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Nachhaltigkeit in Korea
„COVID-19 muss für einen grünen Wandel genutzt werden“

Menschen mit Maske, aber bei klarem Himmel: Seoul in Corona-Zeiten.
Menschen mit Maske, aber bei klarem Himmel: Seoul in Corona-Zeiten. | Foto: Yonhap News

In Zeiten von Corona hat sich die Luft in Korea verbessert – doch die Müllberge wachsen. Wie kann das Land dennoch einen grünen Wandel gestalten? Ein Interview mit dem koreanischen Umweltschützer Jieon Lee.

Von Minjee Kum

Seit Corona als Katastrophe nationalen Ausmaßes Korea heimgesucht hat, weht in der koreanischen Gesellschaft ein neuer Wind. In Südkorea wie in China verringerte sich die Aktivität von Fabriken, und die Luft, die noch im vergangenen Jahr aufgrund der Feinstoffbelastung oft dichter Smog war, ist spürbar sauberer. Gleichzeitig mehren sich besorgte Stimmen, die angesichts von Einwegmasken und wachsenden Bergen von Verpackungsmüll durch Onlineshopping und Essenslieferungen vor einer erneuten Müllkrise warnen.

Das ist die Ausgangslage, in der der südkoreanische Präsident Moon Jae-in im Mai 2020 sich dazu bekannt, dass der „Korean New Deal“ zur Wiederbelebung der Konjunktur einen „Green New Deal“ enthalten muss. Am 14. Juli 2020 hat die südkoreanische Regierung ein umfassendes Paket für den „New Deal“ bekanntgeben, inklusive der genauen Maßnahmen für den „Green New Deal“. Wir haben Jieon Lee, Klima- und Energiekoordinator der Korea Federation for Environmental Movements getroffen und mit ihm über die Umweltauswirkungen von COVID-19 in Korea und den „Green New Deal“ gesprochen
 
Hatte COVID-19 in Korea positive Auswirkungen auf die Umwelt?

Umweltverschmutzung entsteht durch die wirtschaftlichen Aktivitäten des Menschen. Aufgrund von Corona ging der Konsum zurück und die Produktion wurde verringert, sodass sich die Luftqualität in Korea begonnen hat zu erholen. Noch 2019 musste die Regierung den gesamten März hindurch aufgrund von sehr hohen Feinstoffwerten immer wieder mehrtägige Notfallmaßnahmen bekanntgeben. 2020 ist die Belastung mit Ultrafeinstaub im Vergleich zum Vorjahr um ganze 27 Prozent zurückgegangen. Aus China dringt weniger Feinstaub ein, aber auch die Reduzierung des Verkehrsaufkommens und der Fabrikproduktion in Korea hat offensichtlich einen maßgeblichen Einfluss gehabt.

Man muss allerdings berücksichtigen, dass seit Dezember 2019 auch jahreszeitabhängige Maßnahmen zur Regulierung des Feinstaubs („Fine Dust Seasonal Management System“) der koreanischen Regierung in Kraft getreten sind, auch sie könnten Wirkung gehabt haben. Und da es in Korea keine harten Lockdown-Maßnahmen gab, sind andere positive Umweltauswirkungen außer der Verbesserung der Luftqualität derzeit nicht bekannt.
 
Gab es denn negative Umweltauswirkungen von Corona?

Wir haben von der Korean Federation for Environmental Movements eine Studie zur aktuellen Müllsituation durchgeführt. Sie hat ergeben, dass aufgrund von COVID-19 das Müllaufkommen durch Einwegprodukte angestiegen ist. Essenslieferdienste und Onlineshopping produzieren viel Verpackunsmüll, und die meisten Menschen in Korea tragen Einwegmasken. Koreas System zum Wertstoffrecycling ist nicht sehr robust. Letztes Jahr hatten wir bereits eine Müllkrise, und die größte Müllsammelstelle im Großraum Seoul ist schon wieder an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt. Durch die vermehrte Nutzung von Einwegprodukten gibt es schon wieder erste Anzeichen für eine erneute Müllkrise.

Im Großraum Seoul wachsen seit Corona wieder die Müllberge. Im Großraum Seoul wachsen seit Corona wieder die Müllberge. | Foto: © Yonhap News Trotz Corona hat die Konzentration von CO2 in der Atmosphäre im Mai 2020 einen Höchststand erreicht. Wie ist das zu erklären?

Feinstaub und Treibhausgase agieren unterschiedlich. Feinstaub ist als Schwebpartikel in den Luftströmungen enthalten. Sobald keine fossilen Brennstoffe mehr verwendet werden, verschwindet er innerhalb kürzerer Zeit. Treibhausgase wie CO2 verbleiben nach ihrem Ausstoß jedoch über mehrere hundert Jahre in der Atmosphäre. Relativ gesehen hat sich der Ausstoß von Treibhausgasen verringert, aber sie werden immer noch viel ausgestoßen, sodass die Konzentration weiter ansteigt. Aufgrund von COVID-19 ist der Ausstoß von Treibhausgasen weltweit im Vergleich zum Vorjahr wohl um 7 Prozent zurückgegangen. Das muss als Anstoß für einen Wandel zu einer grünen Gesellschaft genutzt werden.
 
Was muss passieren, um Corona für einen solchen Wandel zu nutzen?

