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Corona und das Goethe-Institut in Ostasien
„Ungeahnte Kräfte und eine Extraportion Teamgeist“

Thank you Challenge
Die Mitarbeiter*innen des Goethe-Instituts Korea mit ihrem Beitrag zur „Thank You Challenge“ | Foto: Goethe-Institut Korea

Die Corona-Pandemie hält die Welt weiterhin im Griff. Auch die Goethe-Institute sind in unterschiedlichem Ausmaß von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. Wir haben Marla Stukenberg, Leiterin der Region Ostasien und Institutsleiterin des Goethe-Instituts Korea gefragt: Wie haben sich die Arbeitsbedingungen entwickelt? Wie geht es den Kolleg*innen vor Ort? Und welche Perspektiven hält die Krise bereit?

Frau Stukenberg, die Region Ostasien war als erstes von der Pandemie und ihren weitreichenden Auswirkungen betroffen. Wie haben Sie den Beginn der Pandemie und den Verlauf seitdem erlebt?

Der Ausbruch der Krise Anfang Januar 2020 hat die Region Ostasien von heute auf morgen kalt erwischt. Den Beginn der Epidemie, die sich dann zur Pandemie ausweiten sollte, haben wir erlebt wie eine Vollbremsung: wir waren in voller Fahrt mit tollen Plänen für das Jahr 2020 – und plötzlich standen ganz andere Fragen im Vordergrund. Dafür gab es keine Blaupause. Es musste zügig gehandelt werden, um alle Mitarbeiter*innen und Besucher*innen der Institute zu schützen und vor Ort die jeweils richtige Lösung zu finden. Aber eine solche Herausforderung setzt auch ungeahnte Kräfte und eine Extraportion Teamgeist frei.

Im Verlauf der Pandemie war zu beobachten, dass sich die Menschen in den Ländern Ostasiens weitestgehend an die Vorgaben hinsichtlich Abstandhalten, Hand- und Nieshygiene halten, ohne dass hier strengste Kontrollen notwendig waren. Das Tragen von Masken ist in Ostasien ohnehin weit verbreitet und daher aktuell überall üblich. Auch ist das Vertrauen in umfangreiche Testungen hoch; die Nutzung von eigens entwickelten Corona-Apps ist verbreitet und wird vom überwiegenden Teil der jeweiligen Bevölkerung als erforderlich und hilfreich gesehen; datenschutzrechtliche Bedenken werden eher vereinzelt geäußert. Die Infektionskurve wurde dadurch an den meisten Orten relativ flach gehalten. In den Ländern der Region wurde – abgesehen von den epidemischen Zentren Wuhan (China) und Daegu (Südkorea) kein kompletter Lockdown verfügt, allerdings wurden Kulturveranstaltungen und Sportereignisse abgesagt oder verschoben. Eine Ausnahme ist übrigens das Goethe-Institut Taipei, wo während der gesamten Krise weiterhin Präsenzunterricht stattfinden konnte.
 
An einigen Standorten in Ostasien kam es allerdings mittlerweile zu einer zweiten Welle von Infektionsfällen im Zusammenhang mit Ausländer*innen oder Einheimischen, die aus dem Ausland in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind und den Virus „eingeschleppt“ haben. Es gibt daher Anzeichen für die Zunahme von Ressentiments in diesem Zusammenhang, die wir beobachten müssen. Öl in dieses Feuer gießen Anfeindungen oder gar tätliche Angriffe auf asiatisch aussehende Menschen in Deutschland. Hinter Covid-19 lauert also auch die Gefahr des Anstiegs von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.
 
Die Institutsleiterin des Goethe-Instituts Korea Dr. Marla Stukenberg Die Institutsleiterin des Goethe-Instituts Korea Dr. Marla Stukenberg | Foto: Goethe-Institut Korea/Hyundong Ju Wie haben die Kolleg*innen reagiert und wie konnte das Regionalinstitut die einzelnen Institute unterstützen?

Das Regionalinstitut steht mit den Instituten in der Region in sehr engem Austausch; wir haben die Kommunikation untereinander intensiviert, tauschen uns regelmäßig über die Entwicklungen vor Ort aus, leisten gegenseitige Beratung und versuchen aus der Krise heraus abzuleiten, was diese Erfahrung mittel- und langfristig für unsere Arbeit bedeutet und welche Erfahrungen wir mitnehmen wollen für die weitere Praxis in einer Zeit nach Corona.
 
Die Spracharbeit in Ostasien hat sehr rasch und konsequent Ende Januar 2020 alle Weichen gestellt, um schnell und dennoch qualitätsvoll auf digitale Angebote umzustellen. Unsere Lehrer*innen haben sich mit großem Engagement innerhalb kürzester Zeit auf die neuen Unterrichtsformate eingestellt und scheuen keine Mühe, um den Kursteilnehmer*innen an allen Standorten passende alternative Angebote zu machen und diese so gut es nur geht online zu unterrichten und zu betreuen.
 
