Zum zehnten Todestag von Nam June Paik Die Videokunst der Post-Internet-Generation

Raphaela Vogel: „Mogst mi du ned, mog i di“ (2014)
Raphaela Vogel: „Mogst mi du ned, mog i di“ (2014) | © Raphaela Vogel

Der gebürtige Koreaner Nam June Paik gilt als einer der Begründer der Videokunst – und hat viele Jahre in Deutschland gearbeitet. Zur Ausstellung Wrap Around the Time zu seinem zehnten Todestag lud das Nam June Paik Art Center in Seoul daher auch den Kurator Gregor Jansen und die Künstlerinnen Isabella Fürnkäs und Raphaela Vogel aus Deutschland ein. Ein Gespräch.

Herr Jansen, in der Ausstellung „Wrap Around the Time“ werden zeitgenössische Künstler den Werken Nam June Paiks gegenübergestellt. Sie wurden als Gastkurator eingeladen. Warum fiel Ihre Wahl auf die jungen Künstlerinnen Isabella Fürnkäs und Raphaela Vogel?
 
Gregor Jansen: Weil ich dachte, wir springen mit der heutigen Generation eigentlich in ein komplett anderes Zeitalter. Bei Paik sind wir immer noch mitten im Analogen, bei den beiden bereits in der sogenannten „Post-Internet-Generation“. Sie haben ja das Analoge nicht erlebt, sie sind ja sozusagen sofort mit der Maustaste in der Hand auf die Welt gekommen! Ich dagegen habe noch als Student mit Schreibmaschinetippen angefangen, zwei Semester später saß ich am Computer. Und genau dieser Bruch, der beschreibt auch eine ganz andere Haltung zum Digitalen oder zum Verständnis der digitalen Revolution. Darum war mir wichtig, nicht Künstler wie Klaus vom Bruch oder Werke von Harun Farocki mit nach Seoul zu nehmen, sondern eben zwei ganz junge Künstler. Ob sie sich auf Paik beziehen oder nicht, habe ich die beiden gar nicht vorher gefragt, sondern selber interpretiert.

Gregor Jansen Gregor Jansen | Foto: Katja Illner Gregor Jansen (1965) ist Kunstwissenschaftler, Kurator, Dozent und Publizist. Seit 2010 ist er Direktor der Kunsthalle Düsseldorf. Er arbeitet regelmäßig in und mit Ostasien, u.a. bei der Media City Seoul 2002 und im Rahmen des Austauschprogrammes „Transfer Korea-NRW“ von 2011 bis 2013.

Dann fragen wir einmal nach: Frau Fürnkäs, Frau Vogel, findet sich Nam June Paik in Ihren Werken wieder?
 
Isabella Fürnkäs: Im weitesten Sinne natürlich schon, wenn man von Paik als Vater der Videokunst sprechen will. Wohl eher nicht als aktiver Bezugspunkt. Ich glaube, man ist als Künstler viel zu sehr in seiner eigenen Welt und Thematik, als dass man sich aktiv auf jemanden beziehen müsste. Unterbewusst spielt die Geschichte aber natürlich eine sehr wichtige Rolle.
 
„In Ekklesia“ (2015) von Isabella Fürnkäs, Teil der Ausstellung „Wrap around the Time“ im Nam June Paik Art Center / Quelle: Vimeo 
 
Raphaela Vogel: Für mich ist der Begriff der Videoskulptur, den Nam June Paik erfunden hat, sehr wichtig. Den benutze ich eigentlich immer, um meine Arbeiten zu beschreiben. Skulptur und Video hat er als Erster vereint. Deswegen hat Nam June Paik für mich schon immer eine Bedeutung.
 
Nam June Paik war lange Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf. Ist er dort heute noch präsent?
 
Gregor Jansen: Seine Werke sind in den Sammlungen vertreten, und auch viele Banken oder Firmen haben Paik-Skulpturen im Foyer oder in ihrer einer Sammlung.
 
Isabella Fürnkäs: An der Akademie ist Joseph Beuys, denke ich, die etwas lebendigere Figur, und danach vielleicht so jemand wie Markus Lüpertz. Aber man begegnet immer noch vielen, die bei Paik studiert haben - der Geist lebt weiter.
 
