Haebangchon Seouls „Befreiungsdorf“ im Wandel

Blick vom Berg Namsan auf das Viertel Haebangchon.
Blick vom Berg Namsan auf das Viertel Haebangchon. | Foto: Goethe-Institut Korea/Keun Young Lee

Der Seouler Stadtteil Haebangchon liegt am Hang des Berges Namsan – und in nächster Nachbarschaft des hiesigen Goethe-Instituts. Mit der anstehenden Verlegung der US-Truppen weg aus der südkoreanischen Hauptstadt und der damit verbundenen Neugestaltung großer Teile des Seouler Zentrums stehen auch dem historisch bedeutsamen Haebangchon weitreichende Veränderungen bevor. Ein Interview mit dem Stadtplaner GwangYa Han,  der Inhaberin der Galerie Art Space One im Haebangchon InYoung Yeo und Martin Rein-Cano vom Berliner Landschaftsarchitekturbüro Topotek 1.

Herr Professor Han, Frau Yeo, was macht das Haebangchon so besonders? Können Sie uns ein wenig über die Geschichte und den Charakter dieses Viertels erzählen?
 
GwangYa Han: Haebangchon am südlichen Hang des Namsan zählt 13.200 Einwohner und war die erste Ansiedlung an dem Berg. Nach der Unabhängigkeit Koreas 1945 ließen sich verschiedene Migranten, die am Hauptbahnhof in Seoul ankamen, einstweilig nieder: aus dem Ausland heimkehrende Koreaner, Flüchtlinge und Vertriebene aus Nordkorea und andere, die im Koreakrieg Zuflucht suchten. Daher wurde diese Gegend auch Haebangchon genannt, „Dorf der Befreiung“. Haebangchon galt seither als repräsentatives Beispiel für die Alltagskultur und das Stadtbild der Entstehungsphase des modernen Korea und ist in gewisser Weise eine Art lebendes Museum eines koreanischen Wohnviertels. Zum Gebiet des Haebangchon zählt auch der Stadtteil Itaewon im Süden, der als Geschäftsviertel in der Nähe der US-Militärbasis (US Army Garrison Yongsan) entstand. Aus diesem Grund ist dieser Stadtteil auch ein multikulturelles Mosaik mit einem Ausländeranteil von über zehn Prozent – Tendenz steigend.

Im Haebangchon findet man noch alte Läden, die an längst vergangene Zeiten erinnern. Im Haebangchon findet man noch alte Läden, die an längst vergangene Zeiten erinnern. | Foto: Goethe-Institut Korea/Keun Young Lee InYoung Yeo: Die Bevölkerung im Haebangchon fluktuiert immer noch sehr stark und das Viertel zieht auch heute nach wie vor Menschen vieler Nationalitäten an – vielleicht aufgrund dieses historischen Hintergrundes. Die Ausgeh- und Restaurantszene ist eher klein und unauffällig, aber dafür vielfältig und komplex. Der Bereich oben um die Haebangchon Rotary, der den Stadtteil mit der Grünzone am Namsan verbindet, ist derzeit zwar noch schwer zu erreichen, weil die Gehwege oft fehlen. Aber wenn man erst einmal oben ist, bietet er herrliche Luft und eine wunderbare Aussicht. Haebangchon ist eine interessante Gegend, in der Menschen unterschiedlichster Couleur und aus den verschiedensten Motiven wohnen, arbeiten, zu Besuch oder künstlerisch tätig sind - von alten Leuten, die hier schon seit fünfzig Jahre ansässig sind, bis hin zu Touristen, die nur für einen Tag vorbeischauen.
 
Herr Rein-Cano, Sie waren bereits öfter in Seoul, im Herbst 2016 aber das erste Mal im Haebangchon. Was war Ihr Eindruck von dem Viertel?

Martin Rein-Cano: Ich habe einen sehr positiven Eindruck gewonnen. Man findet hier kleine Geschäfte, Friseurstuben, Obst- und Gemüseläden, Metzgereien, Kleidergeschäfte und dazwischen immer wieder Bars und Restaurants. Es ist ein traditionelles und kleines Viertel, das voller Leben und sehr facettenreich ist.
 
Der Sinheung-Markt Der Sinheung-Markt | Foto: Goethe-Institut Korea/Keun Young Lee Frau Yeo, Ihre Galerie Art Space One hat vor zwei Jahren im Haebangchon eröffnet. Was passiert hier momentan? Wie ist die Stimmung im Viertel?
 
InYoung Yeo: Das Haebangchon verändert sich zurzeit mit großer Geschwindigkeit und spiegelt damit auch die generelle Entwicklung der Stadt Seoul wider. Cafés und Restaurants verschwinden und entstehen im schnellen Wechsel, so dass man beinahe jede Woche scherzhaft bemerken kann: „Oh, es gibt ja schon wieder ein neues Menü!“ Auch im Sinheung-Markt, wo sich Space One befindet, entstehen durch junge Leute ständig neue Räumlichkeiten: Cafés, Werkstätten, Ateliers und Bücherläden. Gemeinsam ist ihnen, dass hinter ihnen junge und unabhängige Menschen stehen, die die Räume eigenhändig reparieren, Wände streichen und sich so ihren ganz eigenen Raum schaffen. Und diese Aktivitäten locken immer mehr junge Leute an. Woran es vielleicht noch ein wenig mangelt ist die Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren und Einrichtungen. Um diese Lücke zu schließen, planen wir von Space One derzeit Kunstprojekte im öffentlichen Raum hier im Markt. Wir haben das Gefühl, dass die vielen geschichtsträchtigen Elemente, die sich hier im Markt selbst finden, viel Interesse und positive Energie wecken können.