Das Engagement und der konkrete Einsatz aller Kolleg*innen für das Goethe-Institut sind gerade auch in dieser besonderen Situation an allen Standorten ausgesprochen hoch. Die Institute haben Kernteams identifiziert, die sich teilweise gegenseitig abwechseln und den Betrieb an den Instituten aufrechterhalten, andere Kolleg*innen arbeiten ganz oder teilweise vom Home-Office aus.
 
Wir bemühen uns, unsere Kontakte zu Partner*innen im Kulturbereich lebendig zu halten und entwickeln neue spannende Formate, die wir digital umsetzen können. Die Möglichkeiten der Digitalisierung müssen und wollen wir gerade jetzt nutzen, aber wir versuchen dabei die Balance zu halten, da sich mittlerweile eine gewisse digitale Müdigkeit einstellt, denn nach drei Monaten Online-Veranstaltungen spüren wir bei unseren Partner*innen und bei uns selbst das gewachsene Bedürfnis an persönlicher Begegnung und Austausch. In Peking fand daher sehr bewusst ein Offline-Workshop im Rahmen der Reihe „3+1“ statt, ein Kleinformat, das nicht mit den Vorgaben des Infektionsschutzes kollidiert und doch Austausch im realen Raum ermöglicht: Ein*e Gastgeber*in, drei Gäste – ein Thema, kein Stream – Auseinandersetzung mit Kunst und gesellschaftlichen Themen also direkt vor Ort und persönlich.
 
Wie sieht die einsetzende Entspannung in Ostasien derzeit aus?

 
Unsere Institute in Ostasien orientieren sich bei ihrer Reaktion auf die Krise an den landesrechtlichen Bestimmungen und den behördlichen Anweisungen, so dass die Institute in den einzelnen Ländern der Region zunächst sukzessive für den Besucherverkehr geschlossen werden mussten. Seit Mai 2020 und vor allem nun für den Juni 2020 kommt das Leben an Schulen und Universitäten langsam wieder in Gang und auch unsere Institute leiten alles für eine langsame Rückkehr in eine neue Normalität in die Wege. Dazu zählen aktuell limitierte Prüfungsplätze, Sprachkurse in kleinen Gruppen vor Ort und weiterhin Streaming von Unterricht, ausgewählte Bibliotheksdienste und Veranstaltungen unter Einhaltung der jeweils geltenden Bestimmungen. Beispielsweise haben die Kolleg*innen in Hong Kong die Ausstellung des „Human Rights Arts Prize“ in der Galerie des Goethe-Instituts eröffnet, wenn auch die Pressekonferenz und die Eröffnung selbst im Livestream durchgeführt werden mussten, weil Publikumsveranstaltungen noch untersagt sind. Aber in kleinen Grüppchen dürfen Besucher*innen nun, nach Temperaturcheck und mit Maske, die Ausstellung besuchen. Bei den Bibliotheken gehen die Anstrengungen in die Richtung, kreative Programme und Veranstaltungen für die Wiederöffnung der Räume vorzubereiten, insbesondere in Seoul, wo eine konsequent als Ort der Begegnung neu gestaltete Bibliothek auf ihre Eröffnung und erste Besucher*innen wartet.
 
Zum Abschluss: Gibt es ein Format, eine Veranstaltung oder eine Erfahrung, die sich als „Best Practice“ in der Krise bewiesen hat? Gab es dabei vielleicht sogar Überraschungen?

Es gibt eine Fülle neuer Erfahrungen, die wir fortlaufend sammeln und die es auch in ihrem gesamtinstitutionellen Nutzen noch auszuwerten gilt. Dazu ein paar aktuelle Beispiele:

Das Goethe-Institut Tokyo hat sehr früh die gesellschaftlichen Debatten aus Deutschland aufgenommen und gefragt, ob und wie die Themen um die Künstler*innen in Not, Big-Data aus der Tracing-App oder der aufkommende Nationalismus in der Krise in Japan reflektiert werden. Dafür startete Anfang April 2020 mit dem sehr bekannten Medienjournalisten Daisuke Tsuda und internationalen Gästen eine Debatte mit vier jeweils zwei-stündigen Sendungen. Die Live-Schaltungen in Facebook und Twitter erhielten über 150.000 Zugriffe in der 1. Staffel – das war für uns total überraschend und natürlich überwältigend. Wir machen deshalb weiter und fragen ab nächster Woche unter #studio202X wie es um die Zukunft der Demokratie bestellt ist.
 
Unter den neuen Online-Formaten, die wir in dieser Zeit ausprobiert haben, bleibt auch das Online Artist in Residence Programm in Hong Kong als ungewöhnlich und überraschend fruchtbare Erfahrung im Gedächtnis: 26 Tänzer*innen, Choreograph*innen und Medienkünstler*innen aus Hongkong, Singapur und Berlin diskutierten zwei Wochen lang in einer Serie von thematischen Zoom-Konferenzen über neue Performance-Formate, Publikumsbindung und die Tanzausbildung der Zukunft. Diese Initiative der City Contemporary Dance Company war eigentlich aus der Not geboren, da das komplette Kulturleben eingebrochen war und die Künstler mutlos zuhause saßen. Aber das Format wurde als so bereichernd und motivierend angesehen, dass es sicher nochmal wieder aufgenommen werden wird.

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