„Die Zauberflöte“ der Komischen Oper Berlin
„Mozart hätte einen Riesenspaß“

Die „Zauberflöte“ in der Inszenierung von Barrie Kosky und 1927
Die „Zauberflöte“ in der Inszenierung von Barrie Kosky und 1927 | Foto: Iko Freese, drama-berlin.de

Die Inszenierung der „Zauberflöte“ durch die Komische Oper Berlin und die britische Gruppe 1927 sorgt seit der Uraufführung 2012 weltweit für Furore. Mit ihrer Verbindung aus Oper und Animation ist sie im Oktober 2017 auch in Korea zu sehen – beim ersten Gastspiel der Komischen Oper Berlin in Korea überhaupt. Philip Bröking, Operndirektor der Komischen Oper Berlin, im Gespräch.

Herr Bröking: Die Inszenierung von Barrie Kosky und der britischen Gruppe 1927 um Suzanne Andrade und Paul Baritt besticht mit Animationen im Stil der 1920er anstelle eines Bühnenbildes. Wie kam es zu dieser Idee?
 
Barrie Kosky fing 2012 als Intendant bei der Komischen Oper an. Wir konnten damals eine neue Zauberflöte gut für unser Repertoire gebrauchen, aber Barrie Kosky fragte sich, wie man eine Zauberflöte überhaupt inszenieren könne. In Deutschland haben viele, die in die Oper gehen, bereits mehrere verschiedene Fassungen im Kopf. Er hatte keine Lust, den Vogelfänger Papageno schon wieder in ein Federkostüm zu stecken. Doch dann lernte er bei einem Festival in Hannover die Arbeit der britischen Theatergruppe „1927“ kennen und dachte sofort: mit denen ist das machbar, weil mit deren Stil und Mitteln gewährleistet ist, dass die Bildsprache und die Bildgewaltigkeit dieser Oper entsprechend herausgearbeitet werden kann.
 
Animation klingt erst einmal recht kalt und technisch. Wie muss man sich das vorstellen?
 
Philip Bröking, Operndirektor der Komischen Oper Berlin Philip Bröking, Operndirektor der Komischen Oper Berlin | Foto: Komische Oper Berlin Die Art, wie wir das gemacht haben, folgt zu 100 Prozent dem Inhalt und der Handlung. Es ist die Zauberflöte mit all ihren Implikationen, so wie Mozart sie geschrieben hat. Wir reden natürlich in dem Zusammenhang viel über Technik, einfach weil es neu und innovativ ist. Aber eigentlich ist das ein Opernabend, der in jeder Sekunde nur von Menschen handelt und von Menschen gemacht wurde. Jedes Bild ist in zwei Jahren Arbeit von Paul Barrit handgezeichnet worden. Da hat kein Computer jemals eine Rolle gespielt. Der Computer ist lediglich wie eine Mappe, aus der man die Bilder herauszieht und zeigt. Unsere Sängerinnen und Sänger interagieren mit der Animation und es ist auch nicht so, dass der Film losgeht und der Dirigent dem Film folgt. Der Film folgt dem Dirigenten. Das heißt, jeder Abend ist unterschiedlich, je nachdem, wie der musikalische Leiter des Abends die Tempi wählt und musikalisch Akzente setzt. Also, ich bin davon überzeugt: wenn Mozart die Produktion sehen könnte, hätte er einen Riesenspaß.
 
Für die Menschen, die mit der Animation agieren, also die Sängerinnen und Sänger, ist das aber sicher erst einmal ungewohnt. War das die größte Herausforderung beim Entstehen dieser Produktion?

 
Absolut. Diese Produktion funktioniert nur mit Sängern, die lange dafür geprobt haben. Man kann es auch nur mit einem bestimmten Sängertypen machen. Es gibt ja Sängertypen, die ihre Bewegung auf der Bühne aus der Musik, aus der Phrase der Musik herausnehmen. Sozusagen mit der Musik in neue Bewegungsabläufe eintauchen. Das können wir hier alles nicht gebrauchen. Die Inszenierung hat nichts mit psychologischen Motivationen zu tun. “Denk dir mal, du wärst…”, das fällt komplett weg. Es ist eine rein choreographische Arbeit, eine Frage der Mimik und der Gestik, was auch mit der expressionistischen Ästhetik der 20er Jahre zu tun hat. Die Inszenierung erfordert eine große Genauigkeit. In der Regel können Sänger, die sich gut bewegen können und tänzerische Fähigkeiten haben, so etwas machen.
 

Trailer der Zauberflöte in der Inszenierung von Barrie Kosky und 1927 (Quelle: YouTube)
 
Es ist das erste Gastspiel der Komischen Oper in Korea. Was zeichnet die Komische Oper Berlin aus?

Die Komische Oper wurde 1947 von Walter Felsenstein gegründet, der im Ostteil von Berlin eine Oper für das Volk machen wollte. Die ursprüngliche Oper war ja eine Angelegenheit des Adels, dann kam irgendwann das gehobene Bürgertum dazu. Walter Felsenstein schlug nach dem Krieg der sowjetischen Militärregierung vor, eine Oper zu gründen, die allen zugänglich sein müsse, daher auch das Dogma, alle Werke in deutscher Sprache aufzuführen. Ein Dogma, mit dem wir, um es mal so zu sagen, bis 2012 zuletzt leben mussten. In früheren Zeiten, als das Publikum weniger Sprachen gesprochen hat, weniger international war und es auch die Technik der Übertitel nicht gab, war die deutsche Sprache vielleicht für das Verständnis einer Oper hilfreich. Wobei ich mich schon immer gefragt habe, wie man zum Beispiel in La Traviata der Arie von Violetta im Koloratur-Teil textlich folgen soll - selbst wenn es auf Deutsch ist. Seit 2012 entscheiden wir die Aufführungssprachenun Stück für Stück.
 
Und um zum Abschluss noch ein Missverständnis aus dem Weg zu räumen: Sind alle Opern der Komischen Oper komisch?

 
Nein. Das wissen die wenigsten: auch George Bizets Carmen, die nicht durchgehend komisch oder humorvoll ist, ist eine „Komische Oper“. „Komische Oper“ bezieht sich auf den französische Begriff der „Opera Comique“ also der Schauspieloper, die statt mit Rezitativen mit gesprochenen Dialogen arbeitet.
 

Die Zauberflöte der Komischen Oper Berlin in der Inszenierung von Barrie Kosky und der britischen Theatergruppe 1927 entstand zunächst 2012 in Berlin. Seit 2015 tourt diese außergewöhnliche Inszenierung weltweit und wurde bis Herbst 2017 von über 361.000 Besuchern in mehr als 275 Vorstellungen gesehen. Im Oktober 2017 wird sie bei drei Aufführungen im Asia Culture Center in Gwangju erstmals in Korea präsentiert.