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Berlinale-Blogger*innen 2022
Angst essen uns auf

Die Bewohner*innen eines Wohnhauses am Waldrand werden von Angst erfasst und beginnen, einander zu misstrauen.
Die Bewohner*innen eines Wohnhauses am Waldrand werden von Angst erfasst und beginnen, einander zu misstrauen. | Foto (Detail): © Jan Mayntz / HEARTWAKE films

Jessica Krummachers Film „Zum Tod meiner Mutter“ in der Sektion „Encounters“ und der Eröffnungsfilm der „Perspektive Deutsches Kino“, „Wir könnten genauso gut tot sein“ von Natalia Sinelnikova, erzählen von jeweils anderen Ängsten. Die beiden deutschen Filme zeigen am Beispiel einer zutiefst persönlichen Geschichte und dem Beispiel einer Gemeinschaft, was passiert, wenn die Angst uns aufisst und ins Chaos stürzt.

Von Hyejin Lee

„Wir warten auf deinen Tod. Einatmen, ausatmen, geh. Meine Liebe, lass los.”
 
Als Kerstin nach langer Krankheit die Hoffnung verliert, entschließt sie sich zu sterben. Sie verweigert jegliches Essen und Trinken, bewältigt die Schmerzen mit Morphinpflastern und wartet auf den Tod. Doch der Mensch ist zäh, und das Leben geht nicht so einfach vorüber. Der Anblick ihrer Mutter, die Tag für Tag mit der Angst vor dem Tod und mit dem Fluch ihrer Krankheit kämpft, lässt ihre Tochter Juliane verzweifelt auf einen baldigen Tod ihrer Mutter hoffen. Die Angst der Mutter Kerstin vor dem, wenn auch selbstbestimmten, Tod und die Verlustangst von Juliane, die all dies hautnah miterlebt, existieren in einem unberechenbaren Wartezustand nebeneinander. Anhand von Mutter und Tochter, beide auf ihre eigene Weise zunehmend erschöpft, thematisiert die Regisseurin zutiefst private und menschliche Ängste.

Als der letzte Moment da ist, braucht Juliane die Fürsorge ihrer Mutter Kerstin nicht mehr und kann diese in die Arme schließen. Als der letzte Moment da ist, braucht Juliane die Fürsorge ihrer Mutter Kerstin nicht mehr und kann diese in die Arme schließen. | Foto (Detail): © Gerald Kerkletz
Während des qualvollen Wartens auf den Tod bereiten sie sich mit den Freunden der Mutter auf den Abschied vor, aber ein Tag wird zu einer Woche, eine Woche wird zu zwei Wochen, ohne dass ein Ende in Sicht ist. Juliane scheint verloren und unentwegt angespannt angesichts der Fragen, was der baldige Tod der Mutter bedeutet, wie er aussehen wird, und wie sie damit umgehen soll. Dies wird in der ersten Hälfte des Films durch das Wackeln der Handkamera und den langsamen und unregelmäßigen Atem des Filmes dargestellt. Die Lebenden sind die, die nach dem Tod zurückbleiben. Nach langem Leiden ist die Mutter langsam aus dem Leben gegangen, und Juliane ist alleine. Ob sie wohl von aller Last befreit ist?

Die vielen Ängste innerhalb der Gesellschaft: „Ich bin noch da!”
 
In einem Hochhaus am Waldesrand suchen die auserwählten Bewohner*innen neue Mitbewohner*innen durch einen strengen Auswahlprozess aus. Der Film beginnt mit dem Auftritt einer neuen Bewerberfamilie. Die Hauptfigur Anna ist Sicherheitsbeauftragte des Hochhauses und als solche auch dafür zuständig, den Bewerber*innen die Räumlichkeiten zu zeigen und ihre Bewerbungsunterlagen an das Verwaltungsgremium weiterzuleiten. Wer in einer Großstadt wie Berlin schon einmal eine Wohnung gesucht hat, dem wird die Gemütslage der Bewerber*innen, die verzweifelt darauf hoffen, den Zuschlag zu bekommen, nicht fremd sein. Die Wohnungsuche ist vor allem für Migrant*innen die erste Hürde, die sie in der neuen Gesellschaft zu bewältigen haben, und gleicht einer Eintrittskarte, mit der sie endlich richtig in die fremde Welt Einlass erhalten können. Sie verpfänden dabei ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit und überleben im Anschluss dadurch, dass sie unentwegt ihre Nützlichkeit unter Beweis stellen müssen. Die nicht deutsche Anna konnte nur einziehen, weil das selbsterklärt weltoffene Verwaltungsgremium Wert auf „Multikulti“ legte, und arbeitet nun härter als alle anderen.
Die Tochter Iris, die sich aus Schuldgefühlen und vagen Ängsten heraus im Badezimmer einschließt, und ihre Mutter Anna, die Sicherheitsbeauftragte. Die Tochter Iris, die sich aus Schuldgefühlen und vagen Ängsten heraus im Badezimmer einschließt, und ihre Mutter Anna, die Sicherheitsbeauftragte. | Foto (Detail): © Jan Mayntz / HEARTWAKE films
In den Beziehungen der Bewohner*innen dieses so unerschütterlich wirkenden Hochhauses brechen ausgelöst durch einen kleinen Zwischenfall Konflikte auf, und sie werden innerhalb kürzester Zeit von der Angst verschlungen. Die Pfeile richten sich schließlich auf Anna und deren Tochter Iris und es wird versucht, sie aus der Gemeinschaft auszustoßen. Anna strampelt sich ab, um zu überleben, zieht dabei andere unter ihr stehende Bewohner*innen ins Verderben, und wird schließlich dennoch ihrer Wohnung verwiesen. Wobei sie natürlich nicht still und leise verschwindet. Erst nachdem endlich ihre Tochter Iris ihren Auftritt hat und einen unglaublich detaillierten Fluch ausspricht, gehen die beiden Frauen. In dieser unterhaltsamen Satire werden „wir“ gespiegelt, wie wir uns abstrampeln, um von der Gesellschaft, in der wir leben, nicht ausgestoßen zu werden. Dadurch gewinnt der Film universale Bedeutung, was bitter ist. Annas und Iris‘ Platz wird nach ihrem Fortgang wohl von einem weißen Paar mit Kindern gefüllt, das schwört, als gute Nachbarn seinen Mund zu halten und beim Sex leise zu sein – wenn es nur einziehen darf.
 

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