Herr Professor Han, die Stadt Seoul plant eine umfassende Revitalisierung des Stadtteils. Was ist genau geplant?
 
GwangYa Han: Die Stadt Seoul hat im Januar 2015 unter Beteiligung des Stadtbezirks Yongsan ein großes Stadtteilrevitalisierungsprojekt für Haebangchon begonnen, das bis 2018 abgeschlossen sein soll. Dabei geht es nicht darum, den Stadtteil mit Bulldozern platt zu machen, um neuen Wohnraum zu schaffen. Wir verfolgen vielmehr das Ziel, bestehende gemeinschaftliche Organisationsstrukturen neu zu beleben, neue Arbeitsplätze hier im Viertel zu schaffen, das physische Wohnumfeld der Anwohner zu verbessern und die Bereitschaft und Kompetenz der Bürger zur Eigenorganisation zu stärken, damit sie diese Aufgaben mittel- und langfristig selbst bewältigen können.
 
Wir sind derzeit dabei, die Planungsphase für die Revitalisierung des Stadtteils abzuschließen, und haben für die Umsetzung acht zentrale Projekte ausgewählt, die nun umgesetzt werden sollen, unter anderem die Errichtung eines Gemeindezentrums und die Wiederbelebung des Sinheung-Marktes. Außerdem gehen wir noch zehn weitere Kooperationsprojekte an und bringen momentan vor allem Ausschreibungen und Informations- und Fortbildungsprogramme für die Anwohner voran.

Eines der alternativen Kunst- und Kulturprojekte im Sinheung-Markt. Eines der alternativen Kunst- und Kulturprojekte im Sinheung-Markt. | Foto: Goethe-Institut Korea/Keun Young Lee Eine letzte Frage an Sie alle: Wie stellen Sie sich Haebangchon in zehn Jahren vor?
 
Martin Rein-Cano: Die Menschen lieben dieses Viertel, weil es so vielfältig und von Leben erfüllt ist. Aber das Problem bei einer Sanierung dieser Gegend kann sein, dass die besondere, ursprüngliche Eigenart des Viertels vielerorts zerstört wird, wenn man alles vollkommen neu gestaltet. Deshalb ist es aus meiner Sicht wichtig, dass man bei der Stadtentwicklung das Gesicht des Ortes nicht vollkommen verändert, sondern die Besonderheiten des Viertels so gut es geht bewahrt.  
 
GwangYa Han: Als Stadtplaner und als jemand, der mit der materiellen Gestaltung des urbanen Raumes befasst ist, ist meine Vision für das Viertel Haebangchon die Verwandlung in eine Gegend, in der man gerne wohnt. Es besteht allerdings die Gefahr, dass die geplante Schaffung des Yongsan-Parks auf dem Gelände der derzeitigen US-Militärbasis und die daraus möglicherweise resultierende übermäßige Kommerzialisierung die Atmosphäre des Viertels massiv beeinflussen könnte. Damit die Identität des Viertels als die älteste Wohngegend am Namsan bewahrt werden kann, braucht es wirkungsvolle Maßnahmen und eine langfristige Strategie von Seiten der Bürger.

Das Haebangchon liegt am Hang des Namsan mit seinem weithin sichtbaren Fernsehturm. Das Haebangchon liegt am Hang des Namsan mit seinem weithin sichtbaren Fernsehturm. | Foto: Goethe-Institut Korea/Keun Young Lee Ich hoffe, dass es bei der Neugestaltung des Haebangchon gelingt, die grundlegende kulturelle und soziale Infrastruktur zu schaffen, die die Bewohner des Viertels bislang schmerzlich vermisst haben. Es wäre schön, wenn die öffentlichen Investitionen zu einer Belebung des Gemeinschaftsgeistes unter den Anwohnern beitrügen und die Bewohner allmählich dahin geführt werden könnten, selbst aktiv die Verbesserung ihres Wohnumfeldes in die Hand zu nehmen. Wenn es gelingt, öffentliche Investitionen und Bürgerbeteiligung miteinander zu verbinden, werden wir die Revitalisierung des Haebangchon als erfolgreich ansehen können.
 
Seit anderthalb Jahren bereite ich dieses Projekt gemeinsam mit dem Bürgerkomitee im Haebangchon vor. In dieser Zeit habe ich erleben können, dass die Anwohner genug Verbundenheit mit ihrem Stadtteil und genug Leidenschaft besitzen, um in Zukunft den Wandel des Haebangchon führend zu gestalten. Das Haebangchon mit dem Namsan und seinen Spazierwegen entwickelt sich derzeit zum Positiven. Ich bin mir sicher, dass es in Zukunft in seinem vollen Glanz erstrahlen wird.
 
InYoung Yeo: Wenn ich mir das Haebangchon in zehn Jahren vorstelle, kommt mir der Begriff „Koexistenz“ in den Sinn. Die vielen kleinen Details, die sich im Laufe von fünfzig Jahren hier angesammelt haben, die Ladenschilder, Geschäfte, Gebäude und Betonmauern, sie werden weiter Bestand haben und bewahrt werden. Gleichzeitig werden sie mit neuen, jungen Bücherläden, Räumlichkeiten für Kunstprojekte, Werkstätten und Ateliers koexistieren und mit ihnen in Austausch treten. Die Schaffung einer Infrastruktur mit materiellen und immateriellen Räumen für den Einzelnen und die Gemeinschaft, sicheren Fußgängerwegen, einem flexiblen Design und einer flexiblen Nutzung des öffentlichen Raumes, geschützten individuellen, privaten Räumen und der Einrichtung eines beweglichen Raumes, in dem die verschiedenen Einzelräume verbunden sind und miteinander kommunizieren – all dies sind Dinge, die ich mir für ein Haebangchon in zehn Jahren wünschen würde.