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Journalist Sören Kittel
„Traurigkeit fällt in Korea auf einen Resonanzboden“

Straßenszene in Seoul
Straßenszene in Seoul | Foto: Alexandra Lottje

Ein gutes Jahr reist Sören Kittel durch Südkorea. Das Ergebnis ist der 2016 erschienene Reisebericht „An guten Tagen siehst du den Norden“, der zu den aktuellsten deutschsprachigen Büchern über Korea gehört. Ein Gespräch über „Han“, das Verständnis des Fremden und koreanisches Machertum. 

Herr Kittel: Warum ein Buch über Korea?
 
Ich bin zum Glück angesprochen worden, ob ich das Buch machen will. Ich war zunächst mit dem Stipendium der Internationalen Journalisten-Programme hier, die jedes Jahr vier Journalisten nach Asien schicken und vier aus Asien empfangen. Ich entschied mich dann für Korea und hatte gegen Ende der Zeit noch einmal die Gelegenheit, nach Nordkorea zu kommen. Als Ergebnis habe ich dann ein Dossier für die „Welt“ geschrieben, für das ich den Meridian-Journalistenpreis für Reisejournalisten bekam. Und dann rief mich der DuMont-Verlag an, ob ich nicht ein Buch machen will.
 
In Ihrem Buch zieht sich das Konzept des „Han“ wie ein roter Faden durch das Buch. „Eine Form der universellen Traurigkeit, die sich nie auflöst“, so wird es beschrieben. Was war der Anlass dafür?
 
Gin, ein koreanischer Freund von mir, der inzwischen verstorben ist, erzählte mir als Erstes von diesem unübersetzbaren Begriff. Wenn ich die Menschen heute, zwei Jahre später, auf „Han“ anspreche, sagen mir viele, dass das eine Sache der Vergangenheit ist. Das gebe es nicht mehr so richtig. Aber damals hatten die Menschen alle etwas, das sie damit verbanden. Ich war auch privat in einer traurigen Stimmung, undeine solche Stimmung fällt in Korea einfach auf einen Resonanzboden. Das ist ein Gefühl, das man nicht wegdiskutieren kann. Ich lernte zum Beispiel eine Frau kennen, die mich mit dem Auto mitnahm und mir plötzlich ihr Herz ausschüttete. Sagt, dass sie ihren Mann schon seit Jahren nicht mehr liebe und nur noch wegen der Kinder da sei. „Und wie heißt das bei euch, YOLO? Youonly live once?” Dieses Konzept, dass man manche Dinge einfach mal machen muss, weil man eben nur einmal lebt, das kannte sie nicht. Das hat mich berührt, und deswegen dachte ich, „Han“ könnte eine Art Leitmotiv für das Buch werden.
 
Sören Kittel Sören Kittel | Foto: privat Jedes Kapitel ist eine Geschichte in sich, mit einer Person im Mittelpunkt. Wie sind Sie auf die Geschichten gestoßen?
 
Ich legte zu Beginn diese Route fest, auf der ich einmal durchs Land reiste. Und beschloss, dass ich das Buch an Menschen aufhänge, da ich gerne Porträts schreibe und gerne pro Kapitel eine Person näher beschreiben wollte. Viele Koreaner, aber eben auch immer wieder Deutsche, die hier leben. Auf die Geschichten kommt man bei Recherchen. Als Journalist hier sucht man ungewöhnliche Sachen, die man deutschen Medien anbieten kann. Irgendwann habe ich zum Beispiel erfahren, dass es hier ungewöhnliche Hotels gibt, dann fand ich das Topfhotel aus Kapitel 11. Der Ort war dann einfach  wundervoll, genau im Westen auf der Insel Yeongheung-do, und weit weg. Und das war wirklich ein tolles Winter-Wochenende für mich. Das war auch das Kapitel, in dem die Frau sagt, „Da, an guten Tagen kannst du den Norden sehen“. Das kam dann auf den Titel.
 
Sie sprechen nicht viel Koreanisch, waren auch nur eineinhalb Jahre hier. Dennoch spricht aus Ihrem Buch ein profundes Verständnis des Landes und auch der Lebenserfahrung Deutscher hier. Wie haben Sie sich das erarbeitet?
 
Ich habe ein halbes Jahr Koreanisch an der Sogang-Universität studiert, jeden Tag vier Stunden. Zumindest kurze Gespräche waren also möglich. Aber sonst… Vielleicht die Gespräche mit Gin? Er hat mir immer viel erklärt. Ich habe auch einiges in Geschichtsbüchern nachgelesen. Aber vielleicht ist es auch das Journalistische. Dass man einfach versucht, Sachen noch einmal zu recherchieren oder den Spuren von damals im Jetzt nachzuspüren.
 
Gibt es Geschichten, bei denen es Ihnen Leid tat, dass sie nicht im Buch gelandet sind?
 
Yeosu. Da liefst du durch die Hallen der Weltausstellung undkonntest dieses große Schild sehen, Brasilien nach rechts, Italien dort lang. Alles stand noch so da, als wären sie erst am Vortag da ausgezogen. Das war eine ganz seltsame Stimmung. Damals war die Weltausstellung ja auch erst zwei oder drei Jahre her. Daran hätte man schön darstellen können, wie Korea eine Rolle spielen will. So große monumentale Dinge, die sie einfach machen! Was ich schon auch gut finde, weil es inspirierend ist.

Mallipo ist der andere Ort, den ich nicht im Buch habe, an dem ich mich aber so richtig wohlgefühlt habe. Das ist ein Strand an der Westküste. Ich war im September da, es war so wahnsinnig schön. Noch ganz sommerlich, ganz einsam, und Love Hotels, die auch irgendwie Charme hatten. Das war wie in einem Roman, in dem sich jemand zum Schreiben zurückzieht. Ich habe da auch ein Kapitel des Buches geschrieben.
 
Wie war die Reaktion in Deutschland auf das Buch?
 
Ich hatte in Leipzig zwei Lesungen bei der Buchmesse,es war richtig voll! Das Buch verkauft sich ordentlich. Es ist vor allem ein Longseller, in den Regalen steht es mit dem „Fettnäpfchenführer Korea“ von Jan-Rolf Janowski. 
 
Wird man von Ihnen noch mehr über Korea lesen?

 
Ja, sicher! Leider ist Korea für deutsche Medien oft zu weit weg. Aber ich habe auch gerade erst wieder einen Text zu Korea geschrieben, der in der Zeitung erschienen ist. Also ich würde sagen: Ja.
 

Sören Kittel: „An guten Tagen siehst du den Norden“ Cover: DuMont-Reiseverlag Sören Kittel, geboren 1978 in Dresden, studierte Ethnologie und Südostasienwissenschaften. Er war fünf Jahre Reporter bei der Berliner Morgenpost und zog 2014 nach Seoul. Von dort arbeitete er als freier Journalist für „Die Welt“, „brandeins“ und „Cicero“. Zurzeit lebt er in Berlin und arbeitet für die Zentralredaktion der Funke-Mediengruppe. Sein Buch „An guten Tagen siehst du den Norden“ erschien im Oktober 2016 im DuMont Reiseverlag.
 


 

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