Die Klimakrise wird in Zukunft noch viele vergleichbare Katastrophen hervorbringen. Die Krisenreaktionssysteme müssen gut aufgestellt sein, wofür vor allem eine grüne Infrastruktur wichtig ist. Denn bei anhaltenden Krisen gerät das öffentliche Gesundheitssystem irgendwann an seine Grenzen. COVID-19 hat vor allem kleinständische Unternehmen hart getroffen, die Maßnahmen der Regierung sind daher derzeit vor allem auf die Wiederbelebung der Konjunktur ausgerichtet. Ich mache mir Sorgen, ob das nicht einen Rückschritt in die Vergangenheit bedeutet. Denn auch während der Finanzkrise 2008 war ein Rückgang des Treibhausgasaustoßes zu verzeichnen. Doch als die Wirtschaft sich wieder erholte, kam es zu einem Rebound-Effekt, bei dem der Ausstoß nur umso mehr wieder anstieg.

Jieon Lee, Klima- und Energiekoordinator der KFEM Jieon Lee, Klima- und Energiekoordinator der KFEM | Foto: © privat Moon Jae-ins Regierung hat kürzlich versprochen, einem „Green New Deal“ Priorität einzuräumen. Wie bewerten Sie dies?

Das oberste Ziel des „Green New Deal“ ist die Lösung der Klimakrise. Daher unterstützen wir ihn grundsätzlich. Doch die koreanische Zivilgesellschaft kritisiert derzeit noch einhellig, dass dem „Green New Deal“ das Grün fehlt. Erst kürzlich wurde noch durch staatliche Banken aus Korea die Finanzierung für den Bau eines Kohlekraftwerks in Indonesien gestellt, und auch der Kohleproduzent Doosan Heavy Industries hat 2 Billionen Won Unterstützung von staatlichen Banken erhalten. Das ist der Grund, warum viele fordern, dass „Grün“ eindeutig definiert werden muss. Öffentliche Gelder müssen in Unternehmen investiert werden, deren Einfluss auf die Umwelt vertretbar ist.

Als ein solches Beispiel ist energetische Sanierung – „Green Remodeling“ – zu nennen, bei dem die Energieeffizienz von alten Gebäuden erhöht wird. Wenn alte Fenster und Türen gegen neue, hocheffiziente ausgetauscht und die Wände gedämmt werden, können die Energieverschwendung reduziert und gleichzeitig Arbeitsplätze geschaffen werden. Außerdem muss die Industrie sich von fossilen Brennstoffen lösen und erneuerbaren Energien zuwenden. Hierfür ist die offensive Einführung von „Green Finance“, also grüner Finanzierung notwendig.
 
Was versteht man unter grüner Finanzierung?

Es gibt hier die sogenannten ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance) für gesellschaftlich verantwortliche Investitionen. Das heißt, bei der Investition in ein Unternehmen muss auch der öffentliche Nutzen und die Nachhaltigkeit berücksichtigt werden. Der Norwegische Pensionsfonds hat 2015 bekannt gegeben, dass er nicht mehr in Kohle investieren wird. Die fossile Brennstoffindustrie kann ohne Investitionen nicht überleben. Das ist der Grund, warum wir schon seit längerem kontinuierlich fordern, dass das Prinzip der grünen Finanzierung verwirklicht werden muss.

Bei den Parlamentswahlen 2020 hat die Regierungspartei Democratic Party erstmals versprochen, die Einstellung von öffentlichen Geldern für den Kohleabbau zu überprüfen. Und für Juni 2020 war eigentlich eine Konferenz der P4G-Initiative („Partnering for Green Growth and the Global Goals 2030“) in Seoul geplant, die aufgrund von Corona allerdings verschoben werden musste. Eines der Themen auf der Tagesordnung war „Green Finance“. Auch der „Green New Deal“ enthält bereits das Vorhaben, den Begriff der grünen Finanzierung in Korea zu etablieren. Besser spät als nie.
 
Wie kann sich Korea nach Corona als nachhaltige Gesellschaft weiterentwickeln?

Auch wenn die Wirtschaftslage schwierig ist, muss man sich mit langfristiger Perspektive auf den Aufbau einer grünen Infrastruktur konzentrieren und das Ziel der CO2-Neutralität erreichen. Dafür werden Regierung und Medien der Bevölkerung den Ernst des Klimawandels verdeutlichen und sie von der Notwendigkeit des Wandels überzeugen müssen.

 

Korean Federation for Environmental Movements – Koreas älteste und Asiens größte Umweltschutzorganisation

 

1993 schlossen sich acht koreanische Umweltorganisationen, darunter die Korean Anti-Pollution Movement Association, zusammen und gründeten als landesweite Organisation die Korean Federation for Environmental Movements (환경운동연합, KFEM). Derzeit besteht die KFEM aus 54 Orts- und Regionalverbänden in ganz Korea sowie spezialisierten und kooperativen Einrichtungen wie dem Citizens Institut for Environmental Studies, dem Environmental Law Center, einem Monatsmagazin mit dem Titel „The Way to Live Together“ (함께사는길), der ECO Cooperative, dem Korea Environmental Education Center und anderen. Sie ist die koreanische Mitgliedsorganisation des internationelen Verbandes Friends of the Earth, einer der drei großen internationalen Umweltschutzorganisationen. Für Deutschland ist hier der BUND Mitglied.

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