas, von dem die Leute profitieren“, sagt Daniel Pietschmann. Schnell war den beiden Designern klar, dass die Infrastruktur nicht das ist, worauf sie sich konzentrieren sollten. Gar könnten. Die soziale Interaktion im Dorf, die Menschen, die die Stadt gestalten, die den Großmüttertreffpunkt bevölkern, Menschen wie Dorfmanager Bae, weckten ihr Interesse.

Pietschmann und Heyer haben, so könnte man sagen, rund um den Globus Urbanisierungsprobleme gelöst. In Hamburg und in Istanbul haben sie den städtischen Lebensraum gestaltet und in Belgrad haben sie mit dem Goethe Institut bereits zusammengearbeitet. In Seoul sollen sie etwas Ähnliches machen. Dafür müssen sie sich in die Welt der Dorfbewohner hineinversetzen.

„Wir haben einen Fragebogen entwickelt, um über allgemein gefasste Fragen auf kollektive Potentiale zu stoßen“, erklärt Fynn-Morten Heyer. Schnell stießen sie auf Gentrifizierung. Auf Probleme, die sich teils bis in die Anfänge des Dorfes zurückverfolgen lassen. Und auf Akteure, die eine Dorfgemeinschaft geschaffen haben, die es in uniformen, anonymen Apartmentsiedlungen so kaum noch gibt.

Was im Jahr 2013 in Südkorea, dem bestvernetzten Land der Welt selbst unter Nachbarn im Internet stattfindet, funktioniert im Changsumaeul noch auf althergebrachte Art. Persönliche soziale Interaktion der Bewohner und die urbanen Räume, die ihnen dafür zur Verfügung stehen kristallisierten sich für die Designer zum richtigen Ansatzpunkt heraus.

Als sich Pietschmann und Heyer dem Dorf vorstellen wollen – im Bürgerhaus – merken sie schnell, wo das Problem liegt. Nur wenige Bewohner machen sich auf den anstrengenden Weg in das am Berg gelegene Gebäude.

Manager Bae führt die beiden in den folgenden Tagen an die Orte, an denen das Dorfleben stattfindet. Immer wieder auf kleinen Pfaden und steilen Treppen durch das Viertel. Dorthin, wo sich die alten Frauen des Dorfes treffen. Den kleinen Unterstand, in der Kurve, vor dem Ortsausgang, gegenüber dem einzigen kleinen Geschäft im Viertel. Der Platz, den so gut wie alle erreichen können. Von hier aus wollen Heyer und Pietschmann im Projektteil 2014 den urbanen Raum, die Stadt, in der sich die „Langlebigen“ bewegen, kreativ verbessern.

Im Viertel beginnt sich langsam die Erkenntnis durchzusetzen, dass es Zeit ist, sich zu beteiligen. Dass es nicht mehr die Stadt, die Regierung ist, die bestimmt wohin es mit dem Dorf geht. Sondern, dass es die Bewohner sind, die ihre Umwelt gestalten können. Die aus ihrer kleinen Siedlung einen Ort machen können, an dem sie selber gerne lange leben.

Für Heyer ist genau das das Ziel für 2014: „Es ist immer wieder furchtbar wertvoll, wenn Menschen selbstorganisiert handeln. Wenn man im Austausch mit der Stadt steht, und nicht in einer reinen Abhängigkeit.“ Sich selbst zu organisieren und die Kommunikation im Viertel zu verbessern, dabei wollen Pietschmann und Heyer im April helfen. Wie genau, das ist noch nicht klar. Fest steht, sie wollen die Kreativität der Bewohner nutzen. Die sich über ein halbes Jahrhundert entwickelte Sozialstruktur im Ort soll gestützt werden. Denn das Projekt soll nachhaltig sein. „Langlebig“, wenn man so möchte.