Sue Jin Kang im Interview „Jetzt will ich nur tanzen!“

„Initialen R.B.M.E.“ (Alexander Zaitsev, Filip Barankiewicz, Sue Jin Kang, Alicia Amatriain)
„Initialen R.B.M.E.“ (Alexander Zaitsev, Filip Barankiewicz, Sue Jin Kang, Alicia Amatriain) | Foto: Stuttgarter Ballett

Sue Jin Kang ist die weltweit wohl bekannteste koreanische Primaballerina. Ihre Ausbildung begann sie zunächst in ihrer Heimatstadt Seoul und wechselte dann an die Académie de Danse classique Princesse Grace in Monaco, wo sie bei Marika Besobrasova studierte. Im September 1986 wurde sie in das Corps de ballet des Stuttgarter Balletts aufgenommen und stieg in den folgenden Jahren bis in den Rang der Ersten Solistin auf. Während ihrer Karriere hat Sue Jin Kang zahlreiche Preise und Ehrungen erhalten, 2007 wurde ihr der Titel der Kammertänzerin verliehen, eine der höchsten Auszeichnungen im klassischen Ballett.

Im Email-Interview berichtet Sue Jin Kang über das Leben als Ballerina, ihre Erfahrungen in Deutschland und Gastspiele des Stuttgarter Balletts in Korea.

Sie kamen im Alter von 19 Jahren an das Stuttgarter Ballett. Was reizte Sie damals an diesem Ensemble? Inwiefern war das Leben in Deutschland eine Umstellung für Sie?

Das Stuttgarter Ballett war und ist die interessanteste Compagnie, die ich mir vorstellen kann, vor allen Dingen aus zwei Gründen: Erstens ist es eine sehr internationale Compagnie, die Tänzer kommen aus über 20 Nationen, um beim Stuttgarter Ballett zu arbeiten. Zum Zweiten wird hier ein sehr breites Repertoire gepflegt und neu erarbeitet. Beim Stuttgarter Ballett kann man alles tanzen, vom Klassiker bis zur zeitgenössischen Uraufführung, und oft auch gemeinsam mit internationalen Choreographen Stücke erarbeiten.

Es gab also viele gute Gründe für mich, nach Stuttgart zu gehen. Die Umstellung war anfangs trotzdem schwierig – die fremde Sprache, die unbekannte Lebensart, das fremde Essen, an all das musste ich mich erst gewöhnen. Aber nach und nach habe ich meinen Platz hier gefunden, und war bald sehr glücklich in Deutschland.

Sie sind nun seit 25 Jahren Mitglied des Stuttgarter Ensembles und sind vom einfachen Corps-Mitglied zur Ersten Solistin aufgestiegen. Wie schätzen Sie diese Zeit rückblickend ein? Wie hat sich die Arbeit im Ensemble – Probenpraxis, Aufführungen, Tourneereisen – gewandelt? Wie konnten Sie sich als Tänzerin weiterentwickeln?

In all den Jahren, die ich beim Stuttgarter Ballett verbracht habe, habe ich wahnsinnig viel gelernt. Außergewöhnlich ist sicherlich, wie langsam ich meinen Weg innerhalb der Compagnie gegangen bin: Ich habe zehn Jahre lang im Corps de ballet getanzt, bevor ich erst zur Halbsolistin und später dann bis zur Ersten Solistin befördert wurde. Es ist insgesamt meine Art, mir für wichtige Schritte viel Zeit zu nehmen, ich empfinde das als großen Vorteil, denn es hat mir eine gute Basis verschafft. Im Tanz geht es niemals nur um die Technik, man wird nur gut, wenn man seine Persönlichkeit einbringt. Und im Corps de ballet habe ich gelernt, mit anderen Tänzern zusammen zu arbeiten. Das ist wichtig für die Technik, aber auch für den Charakter. Und ich lerne weiterhin jeden Tag von anderen Tänzern, von den jungen wie von den erfahreneren. Meiner Meinung nach heißt Leben lebenslanges Lernen.

Zum Glück hat sich die besondere Atmosphäre, die innerhalb der „Stuttgarter Ballett Familie“ herrscht, über die Jahrzehnte überhaupt nicht verändert. Ich habe mich von Anfang an sehr herzlich aufgenommen gefühlt und versuche das heute auch weiterzugeben.