Gregor Jansen: Ja, stimmt, viele sagen: „Ich war in der Paik-Klasse“. Seine Schüler halten seinen Geist schon lebendig. Sie haben ihn sehr geliebt, fanden ihn wahnsinnig chaotisch, aber auch sehr inspirierend.
 

Isabella Fürnkäs Isabella Fürnkäs | Foto: Isabella Fürnkäs Isabella Fürnkäs (1988) ist eine deutsch-französische Videokünstlerin. Geboren in Tokio, studiert sie derzeit an der Kunstakademie Düsseldorf bei Andreas Gursky und Keren Cytter. Sie ist Stipendiatin des Paris Cité des Arts Stipendium 2016 und Gaststudentin an der UdK Berlin.

Frau Fürnkäs, Sie sind in Tokio geboren und aufgewachsen und arbeiten auch immer wieder dort. Herr Jansen arbeitet seit Ende der 1990er viel in und mit Ostasien. Was macht für Sie den Reiz der Zusammenarbeit mit Ostasien aus?
 
Isabella Fürnkäs: Ich habe drei Ausstellungen in Japan organisiert, auch im Art Center an der Keio University in Tokio. Die Kunstszene dort ist eine ganz andere und nicht so zugänglich wie in der westlichen Kultur. Aber es ist trotzdem interessant, die verschiedenen Länder in die künstlerische Arbeit einzubeziehen. Es gibt in Japan eine ganz eigene Form von Sensibilität. Das wird in der Zusammenarbeit dann auch spürbar.
 
Gregor Jansen: Mich persönlich begeistern die Offenheit, die Neugierde und die Dialogbereitschaft, ob bei Künstlern, bei Kuratoren oder bei Wissenschaftlern. Und ich mag einfach die schnelle Veränderung. Es gibt immer diesen schönen Satz: Das 20. Jahrhundert gehörte Amerika, das 21. gehört Asien. Ich finde es toll, diese Energie und Dynamik mit zu verfolgen, davon zu lernen und darauf zu reagieren. Auch Korea im Speziellen ist extrem spannend. Bei der Media City Seoul wird ja seit 2000 versucht, ein ganzes Stadtgebiet kulturell aufzuwerten, um dort Medien- oder Kreativwirtschaft anzusiedeln. Solche Riesen-Projekte sind in Deutschland undenkbar. Da werden Millionen reingepumpt, um eine Identität zu generieren, die man so natürlich nur schwer gewinnt. Aber dennoch ist das ein toller Schritt, um Dinge zu bewegen und ein Bewusstsein zu schaffen für die Kultur in der Gesellschaft.
 

Raphaela Vogel Raphaela Vogel | © Raphaela Vogel Raphaela Vogel (1988) lebt und arbeitet in Amsterdam. 2014 machte sie ihren Abschluss an der Städelschule Frankfurt/Main, 2015 erhielt sie den Columbus Förderpreis für aktuelle Kunst. In ihren Arbeiten nutzt sie oft Drohnen und verknüpft Skulptur, Video-Installation und Performance.

Frau Vogel, noch etwas ganz anderes zum Abschluss: in Ihrem Werk „Mogst mi du ned, mog i di“, das Teil der Ausstellung im Nam June Paik Art Center ist, wird ein Lied des österreichischen Sängers Hubert von Goisern zitiert. Dessen Text dürfte für viele erst einmal sehr fremd klingen. Was hat es damit auf sich?
 
Raphaela Vogel: Ich bin einfach so begeistert von einem Album von Hubert von Goisern, das habe ich schon sehr lange gehört. Ich habe es durch meine Eltern kennengelernt. Und dieses Intro hat einfach gut gepasst zu dieser einen Szene und dann auch zum Rest des Filmes. Er singt in dem Lied davon, welche Art von Frauen er mag und welche nicht. Schließlich sagt er: „Wenn du mich nicht magst, mag ich dich." Das hat für mich zu dem Konflikt in meinem Video, zwischen der Drohne als einer Art männlichem Darsteller und mir, zu diesem „Anmachen“ gepasst. Aber ich bin auch einfach ein Fan von ihm – und mein Video ist auch in den Bergen gedreht.