Theater in Seoul Zusammentreffen freigewordener Energien

Die Bühne im Arco Arts Theater
Die Bühne im Arco Arts Theater | Foto: Hanguk Performing Arts Center

Eine charakteristische Besonderheit des koreanischen Theaters ist die weitgehende Unabhängigkeit von Ensemble und Spielstätte. Das hängt einerseits mit der koreanischen Theatertradition, andererseits mit gegenwärtigen marktwirtschaftlichen Trends zusammen.

Während das Theater in Europa seit der Antike einen architektonischen Raum beanspruchen konnte, diente in Korea jeder Platz, an dem Akteure und Zuschauer zusammenkamen, als Bühne. Ohne die zentrale „Hardware“ des Theatergebäudes war auch die Bindung der Theatermacher an die jeweilige Bühne deutlich schwächer als in Europa. Hinzu kommt, dass viele Theaterbesitzer – in Seoul ist der Großteil der Theaterbühnen in privater Hand – ihr Theater als Ressource verstehen, mit dessen Vermietung sie Profit machen können.

Der extreme Konkurrenzkampf innerhalb dieses marktwirtschaftlichen Systems hat nicht nur die öffentliche Funktion des koreanischen Theaters immer weiter in den Hintergrund treten lassen, sondern hat auch dazu geführt, dass die meisten Theatermacher sich privat um die Finanzierung ihrer Stücke kümmern müssen. Oft bleibt ihnen nichts anderes übrig, als um preiswerte Räumlichkeiten zu kämpfen. Dieses Phänomen zeigte sich besonders stark Anfang der 1980er Jahre und führte dazu, dass sich Daehangno als Theaterzentrum von Seoul etablieren konnte. Hier, wo sich einst die Seoul National University befand und Studenten gegen die Militärregierung und für mehr Demokratie demonstrierten, reihen sich heute auf 1,2 km Länge 150 Kleintheater dicht an dicht und bilden ein belebtes Theaterviertel. Aufgrund andauernder Finanzierungsschwierigkeiten fällt es den meisten Theatermachern jedoch nach wie vor schwer, ein festes Repertoire aufzubauen.

Dennoch gab und gibt es Theater und Theatergruppen, die, unabhängig von staatlicher Kulturpolitik und jenseits des kommerzialisierten Theaterbetriebs, unter großen Anstrengungen in kleinen Spielstätten stetig eigene Experimente auf die Bühnen bringen. Als Beispiele dafür kann man unter anderem die „Off-Daehangno“-Bühnen Hyehwadong Ilbeonji, Guerilla und Seondol sowie die „In-Daehangno“-Theater Hakchon Blue und Hakchon Green nennen.

Hyehwadong Ilbeonji gleicht einem Paradies für Theatermacher, das repräsentative Regisseure des Experimentaltheaters wie Guk-seo Gi, Yun-taek Lee, Ara Kim, Yong-hoon Choi, Seong-ryeol Lee und Geun-hyung Park hervorbrachte. Hier wurde auch erstmals in Korea das sog. Donginje-System erprobt, eine Art Kooperation gleichgesinnter Künstler. Die Regisseure von Hyehwadong Ilbeonji verpflichten sich dazu, indem ihnen zur Verfügung stehenden Zeitraum eigene Werke auf die Bühne zu bringen. Im Publikum sitzen dabei nicht nur einfache Zuschauer, sondern auch Theaterexperten, die die Bühnenexperimente begutachten und für die Kunstschaffenden ermunternde Worte finden. Im Vergleich zu anderen Kleintheatern von Daehangno zeigt sich hier die Handschrift des Regisseurs besonders deutlich und das Publikum hat die Möglichkeit, gesellschaftskritische Theaterdiskurse auf der Bühne mitzuverfolgen.

