Daegeum-Spieler Hong Yoo „Nicht vorstellbare Musik“

Der Daegeum-Spieler Hong Yoo
Der Daegeum-Spieler Hong Yoo | © Hong Yoo

Hong Yoo ist ein Pionier auf der Daegeum, der klassischen koreanischen Bambusflöte. Sein Werdegang führte ihn von Korea über London schließlich nach Berlin. Im Interview erzählt er von seinen Erfahrungen als Musiker beim „Asian Composers Showcase“ und lotet das zeitgenössische Potential der Daegeum aus.

Sie haben in drei Stücken des diesjährigen "Asian Composers Showcase" die Bambusflöte Daegeum gespielt. Wie sind Sie zuerst auf dieses traditionelle koreanische Instrument aufmerksam geworden und was hat sie bewegt, selbst Daegeum zu lernen?
 
Mit zehn Jahren habe ich angefangen, klassische Gitarre zu lernen. Als ich fünfzehn Jahre alt war, habe ich dann – eher zufällig – mit meinen Eltern ein Konzert traditioneller koreanischer Musik (gugak) besucht. Dort hörte ich auch ein Solostück für Daegeum – und war sofort fasziniert. Deshalb habe ich mich gleich an einer Oberschule für traditionelle Musik beworben, wo ich dann ernsthaft begann, traditionelle Musik zu erlernen.

Ein unverwechselbarer Klang

Was macht für Sie den besonderen Reiz der Daegeum aus?
 
Für mich liegt der größte Reiz der Daegeum in der besonderen Verwendung der Membran. Die damit erzeugten Vibrationseffekte verbinden sich mit der charakteristischen Klangfarbe des aus Bambus gefertigten Instrumentes zu einem unverwechselbaren Klang, der die Daegeum von allen anderen Instrumenten der Welt unterscheidet. Außerdem ermöglicht das große Mundstück, zusammen mit verschiedenen Spieltechniken wie zum Beispiel Vibrato, eine Vielzahl an Ausdrucksmöglichkeiten in der Gestaltung eines einzigen Tones.
 
War Ihre Daegeum-Ausbildung eher klassisch oder haben Sie während des Studiums auch moderne Stücke gelernt?
 
Von Beginn an der Oberschule bis zu meinem Abschluss am Institut für traditionelle koreanische Musik der Seoul National University konzentrierte sich meine Daegeum-Ausbildung stark auf traditionelle Musik. Nach der Universität bekam ich dann Privatunterricht von verschiedenen hochrangigen Lehrern, so dass ich mich mit verschiedenen gugak-Genres vertraut machen konnte. Aber auch während meiner Schulzeit und während des Studiums an der Universität bot mir der grundlegende Unterricht in Orchester- und Kammermusik viel Gelegenheit, neukomponierte Stücke für traditionelle Instrumente ebenso wie westliche Notation kennenzulernen. An der Universität war ich auch an Aufführungen von neuen Stücken meiner Kommilitonen vom Kompositionsstudiengang beteiligt. Und nach dem Studium konnte ich weitere Erfahrungen mit neuen gugak-Stücken sammeln, sei es als Teil eines gugak-Orchesters oder im Rahmen von Kammermusikkonzerten.

Der „Asian Composers Showcase“

Wie haben Sie, als Daegeum-Spieler, die Stücke des "Asian Composers Showcase" empfunden? Auf welche (unterschiedlichen?) Arten wurde das traditionelle koreanische Instrument gemeinsam mit einem westlichen Kammerensemble eingesetzt?
 
Die drei Stücke für Daegeum, die beim diesjährigen Asian Composers Showcase uraufgeführt worden sind, finde ich alle sehr interessant. Den drei Komponisten – JeehoonSeo, Kwang Ho Cho und Yukiko Watanabe – ist es  in ihren Kompositionen gelungen, die Daegeum auf jeweils ganz eigene Weise einzusetzen, entsprechend ihrer unterschiedlichen Hintergründe und musikalischen Herangehensweisen. JeehoonSeo nähert sich in seinem Stück "Phantasmespourdaegeum et ensemble" der Daegeum zwar mit Hilfe von zeitgenössischen Kompositionstechniken, legt dabei jedoch Wert darauf, die charakteristischen Spieltechniken der Daegeum und ihre besonderen Ausdrucksmöglichkeiten zu nutzen. Kwang Ho Cho bleibt in seinem Werk "Garden of Silence I" dagegen eher den existierenden Kompositionstechniken der neuen gugak treu und folgt den traditionellen Skalen. Abgesehen von der Daegeum orientiert sich die Instrumentierung seines Ensembles dabei allerdings  eng an den westlichen Konventionen. Das Stück "Inner Cloud" von Yukiko Watanabe stellt dagegen weniger die Besonderheiten der Daegeum heraus, sondern versucht vielmehr, das Instrument als Teil eines Ensembles zu begreifen, in dem die unterschiedlichen Rollen der einzelnen Stimmen respektiert werden. Dass diese drei radikal verschiedenen Stücke in einer Aufführung zusammengebracht wurden, war nicht nur für mich als Musiker sehr neu und spannend, sondern bot auch dem Publikum eine gute Gelegenheit, die verschiedenen möglichen Rollen und das große Potential von gugak-Instrumenten in der zeitgenössischen Musik selbst zu erleben.

