Smart Cities Wer baut die Stadt von morgen?

Schöne neue urbane Welt – Vision für die Stadt der Zukunft;
Schöne neue urbane Welt – Vision für die Stadt der Zukunft; | © LAVA/Fraunhofer IAO

Aufmerksamkeit erzeugte der Begriff „Smart City“ bisher vor allem durch asiatische Großprojekte. Doch auch in Deutschland spielt das Konzept eine zunehmend wichtige Rolle.

Das Schicksal der Menschheit liegt – statistisch gesehen – in der Stadt. Mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung leben bereits in urbanen Zentren, im Jahr 2050 werden es voraussichtlich mindestens 70 Prozent sein. Ein Großteil des weltweiten Energieverbrauchs und Ausstoßes von Treibhausgasen fällt in den Städten an. Daher hat die zukünftige Entwicklung der Städte großen Einfluss auf deren Umfeld. Wissenschaft, Politik und Industrie haben das erkannt und arbeiten an einer Lösung für die mit der Verstädterung verbundenen Probleme. Eine solche könnte die Smart City sein, auch Zukunfts-, Morgen- oder Ökostadt genannt.

„Mobil, sicher, nachhaltig“

Beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) werden Smart Cities als „CO2-neutrale, energie- und ressourceneffiziente und klimaangepasste Städte von morgen“ bezeichnet. Das BMBF organisiert seit einigen Jahren gemeinsam mit der Initiative Wissenschaft im Dialog sogenannte Wissenschaftsjahre. 2015 widmet sich das Wissenschaftsjahr ganz der Zukunftsstadt. Bürger, Wissenschaftler und Kommunen sollen sich im Themenjahr besser informieren und vernetzen, mit dem Ziel, auch die Forschung transparenter zu gestalten. Nach einer Definition der Fraunhofer-Gesellschaft ist eine Smart City eine „informierte, vernetzte, mobile, sichere und nachhaltige Stadt“.

Die Zukunft ist nah

Die „klugen Städte“ können viel leisten: Intelligente Leitsysteme regeln den Verkehr, sogenannte Energieinformationsnetze transportieren Energie und reduzieren im besten Fall gleichzeitig deren Verbrauch, der per Datenfluss überwacht wird. Mit Hilfe von intelligenten Informations- und Kommunikationstechnologien können alle wichtigen Bereiche wie Verkehr, Verwaltung, Gesundheit, Wohnen, Bildung und Kultur vernetzt und kontrolliert werden. Diese intelligente neue Welt, in der es für alles eine technische Lösung gibt, ist laut der Fraunhofer-Gesellschaft „näher, als Sie denken“.

Tatsächlich wird an den Zukunftsstädten längst gebaut. Spektakuläres Beispiel ist die südkoreanische Planstadt New Songdo City, deren Grundstein 2003 gelegt wurde und in der heute mehr als 20.000 Menschen leben. Oder Fujisawa Sustainable Smart Town: eine Modellsiedlung in einem Außenbezirk von Tokio, die 2018 etwa 1.000 Haushalte umfassen soll. In Europa konzentriert man sich bislang eher auf das Implementieren von Smart-City-Elementen in bereits existierende Städte. Amsterdam Smart City oder Smart City Wien nennen sich entsprechende Projekte.

Telekom-City – ein deutsches Projekt

Das bisher umfassendste deutsche Smart-City-Projekt ist die Telekom-City Friedrichshafen. Zunächst für fünf und dann für weitere drei Jahre wurden in der Stadt im Bundesland Baden-Württemberg Smart-City-Anwendungen in Verwaltung („E-Government“), Verkehr („E-Ticketing“) und dem vernetzten Zuhause erprobt. Das im Februar 2015 abgeschlossene Projekt sollte zeigen, welchen Mehrwert innovative Informations- und Kommunikationstechnologien erzeugen.

Die Stadtforscher vom Geographischen Institut der Universität Bonn, die das Projekt begleitet hatten, kamen zu einem positiven Fazit. Auch die Stadt Friedrichshafen und die Deutsche Telekom gaben an, im Laufe des Projektes viel gelernt zu haben. Die angestrebte breite Beteiligung und Begeisterung der Bevölkerung sei jedoch „nicht gelungen“, heißt es in einer Erklärung. Und: „Für viele Bürger blieb das Thema zu abstrakt.“

Kritik an der Smart City

Es sind große Firmen, die das Thema Smart City seit Jahren vorantreiben. Der technische Ausbau von New Songdo City liegt in der Hand des Technologie-Unternehmens Cisco; Fujisawa Sustainable Smart Town wird von einem von Panasonic angeführten Konsortium aus 18 Firmen gebaut. Der deutsche Technologiekonzern Siemens ist unter anderem in der Ökostadt Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten präsent. Selbst in den EU-Smart-City-Gremien, die über EU-Richtlinien und Fördergelder entscheiden, sitzen Firmenvertreter.

Das ist einer der Hauptkritikpunkte von Christoph Laimer, Vorsitzender des Wiener Vereins für Stadtforschung Derive und Chefredakteur des gleichnamigen Magazins. Für ihn und andere Kritiker geht es bei fast allen Smart-City-Projekten nicht um Bürgerinteressen. Smart City sei ein von Konzernen angeführtes, zentralistisches Top-Down-Projekt, das Kommunen unter Zugzwang setze und in denen Bürger allenfalls als Konsumenten erscheinen, kritisiert Laimer. Er fordert eine öffentliche, „objektive Auseinandersetzung mit der derzeit dominantesten Planungsvision für die Zukunft unserer Städte“.

Wissenschaftsjahr als Chance

Vielleicht sorgt ja das „Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt“ für diese Diskussion. Mehrere hundert Veranstaltungen sind angesetzt, darunter ein Städtewettbewerb, an dem 52 Kommunen teilnehmen. Erklärtes Ziel des Wissenschaftsjahres ist es, gemeinsam Lösungen für nachhaltige Stadtkonzepte zu finden. Die Zukunftsstadt gilt hier als „Mitmachstadt“ und der Bürger als „gleichberechtigter Partner“, ohne den „die nachhaltige Entwicklung der Städte“ nicht gelingt.