Das Guerilla-Theater wurde 2006 von dem etablierten Regisseur Yun-taek Lee als Spielstätte in Seoul für seine Street Theatre Troupe gegründet. Dieses Ensemble ist bekannt für seine jungen Regisseure, experimentellen Regieansätze sowie Inszenierungen westlicher Theaterstücke in koreanischer Ästhetik. So sorgte im Gründungsjahr des Guerilla-Theaters die Uraufführung des Stückes Kyung-suk und Kyung-suks Vater von Regisseur und Dramatiker Geun-hyung Park für Furore in der koreanischen Theaterwelt. 2011 wählte die Gesellschaft koreanischer Theaterkritiker („Korean Association of Theatre Critics“) das vom deutschen Dramatiker Marius von Mayenburg verfasste Stück Der Hässliche in der Inszenierung am Guerilla-Theater unter die drei besten Stücke des Jahres.

Das Theater „Seondol“ (2007) ist Sitz der Theatergruppe Iru, die von dem Autor und Regisseur Gi-ho Son geleitet wird. Diese Gruppe verfügt über ein feines Gespür für die lyrische Beschreibung von unter der Oberfläche liegenden Empfindungen sowie von Menschen, die als die Anderen am Rande der Gesellschaft ihr Dasein fristen. So beschäftigt sich das Theaterstück Den blinden Vater nach dem Weg fragen mit der Problematik von Familienbeziehungen, während das Stück Verblühen die Pfirsichblüten, fliegen die Pinienpollen den Alltag eines alten Ehepaars und ihre gesellschaftliche Isolation behandelt.

Das Hakchon-Theater besitzt zwei Spielstätten, „Blue“ und „Green“. Die Theatergruppe Hakchon wird von Regisseur Min’Gi Kim geleitet, der ein besonderes Interesse an Musicals und Kindertheater hat. Er passte 1994 das Musical Linie 1 vom Gründer des Berliner GripsTheaters Volker Ludwig den koreanischen Verhältnissen an und führte es am Hakchon-Theater sehr erfolgreich auf. Darüber hinaus adaptierte das Haus zahlreiche deutsche Vorlagen für das koreanische Kindertheater, darunter auch Die Moskitos sind da, Spaghetti mit Ketchup, Stärker als Superman, Max und Milli und Bella, Boss und Bulli. Die Musik zu den vorangegangen Stücken wurde vom deutschen Komponisten Birger Heymann geschrieben, der am 18. Juli 2012 in Berlin verstarb. In Erinnerung an diese in der koreanischen Theaterwelt einmalige Kooperation verfasste der Leiter des Hakchon-Theaters Min’Gi Kim einen Nachruf auf seinen langjährigen Freund Heymann.

Neben den Klein- und Kellertheatern im Theaterviertel Daehangno sowie den „Off-Daehangno“-Bühnen, die meist nicht mehr als hundert Sitzplätze – oft ohne Rückenlehne – bieten, verfügt Seoul zusätzlich auch über eine beträchtliche Anzahl an Theatern, die der westlichen Theaterästhetik entsprechen. Als die wichtigsten gelten das Nationaltheater, das Namsan Arts Center, das Myeongdong-Theater, das Arko Arts Theater, das LG Arts Center, das Seoul Arts Center, das Chongdong-Theater und das Sejong Center.

Das Nationaltheater von Korea, das am Berg Namsan gelegen ist, zeigt hauptsächlich traditionelle koreanische Aufführungen. Regelmäßig finden hier Pansori- und Changgeuk-Aufführungen sowie Gugak-Konzerte des koreanischen Nationalorchesters statt. Die Inszenierung Chunhyang 2010 aus dem Repertoire der National Changgeuk Company, die auf einer traditionellen Erzählung basiert, zeigt eindrucksvoll, dass koreanisches Musiktheater auch heutzutage nicht an Attraktivität eingebüßt hat.