Was hat Sie nach Berlin gebracht und welche Auftrittsmöglichkeiten haben Sie dort?
 
Während ich nach dem Universitätsabschluss für sechs Jahre in einem Ensemble aus verschiedenen gugak-Instrumenten spielte, träumte ich davon, frei von den Zwängen als Orchestermusiker mit Festanstellung mein Leben voll und ganz der Musik zu widmen. Schließlich unterbrach ich meine Ensemblearbeit in Korea für eine Weile und überlegte, wie man noch aufregendere, bisher in der Welt der gugak nicht für möglich gehaltene Musik machen könnte. Als Ergebnis davon fasste ich den Entschluss, es einmal als traditioneller Musiker in Europa zu versuchen. Während eines Master-Studiums in London konnte ich zunächst mehr über die europäische Perspektive auf koreanische Musik und die traditionellen Musikstile der verschiedenen Länder der Welt erfahren – in Korea wäre das in dieser Vielfalt nur schwer möglich gewesen.
 
Eher zufällig lernte ich 2009 in Berlin den deutsch-koreanischen Komponisten Il-Ryun Chung kennen. Er lud mich ein, als Musiker in seinem AsianArt Ensemble mitzuspielen. Dafür ging ich 2010 dann endgültig nach Berlin und widmete mich wieder ganz der Aufführungspraxis. Da es bisher kaum moderne Stücke für Daegeum gibt, habe ich anfangs vor allem mit den anderen Mitgliedern des AsianArt Ensembles improvisiert, was sich als sehr interessant erwies. Das AsianArt Ensemble lädt aber auch jedes Jahr zu einem Workshop für europäische Komponisten ein, wo auch neue Stücke für Daegeum entstanden. Insgesamt haben wir so mittlerweile über vierzig neue Stücke uraufgeführt. Daneben veranstalte ich auch kommentierte Konzerte, um einem deutschen Publikum traditionelle koreanische Musik näher zu bringen, und bin als Solist sowie in verschiedenen anderen Ensembles aktiv.

Die Daegeum in der zeitgenössischen Musik

Wie sehen Sie die Rolle der Daegeum in der zeitgenössischen? Welches Potential besitzt das traditionelle Instrument dort?
 
Persönlich finde ich, dass die zeitgenössische Musik, besonders im Vergleich mit Jazz oder diversen Fusion-Genres, das weitaus größte Potential für die Daegeum – und auch für andere traditionelle Instrumente – bereithält. Dass traditionelle Instrumente in ihrer Form nicht weiterentwickelt werden und auch das ursprüngliche Material beibehalten wird, stellt für mich dabei kein Hindernis dar, sondern ist vielmehr eine große Stärke. Denn die Töne, die das natürliche Material des Instrumentes produziert, eignen sich in ihrer Vielfalt und Eigentümlichkeit sehr gut für zeitgenössische Musik. Dort sind die Entdeckung und Kombination verschiedener Klänge sowie die Suche nach neuen Ausdrucksmitteln schließlich von größter Bedeutung. In dieser Hinsicht bietet die Daegeum viele ungeahnte Möglichkeiten. Es ist schade, dass zeitgenössische Musik als Genre einem größeren Publikum immer noch eher ungewohnt erscheint und sich nur wenige Musiker aktiv in diesem Bereich um mehr Zugänglichkeit bemühen. Am meisten hat mich bei meinen Aufführungen in Europa überrascht, dass in der Welt der zeitgenössischen Musik bereits zahlreiche Musiker von traditionellen Instrumenten aus allen möglichen Ländern aktiv sind. Ich würde mich freuen, wenn sich in Zukunft noch mehr junge Musiker den Herausforderungen der zeitgenössischen Musik stellen würden.
 
Welche -- traditionellen oder modernen -- Stücke für Daegeum können Sie empfehlen?
 
Noch ist das zeitgenössische Repertoire für Daegeum– wie auch für die anderen traditionellen koreanischen Instrumente – sehr überschaubar und es wird noch etwas dauern bis sich das ändert. Ein Stück, das mich hier in Deutschland sehr beeindruckt hat und das ich empfehlen möchte, ist "momentum" (2012) von Il-Ryun Chung.