Sue Jin Kang Sue Jin Kang | Foto: Sébastien Galtier Ist Stuttgart während dieser Zeit für Sie zu einer Art zweiten Heimat geworden? Gibt es bestimmte deutsche (oder schwäbische) Gebräuche oder Angewohnheiten, die Ihnen fremd geblieben sind oder die Sie besonders liebgewonnen haben?

Eigentlich ist Stuttgart nicht meine zweite, sondern meine erste Heimat. Immerhin habe ich mehr als mein halbes Leben hier verbracht. Korea ist mein Heimatland, ich fühle mich hier verwurzelt und bin sehr gerne hier, aber in Stuttgart fühle ich mich zu Hause.

Zuerst war ich verunsichert davon, wie zurückhaltend die Menschen hier sind. Um nicht zu sagen „skeptisch“. Aber wenn das Eis einmal gebrochen ist, dann sind die Schwaben sehr freundlich, und Verbindungen haben Bestand. Ich empfinde sie als sehr verlässliche, liebenswerte Leute. Und noch eines schätze ich sehr: Die so viel kritisierte deutsche Bürokratie. Ich finde es aber professionell, alles exakt zu machen.

Sie selbst haben als junges Mädchen koreanischen Volkstanz gelernt und empfehlen dies auch anderen jungen Tänzerinnen, um sich in der globalisierten Welt des Tanzes etwas Einzigartiges zu bewahren. Was macht für Sie die Einzigartigkeit des koreanischen Tanzes aus?

Davon abgesehen, dass diese Tänze einfach wunderschön sind und Teil unseres kulturellen Erbes, ist die Konzentration auf die Atmung eine Besonderheit der koreanischen Volkstänze. Von diesen Techniken habe ich sehr viel mitnehmen und auch im Ballett nutzen können.

Im Juni 2012 wird das Stuttgarter Ballett wieder nach Seoul kommen. Was für ein Programm werden Sie dem koreanischen Publikum diesmal präsentieren? Haben Aufführungen in Ihrer Heimat für Sie eine besondere Bedeutung?

Wir werden in Seoul von Freitag, den 15., bis Sonntag, den 17. Juni 2015 täglich jeweils eine Vorstellung von John Neumeiers „Die Kameliendame“ geben. Ich tanze die Hauptrolle der Marguerite Gautier an der Seite von Marijn Rademaker als Armand Duval. Dieses Ballett, das John Neumeier 1978 zu Klaviermusik von Fréderic Chopin für das Stuttgarter Ballett geschaffen hat, ist eines meiner absoluten Lieblingsballette – es ist so wunderschön und gleichzeitig sehr tragisch.

Damit in meinem Heimatland auftreten zu können, bedeutet mir sehr viel! Es ist schön, dem koreanischen Publikum unsere Kunst zu zeigen, und auch, wenn wir nicht so häufig hierher reisen können, ist die Herzlichkeit, mit der wir empfangen werden, jedes Mal wieder überwältigend.

Das Stuttgarter Ballett hat bereits mehrfach Gastspiele in Korea gegeben, immer vor ausverkauften Sälen. Unterscheiden sich die Publikumsreaktionen in Ihrer Heimat von denen in anderen Ländern? Erinnern Sie sich an ein besonders emotionales oder überraschendes Erlebnis mit koreanischen Zuschauern?

Natürlich sind wir verwöhnt: Das Stuttgarter Ballettpublikum ist ja für sein großes und waches Interesse an Tanz und für seinen herzlichen Applaus berühmt. Aber das koreanische Publikum ist auch phänomenal, und vor allem so temperamentvoll! Wenn den Zuschauern in Korea etwas gefällt, dann merkt man das sehr deutlich. Ein Unterschied ist sicher, dass die Ballettfans in Korea mehr den persönlichen Kontakt zu uns Tänzern suchen. Manchmal warten nach einer Vorstellung Hunderte von Fans vor dem Theater auf uns, das ist schon toll.

Sie haben den größten Teil Ihres Lebens in Deutschland verbracht. Könnten Sie sich vorstellen, später, nach dem Rückzug von der Bühne, nach Korea zurückzukehren, um dort zu leben? Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Natürlich werde ich mich eines Tages von der Bühne verabschieden. Aber im Moment tanze ich, und ich bin sehr glücklich darüber. Um ehrlich zu sein, weiß ich noch nicht, was danach kommt. Nach Korea zurückzukehren, ist eine Option. Zum Glück stehen mir aber viele Wege offen, und ich muss mich noch nicht entscheiden. Jetzt will ich nur tanzen!