Beim Myeongdong Theater handelt es sich um ein historisches Gebäude, das in der Vergangenheit als Nationaltheater genutzt wurde, bis in den 1970er-Jahren das neue Nationaltheater am Namsan errichtet wurde. Danach dienten die Räumlichkeiten hauptsächlich privaten Zwecken, bis im Juni 2009 – parallel zu lebhaften Diskussionen über die Umwandlung der National Theater Company in eine unabhängige Stiftungskörperschaft – das Gebäude als Theater mit 558 Plätzen wiedereröffnet wurde. Heute finden hier hauptsächlich die regulären Aufführungen der National Theater Company statt, die über die Stiftungsgründung am 15. Juli 2010 einen Versuch in die Unabhängigkeit wagte. Im Myeongdong Theater werden sowohl in die koreanische Sprache übersetzte westliche Dramatik als auch koreanische Werke aufgeführt, meist mit einer sich durch sprachliche Kraft auszeichnenden traditionellen Theaterästhetik. Die Inszenierung von Hamlet aus dem derzeitigen Repertoire etwa, bei der Reis und schamanistische Malerei als Symbol für übernatürliche Einflüsse fungieren, ist eine gelungene Verbindung von Shakespeare und koreanischer Ästhetik.

Das Namsan Arts Center wurde von dem für seine Stücke des frühen koreanischen Realismus bekannten Theaterregisseur und Bühnenautor Yu Chi-jin 1962 unter dem Namen „Drama Center“ gegründet und versprüht weiterhin jugendliche Energie. Dieses Theater verfügt neben einer klassischen westlichen Proszeniumsbühne auch über eine offene Bühne, um dem Publikum das zeitgenössische europäische Theater und dessen Trends näher zu bringen. Während die meisten mittelgroßen und großen Theater hauptsächlich an Theaterensembles vermietet werden, bringt dieses Theater Stücke aus dem eigenen Haus und Gemeinschaftsarbeiten auf die Bühne.

Es gibt zudem ein Theater, das sehr gut die Tradition und Ästhetik koreanischer Stücke vermittelt. Dabei handelt es sich um das Chongdong Theater, das sich direkt neben dem Palast Deoksugung befindet. Das dort aufgeführte Stück Miso bringt jedes Jahr in neuem Gewand eine traditionelle koreanische Liebesgeschichte auf die Bühne. In dieser Aufführung können auch Zuschauer ohne besondere Koreanisch-Kenntnisse an dem dramatischen Geschehen teilhaben: Im Chongdong Theater stehen zugleich die Besonderheiten und die Ästhetik koreanischer Stücke im Vordergrund, deren Verständnis nicht sprachgebunden ist, sondern sich auch über die Körperbewegungen der Akteure und der Darbietung der traditionellen Musik kommunizieren lassen. Miso präsentiert in einer Hybridisierung aus traditionellem koreanischen Tanz, Musik und Erzählung hervorragend die Arten und einzelnen Besonderheiten koreanischer Aufführungskünste in harmonischer Einheit. Darüber hinaus führt das Haus auch westliche Stücke auf.

Das LG Arts Center, geführt vom gleichnamigen Unternehmen, liegt im Viertel Yeoksam-dong und ist mit 1103 Sitzen eines der größeren Theater in Seoul. Besonders Zuschauer, die an ausländischen Stücken interessiert sind, kommen hier auf ihre Kosten. So gab es hier Gastspiele von Pina Bausch und Sasha Waltz aus Deutschland, von Nekrosius aus Litauen, von Lee Breuer aus den USA, von Gisli Gardarsson aus Island, von Romeo Castellucci aus Italien und von Robert Lepage aus Kanada.

Somit finden sich in Seoul das mit Kellertheatern dicht gesäumte Daehangno sowie zahlreiche mittlere und größere Theater, die der Ästhetik westlicher Bühnen entsprechen. Seoul bietet dank seiner Vielfalt an Spielstätten und Ensembles eine Hybridisierung unterschiedlichster Theaterkulturen. Das Publikum kann Momente erleben, in denen die psychische Grenze zwischen Akteuren und Zuschauer aufgehoben wird, freigewordene, dynamische Energie ausgetauscht wird. Dies mag einer der Gründe dafür sein, dass die Theaterszene in Seoul der in Berlin in punkto Attraktivität in nichts nachsteht.